03:43 20 Oktober 2018
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    Studentenproteste in Paris im Mai 1968

    Was „Prager Frühling“ und „Pariser Mai“ 1968 gemeinsam hatten und was sie trennte

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    Politik
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    Tilo Gräser
    50 Jahre "Prager Frühling" – Rückblicke und Meinungen (8)
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    Die Ereignisse in der ČSSR 1968 haben ähnliche Wurzeln wie die 68er Bewegung im Westen, so der Historiker Stefan Bollinger. Er sagt: Vor 50 Jahren haben Ost und West die neuen technologischen Entwicklungen und ihre sozialen Folgen diskutiert. Für ihn ist der „Prager Frühling“ als eine Antwort auch an der Systemauseinandersetzung gescheitert.

    Ein erfolgreicher „Prager Frühling“ mitten im Kalten Krieg hätte dem Westen genutzt: Eine nicht mehr sozialistische Tschechoslowakei wäre für die Nato ein Keil ins sozialistische Lager bis an die Grenze der UdSSR gewesen. Auf diese Möglichkeit wies der Berliner Historiker Stefan Bollinger in einem Nebensatz während eines Gesprächs mit Sputnik über die Ereignisse vor 50 Jahren hin. Damit dürfte er auf eines der Hauptprobleme der damaligen Situation hingewiesen haben.

    Das „lange Jahr“ 1968 war ein globales Ereignis, stellte Bollinger im April dieses Jahres auf einer Konferenz der linksparteinahen Stiftung „Helle Panke“ über die internationale Dimension der Ereignisse und Entwicklungen vor 50 Jahren fest. Er bezeichnete es als „hilfreich, den Blick zu weiten auf eine ‚Chiffre 1968‘, in der sicher das Ereignisjahr eine wichtige Rolle spielt, aber für einen Zeitraum von wohl zwei Jahrzehnten steht“.

    Gemeinsame Probleme

    Damals habe „sich die Welt von den Gewissheiten eines Jahrhunderts, von den Gewissheiten eines fordistisch organisierten Kapitalismus, von den Gewissheiten eines allein sowjetischen – und das hieß stalinistisch geprägten – Staatssozialismus, von den klaren Frontstellungen der System- und Blockkonfrontation mit ihren politischen Akteuren in Ost und West“ verabschiedet.

    „Die drei großen Ereignisse des Jahres 1968 fanden in Vietnam, in Paris und in Prag statt“, erinnerte Bollinger. „Sie hatten ihren jeweils eigenen Charakter, ihre eigenen Herausforderungen. Ziele, Opfer, Niederlagen und Resultate reichen dennoch weit über den Tag hinaus.“ Sie hätten etwas gemeinsam gehabt, was Gesellschaft und Politik noch im 21. Jahrhundert beschäftigt: „Gemeinsam war ihnen – auch wenn das erst auf den zweiten Blick erkennbar wird: Die Welt trat zu Beginn des Jahrzehnts, natürlich mit Vorläufern, in eine Technologierevolution, oder, wie es im Ostblock … in eine wissenschaftlich-technische Revolution ein.“

    Prager Erkenntnisse

    Bollinger verwies dabei darauf, dass Mitte der 1960er Jahre ein Prager Wissenschaftlerteam um Radoslav Richta im Auftrag der Kommunistischen Partei der ČSSR (KPTsch) die „wissenschaftlich-technische Revolution mit ihren sozialen, ökonomischen, auch individuellen Konsequenzen untersucht und Reformbedarf in Ost wie West ausgemacht“ hat. „Auch in Prag dachte man über den Wenzelsplatz hinaus“, so der Historiker über den damaligen „Richta-Report“. Zu den Erkenntnissen habe gehört, „diese wissenschaftlich-technische musste zugleich eine soziale Revolution sein“.

    Der Historiker Stefan Bollinger bei einer Tagung im Frühjahr 2018
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Historiker Stefan Bollinger bei einer Tagung im Frühjahr 2018

    Schon vor 50 Jahren habe sich gezeigt: Diese neuen Technologien „verlangen nach neuen Formen des Wirtschaftens, nach der politischen, vielleicht demokratischen Gestaltung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.“ Die Bildung spiele dabei eine wichtige Rolle. Aber auch der Mensch müsse sich entsprechend verändern.

    In den Ostblockstaaten begriffen laut Bollinger die Ökonomen und einige Politiker, dass die Zeiten des extensiven Wirtschaftens vorbei und Wirtschaftsreformen notwendig waren. „Wirtschaftliche Intensivierung stand auf der Tagesordnung, und das hieß Abschied von einer dirigistischen Planwirtschaft und hin zu einer mit ökonomischen Hebeln, mit Gewinn und materieller Interessiertheit arbeitenden Wirtschaft. Die DDR und die ČSSR waren als höchstentwickelte Ostblockstaaten dafür prädestiniert.“ Aber Berlin und Prag seien unterschiedliche Wege gegangen. „Bald stand in der ČSSR die Frage nach politischem Pluralismus auf der Tagesordnung – und damit die Machtfrage. Die Moskauer Lösung dieses Problems ist bekannt.“

    Verschiedene Interessen

    Der „Prager Frühling“ sei ein Antwortversuch, erklärte Bollinger im Sputnik-Interview. Er wiederholte dabei, dass die Erkenntnisse des „Richta-Reports“ auch in der DDR-Führung unter Walter Ulbricht „durchaus positiv zur Kenntnis genommen“ wurden. Ausgangspunkt in der ČSSR sei die versuchte Wirtschaftsreform Mitte der 1960er Jahre gewesen, weg vom starren Planungssystem hin zu einem System mit einer stärkeren Rolle der Betriebe, von Leistung und Gewinn auch der Beschäftigten. Aber der bisherige Apparat in Partei und Wirtschaft habe nicht wie gewünscht mitgezogen, weil er befürchtet habe, Positionen und Einfluss zu verlieren.

    Der nur bedingte Erfolg der Reformen „hat nicht allein seine Ursache in einer Verweigerungshaltung der Funktionäre“, stellte Bollinger bereits auf der Konferenz im April fest. „Auch die Arbeiter waren oft keineswegs begeistert, wenn nun ihre eigene Leistung oder Leistungszurückhaltung zum ausschlaggebenden Maßstab werden sollte. Wer konnte jetzt noch korrigieren, um soziale Belange zu berücksichtigen und Konflikte zu vermeiden?“ Zu den Problemen in der Wirtschaft seien die Folgen des Stalinismus in der ČSSR gekommen ebenso wie die zunehmenden Forderungen nach demokratischen Reformen und die Konflikte zwischen Slowaken und Tschechen, ergänzte er im Interview.

    Vergebene Chancen

    Die tschechoslowakische Intelligenz habe sich zunehmend aufmüpfig und bestrebt gezeigt, über die sozialistischen Vorgaben hinaus zu denken. Die Entwicklungen hätten im Januar 1968 zu Austausch der KPTsch-Führungskader geführt, erinnerte Bollinger. Dabei sei mit KP-Chef Antonin Novotný derjenige durch Alexander Dubček abgelöst worden, der die Wirtschaftsreformen angestoßen und dafür den Ökonomen Ota Šik engagiert hatte. Letzterer erklärte dann 1990: „Wir, der Kern der ökonomischen Reformer, versuchten in Prag damals eben nicht, den Kommunismus zu reformieren. Unser eigentliches Ziel war es, ihn abzuschaffen und ein neues System aufzubauen.“

    Dubčeks Versuch, die Reformen zu radikalisieren, ist laut dem Historiker eine „tiefe Zäsur in der Entwicklung des Realsozialismus“ sowie der „Versuch einer inneren Erneuerung“ gewesen. Anfang 1968 noch sei das in den anderen sozialistischen Staaten wie der DDR „durchaus aufgeschlossen“ gesehen worden, ergänzte er. Das sei später SED-Chef Ulbricht von Moskau und aus den eigenen Reihen vorgeworfen worden.

    „Wenn die Reform erfolgreich gewesen wäre, hätte es möglicherweise andere Chancen für die weitere Entwicklung in den nächsten 20 Jahren des Ostblocks gegeben.“ Bollinger ist sich aber nicht sicher, „ob das in der Praxis funktioniert hätte, da kann man immer ein Fragezeichen dahinter setzen“. Mit der Militärintervention durch Truppen des „Warschauer Vertrages“ am 21. August sei der Versuch faktisch beendet worden.

    Internationale Rahmenbedingungen

    Der Berliner Historiker erinnerte an die Rahmenbedingungen durch die damalige Systemauseinandersetzung zwischen dem real existierenden Kapitalismus und seinem realsozialistischen Gegenüber. Zwar hätten die USA und die UdSSR im Großen und Ganzen die vereinbarte Ordnung seit der Konferenz von Jalta 1945 eingehalten.

    „Aber natürlich hätte man auch von Seiten des Westens weiter versuchen können, diese Auflockerung in der Tschechoslowakei, dieses Mehr an demokratischen Möglichkeiten und an Öffentlichkeit für ein Herausbrechen aus dem Ostblock auszunutzen.“

    In den sozialistischen Hauptstädten sei das große Interesse des Westens am „Prager Frühling“ beobachtet worden.

    Mit Blick auf Auftritte der tschechoslowakischen „Reformer“ im westlichen TV meinte er: „Man konnte sicher nicht davon ausgehen, dass in Zeiten des Kalten Krieges das bundesdeutsche oder österreichische Fernsehen unbedingt die Sprachrohre eines ‚besseren Sozialismus‘ sein können.“ Der „Prager Frühling“ sei auch an der Systemauseinandersetzung gescheitert, stellte Bollinger „ganz nüchtern“ fest.

    Moskauer Sorgen

    Vor allem in Moskau seien die Ereignisse in der ČSSR als Bedrohung eingeschätzt worden. Die Sorge sei gewesen: Eine herausgebrochene Tschechoslowakei hätte als tiefer Keil innerhalb des „Warschauer Vertrages“ schon damals die Nato ganz nah an die Grenze der Sowjetunion heranbringen können. Es habe in Moskau ebenso die Sorge vorgeherrscht, „dass unreflektierte Vorstellungen von mehr Demokratie sowie mehr öffentlicher Diskussion in der einen oder anderen Weise auch die anderen Ostblock-Staaten treffen könnten“.

    Rückblickend meinte Bollinger, dass es in der ČSSR 1968 eine „ideale Situation für Veränderungen“ gegeben habe: Die Antwort auf die angestauten gesellschaftlichen Probleme kam von der regierenden KPTsch. Diese „Reform von oben“ sei an der Basis, in der Bevölkerung auf Sympathie gestoßen. Aber in der Tschechoslowakei hätten damals auch „dem Sozialismus nicht wohlgesonnene Gruppen versucht, ihr eigenes Süppchen zu kochen“. Gleichzeitig habe die Führungsmacht im eigenen Lager „sehr große Angst gehabt“, dass die Entwicklung aus dem Ruder gerät.

    Linke Niederlage

    „Erfolg werden solche Bewegungen nur haben, wenn sie Verbündete haben und unterstützt werden, um die Gesellschaft tatsächlich zu verändern, so dass für die einfachen Leute dabei etwas herauskommt. Die große Gefahr ist, dass sich andere Kräfte an die Spitze setzen, so wie wir in der letzten Zeit soziale Bewegungen erleben, die auf Widersprüche, Konflikte und ungelöste Fragen in der Gesellschaft reagieren, die aber nicht mit einem Mehr an Demokratie, einem Mehr an internationaler Entwicklung und einem Mehr an Offenheit zu tun haben, sondern versuchen, das in nationalistische Bahnen zu lenken.“

    So hätten die sogenannten Farbrevolutionen der letzten 20 Jahre ganz reale soziale Konflikte und daraus entstehende soziale Bewegungen in Bahnen gelenkt, die „gegen die eigentlichen Auslöser, die einfachen Menschen auf der Straße und auch die mittragenden Intellektuellen gerichtet waren“. Damit seien nur die bestehenden Strukturen und Machtverhältnisse gefestigt worden.

    Zwei 1971 und 1972 auf deutsch erschienene Publikationen von Radovan Richta, darunter der Richta-Report
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Zwei 1971 und 1972 auf deutsch erschienene Publikationen von Radovan Richta, darunter der "Richta-Report"

    Auf der Konferenz im April stellte Bollinger fest: „Das Jahr 1968 steht unter diesen Vorzeichen in zweierlei Hinsicht für eine Niederlage der linken, sozialistischen Ziele. Zum einen hat der Realsozialismus 1968 mit der Niederwerfung des ‚Prager Frühlings‘ – so verständlich er zur Wahrung des Status quo sein mochte – die Fähigkeit zu Selbstkritik und Selbstkorrektur, zur Weiterentwicklung zerstört. Zwanzig Jahre später war es offenkundig zu spät. Einschränkend muss allerdings auch daran erinnert werden, dass keiner weiß, wie es 1968 in Prag ausgegangen wäre. Oder auch im Pariser Mai. Die Erfahrung von 1989/91 ist hier in den osteuropäischen Staaten wenig ermutigend.“

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    50 Jahre "Prager Frühling" – Rückblicke und Meinungen (8)
    Tags:
    Machtumsturz, Studenten, Proteste, Demokratie, Reform, Kapitalismus, Sozialismus, Prager Frühling, Kalter Krieg, Charles de Gaulles, Walter Ulbricht, Alexander Dubček, Frankreich, Tschechoslowakei, DDR