21:05 20 August 2018
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    Verschweigen ZDF und Arte die Wahrheit über US-Finanzmachenschaften in Russland?

    © AFP 2018 / JOE KLAMAR
    Politik
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    Alexander Boos
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    Der Anwalt eines US-Hegdefonds stirbt in Russland unter mysteriösen Umständen. Die USA nehmen das zum Anlass für anti-russische Sanktionen. Dann kommt heraus: Ein Investor der Firma hat in Russland kriminell gehandelt. Interpol und Moskau fahnden immer noch nach ihm. Eine Grüne-Politikerin verhindert die Ausstrahlung einer Doku über den Fall

    Vor wenigen Tagen hat US-Finanz-Analytiker Martin Armstrong die Dokumentation auf seiner Website gepostet. Sie zeigt, dass das Leben immer noch die besten Krimis schreibt: Der „Magnitski-Act“ war 2012 der Auftakt für die anti-russischen US-Sanktionen. Dem Gesetz geht ein versuchter „Finanz-Putsch“ durch US-Investoren gegen Russland voraus. Putin erwähnt die zentrale Figur des Falls beim Staatsgipfel in Helsinki. Bis heute wird die Doku darüber in den USA nicht gezeigt. ZDF und Arte weigern sich, den Film im deutschen TV auszustrahlen. Doch der Reihe nach.

    „2009 starb der russische Wirtschaftsprüfer Sergej Magnitski in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis“, schrieb Jens Berger für die „NachDenkSeiten“ Anfang August. „Drei Jahre später schafften es die Betreiber eines dubiosen Hedge-Fonds durch monumentale Lobby-Aktivitäten, in den USA das Gesetz durchzudrücken, das als Vorläufer weiterer Anti-Russland-Sanktionen gelten kann. Doch was ist in diesem Fall überhaupt wahr?“

    „Finanz-Putsch“ gegen Russland als Vorgeschichte

    Über die damaligen Ereignisse in Russland berichtete der New Yorker Finanz-Experte Martin Armstrong in einem früheren Interview mit Sputnik. Er beschrieb eine gegen Russland gerichtete Verschwörung Ende der 1990er Jahre durch New Yorker Investment-Banker, die das Land „langfristig von US-Geld abhängig“ machen wollten. Es steckte laut ihm der US-Finanz-Fonds „Hermitage Capital Management“ dahinter. Erst als Putin ins Präsidentenamt kam, wurde dem Treiben ein Ende gesetzt, so der Finanz-Analytiker. Alle Mitarbeiter des Fonds in Russland wurden verhaftet.

    Als Magnitski, der „Hermitage Capital“ rechtlich vertrat, in einem russischen Gefängnis starb, führte der damalige US-Präsident Barack Obama die US-Sanktionen gegen Russland ein. „Der Magnitski-Akt hat sich wie kein anderer in die Köpfe Putins und der russischen Elite eingebrannt“, berichtete Bloomberg News Anfang August. „Er traf Putin und seine Kumpane dort, wo es weh tut: in ihren Geldbörsen.“ In das gleiche Horn stößt regelmäßig auch Bill Browder, früherer Investor des US-Hedgefonds und damit ehemaliger Kollege Magnitskis. 

    „Ich bin Putins Feind Nummer Eins“ – US-Investor Browder

    Investor Bill Browder hat sich laut Medien selbst lange als „Wladimir Putins Feind Nummer Eins“ dargestellt. „Er hat mich mit Interpol gejagt, er hat zahlreiche Anfragen an die britische Regierung gestellt, mich auszuliefern“, sagte der US-Amerikaner mit britischem Pass der „Financial Times“. Zudem habe Putin zum wiederholten Male „in Helsinki deutlich gemacht, dass ich seine Nummer Eins bin“.

    Der „Magnitski-Mythos“ begann laut dem in Kanada sitzenden sicherheitspolitischen „Global Research“-Institut, „als Browder seine Geschichte an die neokonservativen Senatoren Ben Cardin, Demokrat in Maryland, und John McCain, Republikaner von Arizona, verkaufte“. Die US-Politiker engagierten sich daraufhin im US-Kongress, das anti-russische Gesetz einzuführen. Heise ergänzt dazu: „US-Medien, die kritisch gegenüber Trump sind und die antirussische Linie der Transatlantiker verfolgen, befragen gerne den ‚Menschenrechtsaktivisten‘ Browder, dessen Magnitski-Geschichte aber nicht hinterfragt wird.“

    Putin nennt Browders Namen in Helsinki

    Mitte Juli nannte Putin in Helsinki auf der Pressekonferenz nach dem Treffen mit US-Präsident Donald Trump die Person Browder namentlich. Er und seine Geschäftspartner haben laut dem russischen Präsidenten etwa 1,5 Milliarden US-Dollar an Gewinnen eingefahren, „ohne in Russland oder in den USA dafür Steuern gezahlt zu haben“, so Heise weiter. Browder wurde demnach mehrfach durch russische Gerichte in Abwesenheit wegen Steuerbetrugs verurteilt.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „Ungeheuerlich“: Browder zu Reaktion des Weißen Hauses auf Russlands Vorschlag

    „Etwa zur gleichen Zeit sagte ein russischer Staatsanwalt, dass Moskau nun seine Bemühungen verdoppeln würde, Browder festzunehmen“, so Bloomberg News vor wenigen Tagen. „Der Staatsanwalt gab die siebte Interpol-Fahndung gegen Browder heraus. Ende vergangener Woche kündigte das Moskauer Außenministerium an, dass es eine weitere Klage gegen Browder erheben wird, und bezeichnete ihn als Leiter einer ‚kriminellen Organisation‘.“

    „The Magnitsky Act – Behind The Scenes“: Ein Film entsteht

    Jedoch wurde Browders krimineller Hintergrund vom Westen offenbar geflissentlich ignoriert. Seine „Erzählung wurde von westlichen Politikern und Medien leichtgläubig gehört“, so das kanadische „Global Research“-Institut. „Die ohnehin geneigt waren, das Schlimmste von Putins Russland zu denken. Sie hielten Browders Behauptungen ohne ernsthafte Prüfung für wahr. Bald darauf zog Browders dramatische Geschichte auch die Aufmerksamkeit des russischen Filmemachers Andrej Nekrassow auf sich, einem bekanntem Kritiker Putins aus früheren Filmen. Nekrassow machte sich daran, ein Doku-Drama zu produzieren.“

    >>Andere Sputniki-Artikel: Fall Browder: Russland rechnet mit Erklärungen zur Interpol-Absage

    Der unter anderem von ZDF und Arte produzierte Dokumentarfilm hat den Magnitski-Fall akribisch untersucht. „Die wohl wichtigste Erkenntnis des Regisseurs war dabei“, so die „NachDenkSeiten“, „dass die im Westen verbreitete ‚offizielle Version‘, die (…) natürlich auch zur ‚Wikipedia-Wahrheit‘ wurde, sich nahezu einzig und allein auf Aussagen und Dokumente von Browder und seinen Anwälten stützt.“ Denn gesichert sei, dass Browder mehrfach die Unwahrheit gesagt habe. Dessen Version weise etliche logische Lücken auf. So nahm der Dokumentarfilm von Grimme-Preisträger Nekrassow eine unerwartete Wendung. Die Magnitski-Geschichte „war wie ein Drehbuch über Russland, geschrieben für das westliche Publikum“, sagte der Filmemacher.

    Ein Film unter Beschuss

    Dennoch beendete der Regisseur den Film – und erzählt darin auch alle Enthüllungen über den US-Investor. Der kritisierte Browder schlug mit Hilfe der Medien zurück: „Mister Browder, der in London lebt, beschuldigt Andrej Nekrassow, ihn diffamiert und die Rolle von Mister Magnitski geschmälert zu haben“, so die „New York Times“ im Juni. „Der Film behauptet, dass es Browder war, der den Betrug orchestriert hat.“ Daher hätten Kritiker auch versucht, „in Washington eine Film-Vorführung zu blockieren“.

    Die englische Fassung des Doku-Dramas wurde im Oktober 2016 auf dem größten europäischen Filmfestival, dem „Prix Europa“, ausgezeichnet. 2017 und 2018 erhielt der Film weitere Preise in Paris und Argentinien.

    Grünen-Politikerin übt Druck auf ZDF und ARTE aus

    Noch vor der deutschen Erstausstrahlung gingen bei ZDF und Arte Schreiben ein. „Unter anderem von Browder“, ist auf Wikipedia zu lesen.

    „Kurz vor Ausstrahlung der Dokumentation lobbyierte die Grünen-Politikerin Marieluise Beck in den Gremien von ZDF und Arte“, berichten die „NachDenkSeiten“, „und Browder ließ aus den fernen USA eine gepfefferte Klagedrohung an die Öffentlich-Rechtlichen versenden. Er fühle sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt. Das ist zwar Unsinn, aber (…) so knickten ZDF und Arte ein und strichen die Dokumentation am Tag der Pressefreiheit aus ihrem Programm.“

    Seitdem läuft die Doku nicht im deutschen Fernsehen. Dafür sah ein kleines Publikum den Film im Juni in der Berliner „Volksbühne“

    Wieso schweigen die Medien?

    „Keine einzige große Nachrichtenagentur hat sich die Mühe gemacht, darüber zu berichten“, kritisierte US-Finanz-Analytiker Armstrong  vor wenigen Tagen auf seiner Website.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Umstrittener Fonds-Manager Browder nun ohne US-Visum

    „Wo ist die unabhängige Berichterstattung? Wo sind die wirklich investigativen Journalisten? (…) Sie (die US-Regierung – Anm. d. Red.) verbot meinen Film ‚The Forecaster‘ in den Vereinigten Staaten, aber er erschien auf der ganzen Welt und war sogar auf Flügen von Fluggesellschaften in die USA zu sehen. Sie hat nun auch den Dokumentarfilm über Bill Browder verbannt. Warum sind zwei Filme, die sich mit dem Thema Russland in den USA beschäftigen, gebannt? Wer steckt hinter der Vertuschung?“

    YouTube nimmt Film offline

    Am 25. Juli veröffentlichte Armstrong auf seiner Website eine Verlinkung zum Doku-Drama „The Magnitsky Act – Behind The Scenes“ unter der Überschrift: „Hier können Sie den Film sehen.“  Ein Aufruf des Filmes am Dienstagabend zeigte, dass die verlinkte Video-Plattform „YouTube“ die Doku mittlerweile wegen rechtlicher Copyright-Bedenken wieder herunter genommen hat. Der Film bleibt somit ein Mysterium.

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    Tags:
    Finanzen, Lobbyismus, Doku, Medien, Financial Times, ZDF, Bill Browder, Donald Trump, Sergej Magnitski, John McCain, Barack Obama, Wladimir Putin, Deutschland, USA, Russland
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