03:35 17 August 2018
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    Die Skulpturen eines Bullen und eines Bären vor der Börse in Frankfurt am Main (Archivbild)

    US-Sanktionsspiel gegen den Iran und Russland lässt EU keine Alternative - Experte

    © AP Photo / Michael Probst
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    Als eine Unverschämtheit bezeichnete Alexander Rahr, Projektleiter im Deutsch-Russischen Forum (DRF), die Alternative, vor der die europäische Geschäftswelt wegen der US-Sanktionen gegen den Iran und Russland gestellt wird: Wenn man den amerikanischen Markt weiterhin nutzen will, muss man aus dem Iran und Russland verschwinden.

    „Da die Amerikaner an den eigentlichen Schalthebeln der Finanzwelt sitzen, wirkt die amerikanische Drohung“, sagte Alexander Rahr im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin. „Die Geschäfte, die europäische Firmen in den letzten Jahrzehnten in Amerika gemacht haben, die Märkte, die sie dort erobert haben, sind um ein Vielfaches gewinnträchtiger als das, was bisher in Bezug auf andere Länder erreicht worden ist. So dass man leider sagen muss, dass sich Firmen schon aus dem Iran zurückziehen.“

    Der Autokonzern Daimler stellt sein Geschäft im Iran komplett ein. Volkswagen ist schon nicht mehr da. Auch das französische Öl- und Gasunternehmen Total will ein geplantes Milliardenprojekt im Iran stoppen. Und der Schweizer Zughersteller Stadler Rail legt einen Milliardenauftrag wegen der US-Sanktionen auf Eis.

    Kann die deutsche Regierung Unternehmen schützen?

    Alexander Rahr wünscht sich, dass „gerade Deutschland als Führungsland Europas hier ein Exempel statuiert und sagt, so geht es nicht. Europa hat auch seine Souveränität. In Fragen des Irans steht die Bundesregierung wie auch die meisten Europäer auf der Seite Teherans. Man glaubt, dass die iranische Führung das Abkommen nicht gebrochen hat und keine Atombombe baut.“

    Der Experte fährt fort: „Die Amerikaner sehen das anders. Und die Europäer können sich ihnen gegenüber in dieser Frage nicht durchsetzen.“ Rahr befürchtet, dass es letztendlich bei symbolischen Handlungen bleiben werde. „Die europäischen Politiker werden sich lauthals an ihre Firmen wenden und sagen, bleibt im Iran, wir unterstützen euch. Auch was den Energiesektor Russlands angeht wird es gewisse Verteidigungsversuche geben, die Firmen vor amerikanischen Sanktionen zu schützen, aber mittel- und langfristig wird die amerikanische Sanktionswaffe, anders kann man das nicht sagen, genutzt.“

    Der DRF-Projektleiter vergleicht:

    „Die Europäer haben sich bei ihrer Sanktionspolitik niemals das Ziel gesetzt, die Wirtschaft eines sanktionierten Landes zu zerstören. Aber die Amerikaner spielen hier verrückt. Das kann man nicht anders beurteilen. Die Amerikaner wollen die russische Wirtschaft in ihren Grundfesten zerstören. Das hat es in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben. Und hier gibt es schon Unterschiede zu dem Vorgehen der Europäer.“

    Sie seien auch zu schwach, so Rahr, dem amerikanischen Druck auszuweichen, „dem sie selbst jetzt unterliegen, weil die europäischen Firmen dafür bestraft werden, dass sie im Iran und Russland arbeiten“. Der Politologe bedauert, „dass sie einfach nicht den Mut aufbringen, gegen dieses amerikanische Machtmonopol, das sich jetzt auf dem Finanzmarkt ganz deutlich zeigt, zusammenzuhalten.“

    Ende globalisierter Wirtschaft

    Rahr redet nicht darüber, „dass irgendwann mal auch militärische Auseinandersetzungen wegen eines solchen Konflikts passieren können. Ich denke bloß laut darüber nach, dass, leider Gottes, wir wohl jetzt vor dem Ende einer globalisierten Wirtschaft stehen. Die Amerikaner haben zusammen mit Europa alle Länder in die große Weltorganisation für Handel (WTO) gelockt. Nun, wo Russland und viele andere Länder, auch aus der Dritten Welt, der WTO beigetreten sind, werden sie jetzt fertiggemacht.“

    Sanktionen als Rache für „Helsinki-Blamage“ Trumps?

    Alexander Rahr hofft, dass Trump noch gewisse Schritte machen könne, um sich als starker Präsident zu etablieren. „Es ist aber schwierig. Wir haben in Amerika eine Situation, bei der ein Präsident, der versucht, stark zu sein, von der eigenen Führungselite drangsaliert und eingesperrt wird. Der sogenannte Deep State, die Staatsbürokratie, die Eliten, die eigentlich Hillary Clinton als ihre Anführerin gesehen haben, sind so enttäuscht, dass sie die Wahlen verloren haben, sodass sie ihre Niederlage nicht verkraften können.“

    Es gehe ja um viel Geld, urteilt der Politologe, um Einfluss, um Jobs, die sie alle hätten bekommen können.

    „Jetzt ist alles passé gewesen, und sie wollen Revanche. Die amerikanische Führungselite ist blind vor Wut auf ihren eigenen Präsidenten, den sie nicht akzeptiert, und auch auf Widersacher und Konkurrenten in der Weltpolitik, auf ein Russland, dass man als Marginalmacht tituliert hat und das jetzt plötzlich in Syrien und im Mittleren Osten wieder eine Führungsrolle spielt, auf ein China, das plötzlich über seine Seidenstraßenstrategie sich bis nach Europa hinwendet und sich überallhin in Afrika, im Mittleren Osten und auch in Osteuropa einkauft.“

    Das seien alles Dinge, die in Amerika verschlafen worden seien, so ist die Meinung von Alexander Rahr.

    „Die Eliten, die dieses Land regieren wollen, können sich aber mit ihrem Bedeutungsverlust nicht abfinden. Deshalb reagieren sie jetzt so militant und aggressiv. Die Frage bleibt, wie lange machen die europäischen Eliten das Spiel der US- Führungseliten blind mit?“

    Der Russlandexperte sieht keine Alternativvorschläge der europäischen Führungspolitiker. „Alle sind protransatlantisch und eben keineswegs prorussisch oder prochinesisch.“ Wann eine Balance mit der europäischen Politik hergestellt werde, vermag Rahr nicht zu sagen.

    Das komplette Interview mit Alexander Rahr zum Nachhören:

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    Tags:
    Souveränität, Folgen, US-Sanktionen, Deep State, Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO), WTO, Gazprom, Daimler AG, EU, Hillary Clinton, Alexander Rahr, Wladimir Putin, Donald Trump, Europa, Helsinki, Iran, USA, Russland
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