07:41 19 August 2018
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    Verbrennung der sowjetischen Fahne in Prag 1968

    Warum im „Prager Frühling“ 1968 rote Fahnen verbrannten

    © AFP 2018 / Archiv
    Politik
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    Tilo Gräser
    50 Jahre "Prager Frühling" – Rückblicke und Meinungen (5)
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    Die Ereignisse in der ČSSR vor 50 Jahren bis zum Truppeneinmarsch unter Moskauer Führung im August 1968 beschreibt der Historiker Dieter Segert in der Zeitschrift „WeltTrends“. Er zeigt, wie stark antikommunistisch die Reformbewegung auch war. Für ihn ist der „Prager Frühling“ das Vorspiel zum Untergang des Staatssozialismus ab Herbst 1989.

    „1968 sieht im Westen anders aus als im Osten Europas“, so der Wiener Historiker Dieter Segert in einem Beitrag der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „WeltTrends“ (Nr. 141/Juli 2018). Diese ist dem Jahr 1968 mit den damaligen Ereignissen und Entwicklungen in West und Ost gewidmet. „Im Unterschied zu den Protestbewegungen sowie dem kulturellen Wandel in den Gesellschaften Westeuropas und der USA spielten die Studenten in der Tschechoslowakei nur eine untergeordnete Rolle. Auch die Arbeiter traten eher als Manövriermasse der Gegenreform in Erscheinung.“ Der Historiker gibt in seinem Beitrag einen chronologischen Ablauf der grundlegenden Ereignisse wieder.

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    „Haupttriebkraft des osteuropäischen 1968 waren vor allem Widersprüche zwischen den deklarierten Zielen und den Resultaten der sozialistischen Umwälzung.“ Laut Segert gehörte zu den Ursachen des „Prager Frühlings“ zum einen „die zweite Welle der Entstalinisierungsbemühungen unter Chruschtschow im Jahr 1961“. Die sei für die Führung der Kommunistischen Partei in der ČSSR (KPTsch) unerwartet gekommen.

    Interne Probleme

    Zum anderen habe sich Anfang der 1960er Jahre gezeigt, dass die zentrale Planwirtschaft ineffizient war und die ethnischen Konflikte zwischen Tschechen und Slowaken zunahmen. Eine Reihe von Schriftstellern des Landes hat laut Segert auf ihrem 4. Kongress 1967 die Politik der Parteiführung deutlich kritisiert. Studenten hätten sich außerdem in Prag im Herbst 1967 gegen die Zustände in ihren Wohnheimen aufgelehnt.

    Auch innerhalb der KPTsch sei es zu Spannungen und Konflikten gekommen, so der Historiker. Dafür steht aus seiner Sicht die Biographie des „führenden kommunistischen Reformers“ Alexander Dubček, der als „Hoffnungsträger“ galt. Dieser sei von 1925 bis 1938 in der Sowjetunion aufgewachsen, erinnert Segert, um sich dann später als KP-Funktionär für eine größere Unabhängigkeit von Moskau einzusetzen. Das sei von breiten nichtkommunistischen Kreisen in der Bevölkerung unterstützt worden.

    Gewandelte Funktionäre

    Die Machtübergabe des bisherigen KP-Chefs Antonin Novotný an Dubček beim „Januar-Plenum“ der KPTsch am 5. Januar 1968 sei der „entscheidende Durchbruch“ gewesen, meint Segert. Novotný sei noch einige Wochen Präsident des Landes geblieben, während gleichzeitig sogenannte reformorientierte Kader wie František Kriegel, Ota Šik und Zdeněk Mlynař in die Parteiführung aufrückten. Diese seien zuvor von Funktionären zu „überzeugten Anhängern einer Veränderung“ geworden.

    Zugleich seien durch den „Prager Frühling“ in der ČSSR neben KP-Mitgliedern „weitere, nicht- und antikommunistische Gruppen der Bevölkerung“ mobilisiert worden, so aus den früheren enteigneten Oberschichten, verfolgte Sozialdemokraten und Nichtkommunisten vor allem aus Kirchenkreisen. Segert erinnert an die Ereignisse, so als im März 1968 die Pressezensur abgeschafft wurde und Präsident Novotný zurücktrat sowie an das „Aktionsprogramm“ der KPTsch vom April des Jahres. In diesem seien neben Formeln des bisherigen dogmatischen Kommunismus „atemberaubend mutige Änderungen“ angekündigt worden.

    Verheimlichte Ziele

    Laut Segert gehörte dazu die „Suche nach einem neuen Typ Sozialismus“, nach dem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie es später hieß. Das Programm habe außerdem das Ziel gehabt, das politische System zu demokratisieren, einschließlich der „strikten Unterordnung der Macht unter das Recht“. Hinzu sei gekommen, dass die begonnenen Wirtschaftsreformen, orientiert am Beispiel Jugoslawien, zu einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ führen sollten. Der internationale Rahmen, die Auseinandersetzung zweier grundlegend verschiedener Systeme im „Kalten Krieg“, bleibt beim Wiener Historiker unterbelichtet.

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    Segert lässt ebenso aus, was Protagonisten des „Prager Frühlings“ wie beispielsweise Šik und Mlynař später über die tatsächlichen Ziele ihrer „Reformen“ sagten. So erklärte der Ökonom Šik im Dezember 1968 in einem TV-Interview: „Wir wollen wirkliche Unternehmer und einen freien Markt.“ In einem am 5. November 1990 veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ sagte er: „Wir, der Kern der ökonomischen Reformer, versuchten in Prag damals eben nicht den Kommunismus zu reformieren. Unser eigentliches Ziel war es, ihn abzuschaffen und ein neues System aufzubauen.“ Es sei nur „von der Reform hin zu einer sozialistischen Demokratie oder sozialistischen Marktwirtschaft“ gesprochen worden, „weil man sonst überhaupt nicht an die Öffentlichkeit gelangt wäre“.

    Zugespitzter Konflikt

    Klaus Kukuk, ehemaliger Diplomat an der DDR-Botschaft in Prag und Dolmetscher wichtiger Gespräche zwischen den Parteiführungen 1968, verwies gegenüber Sputnik auf ein Buch von Mlynař mit Gesprächen mit Michail Gorbatschow („Reformátoři nebývají šťastni  – Dialog o perestrojce, Pražském jaru a socialismu“ 1995; 2003 auf Englisch). Darin habe der Prager „Reformer“ ausdrücklich eingestanden, es wäre möglich gewesen, die Situation 1968 „mit einigen kosmetischen Korrekturen“ zu entschärfen und den Einmarsch im August zu verhindern. Aber, so Mlynař laut Kukuk: „Dann hätte es keinen ‚Prager Frühling‘ gegeben.“ Der Ex-Diplomat beschrieb aus eigenem Erleben, dass die Unterstützung in der tschechoslowakischen Bevölkerung sich vor allem auf die größeren Städte beschränkt habe.

    Der Historiker Segert benennt in seinem „WeltTrends“-Beitrag, wie sich zum einen in der ČSSR 1968 die gesellschaftliche Atmosphäre änderte, was selbst bei offiziellen Feiertagen wie dem 1. Mai zu erleben gewesen sei. Dagegen hätten die Führungen der anderen sozialistischen Staaten, voran Moskau, zunehmend politischen Druck auf Prag ausgeübt und vor einer „Konterrevolution“ gewarnt. Damit verbunden seien für den Herbst des Jahres geplante gemeinsame Manöver des Militärbündnisses „Warschauer Vertrag“ in der ČSSR auf Juni vorgezogen worden. Der Konflikt zwischen den beiden Lagern zeigte sich in zunehmend konfrontativen Appellen.

    Militärisches Ende

    Die so eingeleitete letzte Phase des „Prager Frühlings“ endete mit dem Einmarsch von Truppen des „Warschauer Vertrages“ aus der Sowjetunion, Bulgariens, Polen und Ungarns in der Nacht zum 21. August 1968, erinnert Segert. Die Einheiten der DDR-Armee NVA blieben auf eigenem Territorium in Reserve. Die tschechoslowakische Führung sei verhaftet und in ein sowjetisches Gefängnis gebracht, später aber wieder freigelassen worden. Während militärischer Widerstand ausblieb, ist es laut dem Historiker zu einer „breiten nationalen Protestbewegung gegen den Einmarsch“ gekommen.

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    In der Folge seien die bis dahin eingeleiteten Reformen schrittweise zurückgenommen und Führungsfunktionen der KPTsch neu besetzt worden mit moskautreuen Kadern. Segert lässt allerdings wie andere Historiker aus, was die einmarschierten Truppen nach Angaben von Ex-Diplomat Kukuk dafür taten, die Lage zu entschärfen. So haben sie danach innerhalb kurzer Zeit ihre Präsenz in den Städten reduziert, die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung wieder verbessert und Probleme im Alltag beseitigt, die in Folge der zum Teil chaotischen Verhältnisse der Vormonate entstanden waren.

    Späte Folgen

    „Die Nacht, in der die Panzer kamen, ist im kollektiven Gedächtnis verankert geblieben“, stellt Segert fest. Die einstigen „Reformer“ des „Prager Frühlings“ wie Dubček würden noch heute als „Verräter“ angesehen, weil sie nach 1968 halfen, ihre Politik zu korrigieren. In den Folgejahren haben sich die „antikkommunistischen Aversionen in der Bevölkerung“ der Tschechoslowakei verstärkt, nennt Segert als eine der Folgen – „sie bleiben bis heute wirksam“. Er sieht als ein Erbe des „Prager Frühlings“: Ohne diesen und die damit verbundene „Erfahrung einer sich liberalisierenden Gesellschaft hätten sich die Akteure der samtenen Revolution des Jahres 1989 nicht herausbilden können.“

    Weitere Beiträge in der aktuellen „WeltTrends“-Ausgabe mit Schwerpunkt der Ereignisse vor 50 Jahren beschäftigen sich mit den 68er-Protesten in Westeuropa (Gerd-Rainer Horn), den grundlegenden Ideen und Ereignissen im damaligen Pariser Mai (Alexander Neupert-Doppler), den damals aktiven „Politsekten“ (Wolfgang Kraushaar) sowie dem Zusammenhang zwischen 68er-Bewegung und der Neuen Rechten“ (Michael Zantke).

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    © Foto : Verlag WeltTrends
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    Tags:
    Konflikte, Studenten, Proteste, Prager Frühling, Kalter Krieg, Michail Gorbatschow, Tschechoslowakei, DDR, Jugoslawien, Slowakei, Tschechien, UdSSR
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