10:52 18 August 2018
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    Sonne (Symbolbild)

    Nach Warnung vor 5 Grad Erderwärmung: Linke fordert Ende von Krisenkapitalismus

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    Politik
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    Bolle Selke
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    Auch wenn es gelingt das Pariser Abkommen einzuhalten und die globale Erwärmung bei bis zu zwei Grad Celsius zu stoppen, könnte der Planet in einen sogenannten „Hothouse Earth“-Zustand geraten. Grund dafür sind sogenannte „Rückkopplungsprozesse“. Der Meeresspiegel könnte um 10 bis 60 Meter ansteigen.

    Die Niederlande versinken in der Nordsee, genauso Dänemark und große Teile Norddeutschlands.

    Auch Berlin steht unter Wasser, Dortmund ist eine Küstenstadt, und Metropolen wie London oder Venedig liegen ebenso unter Wasser wie New York, Bangladesch oder das Amazonas-Becken. Große Teile von Spanien bestehen aus Wüste. Ganze Landstriche in Afrika sind unbewohnbar. So oder ähnlich könnte die Welt in Zukunft aussehen, trotz der Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Davor warnen Klimaforscher.

    Klima könnte „kippen“

    In einer Überblicksarbeit in der Fachzeitschrift „Proceedings“ der amerikanischen Akademie der Wissenschaften (PNAS) warnt ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Forschern vor Kippelementen, die eine Erderwärmung auch ohne menschliches Zutun verursachen könnten.

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    Leitautor Will Steffen von der Australian National University (ANU) und dem Stockholm Resilience Centre (SRC) sagt:

    „Industrielle Treibhausgasemissionen sind nicht der einzige Faktor, der die Temperatur auf der Erde beeinflusst. Unsere Arbeit weist darauf hin, dass eine vom Menschen verursachte globale Erwärmung von zwei Grad Celsius andere Prozesse des Erdsystems anstoßen könnte, oft als Rückkopplungen bezeichnet. Diese wiederum könnten die Erwärmung weiter vorantreiben – selbst wenn wir aufhörten, Treibhausgase auszustoßen. Um dieses Szenario zu vermeiden, ist es notwendig, das menschliche Handeln in eine neue Richtung zu lenken, von der Ausbeutung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Erdsystem.“

    Unkontrollierte Freisetzung von Emissionen

    Die globale Durchschnittstemperatur liegt derzeit bei einem Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau und steigt laut dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) um etwa 0,17 Grad Celsius pro Jahrzehnt an. In der Studie werden zehn natürliche Rückkopplungsprozesse betrachtet, von denen einige mit den sogenannten Kippelementen im Erdsystem verknüpft sind. Durch das Überschreiten kritischer Schwellen könnten diese in fundamental andersartige Zustände versetzt werden.

    Solche Rückkopplungen könnten Kohlenstoffspeicher in Kohlenstoffquellen verwandeln, die in einer wärmeren Welt unkontrolliert Emissionen freisetzen würden. Als kritische Prozesse gelten insbesondere tauender Permafrost, der Verlust von Methanhydraten vom Meeresboden, eine Schwächung von Kohlenstoffsenken an Land und in den Ozeanen, eine zunehmende bakterielle Atmung in den Ozeanen, das teilweise Absterben des Amazonas-Regenwaldes sowie der borealen Wälder, eine Verringerung der Schneedecke auf der Nordhalbkugel, der Verlust von arktischem und antarktischem Meereis sowie das Schrumpfen der großen Eisschilde. Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre und designierter Ko-Direktor des PIK warnt:

    „Diese Kippelemente könnten sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten. Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu. Es könnte sehr schwierig oder sogar unmöglich sein, die ganze Reihe von Dominosteinen davon abzuhalten, umzukippen. Manche Orte auf der Erde könnten unbewohnbar werden, wenn die „Heißzeit“ Realität würde.“

    Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des von ihm 1992 gegründeten PIK, betont, dass die Treibhausgasemissionen aus Industrie und Landwirtschaft unser Klima und letztlich das ganze Erdsystem aus dem Gleichgewicht bringen. Er fügt hinzu:

    „Im Zentrum stehen hier vor allem die Kippelemente in der globalen Umwelt, die sich – sobald ein bestimmtes Belastungsniveau einmal überschritten ist – grundlegend, schnell und möglicherweise irreversibel verändern könnten. Gewisse Kaskaden solcher Ereignisse könnten das gesamte Erdsystem in eine neue Betriebsweise kippen.“

    Weitere Forschung nötig

    Man wisse noch nicht, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau „geparkt“ werden könne, wie es das Pariser Abkommen vorsehe, oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen würde in ein „dauerhaftes Supertreibhaus-Klima.“ Die Forschung müsse sich daran machen, dieses Risiko schnellstmöglich besser abzuschätzen, fordert der ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen.

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    Katherine Richardson vom Center for Macroecology, Evolution and Climate der Universität Kopenhagen erklärt:

    „Das Klima und andere Veränderungen zeigen uns, dass wir Menschen das Erdsystem bereits auf globaler Ebene beeinflussen. Das bedeutet auch, dass wir als internationale Gemeinschaft an unserer Beziehung zum System arbeiten können, um die zukünftigen planetarischen Bedingungen zu beeinflussen. Diese Studie identifiziert einige der Hebel, die dafür genutzt werden können.“

    Um so einer „Heißzeit“ besser vorbeugen zu können, fordern die Studienautoren eine entschlossene Minderung von Kohlendioxid- und anderen Treibhausgasemissionen, sowie erweiterte biologische Kohlenstoffspeicher, etwa durch ein verbessertes Wald-, Landwirtschafts- und Bodenmanagement, oder die Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie Technologien, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen und unterirdisch zu speichern. Entscheidend sei jedoch, dass diese Maßnahmen auch durch grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gestützt werden. "Die Kohleverstromung ist das schädlichste, was man dem Klima antun kann", so Schellnhuber.

    Rekordsommer 2018

    Der aktuelle Sommer ist bereits einer der heißesten seit Beginn der offiziellen Messungen im Jahr 1881: Der Juli 2018 war in Finnland, Norwegen und Teilen von Schweden der wärmste Juli seit dem jeweiligen Aufzeichnungsbeginn. Die Wassertemperatur in der Ostsee bei Lettland erreichte mit 26 Grad Celsius einen neuen Höchstwert. Ouargla in Algerien meldete am 5. Juli 2018 eine Höchsttemperatur von 51,3 Grad Celsius. Dies ist wahrscheinlich die höchste jemals in Afrika gemessene Temperatur. Furnace Creek im Death Valley in Kalifornien registrierte vom 24. bis 27. Juli 2018 Tageshöchsttemperaturen von 52,8 Grad Celsius.

    Der Vorsitzende der Partei Die Linke, Bernd Riexinger, fragt wie es sein kann, dass die Folgen des Klimawandels nicht flächendeckend und überparteilich die politischen und medialen Top-Themen sind? Er bemerkt:

    „Das System des Krisenkapitalismus zerstört durch massiven Raubbau die Lebensgrundlage der Menschen und seine Claqueure nehmen das entweder billigend in Kauf oder treiben diese Entwicklung mit der sprichwörtlichen ‚Nach uns die Sintflut‘ – Haltung auch noch voran. Die Bundesregierung sitzt die längst überfällige Energiewende aus. Die Klimaziele für 2020 sind von der Bundesregierung spektakulärst verschlafen worden. Ich habe wenig Hoffnung für die Klimaziele 2030.“ Deutschland brauche dringend ein CO2-neutrales Verkehrssystem. Riexinger fordert ein Sofortprogramm mit schnellem Kohleausstieg und einem Fond zur Absicherung der Beschäftigten.

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    Tags:
    Pariser Abkommen, Klima, Erwärmung, Emission, Umwelt, Die LINKE-Partei, Bernd Riexinger, Erde, Dänemark, Niederlande, Deutschland
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