13:07 24 September 2018
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    Ein Offizier der sowjetischen Armee (r.) spricht mit tschechischen Soldaten während den Ereignissen des Prager Frühlings 1968

    Prag 1968: Was Moskau Angst machte und Breschnew Bauchschmerzen bereitete

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    Politik
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    Tilo Gräser
    50 Jahre "Prager Frühling" – Rückblicke und Meinungen (11)
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    Das Ende des „Prager Frühlings“ in der Nacht zum 21. August 1968 durch den Einmarsch von Truppen aus vier sozialistischen Staaten ist lang zuvor vorbereitet worden, so zwei Historiker gegenüber Sputnik. Die Entscheidung ist aber erst spät gefallen, erklären sie. Und: Moskau hat dem Prager Reformchef Alexander Dubček lange vertraut.

    Der „Prager Frühling“ 1968 war „die ganz große Eruption im sozialistischen Block“. So schätzt es der österreichische Historiker Stefan Karner ein. Im Sputnik-Gespräch sagte er, mit diesem „Umbruch von oben“ sei versucht worden, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu gestalten. Das sei der Anspruch von Alexander Dubček gewesen, als dieser im Januar die Führung der Kommunistischen Partei der ČSSR (KPTsch) als Erster Sekretär übernahm, so Karner.

    Dubček sei von der damaligen Moskauer Führung gar nicht als „konterevolutionär“ angesehen worden. Das gehört für die Historikerin Susanne Schattenberg zu den überraschenden Ergebnissen ihrer Forschungen. Sie hat zahlreiche Dokumente in russischen Archiven eingesehen, die zum Teil bisher nicht zugänglich oder nicht weiter beachtet worden sind, und die erste wissenschaftliche Biografie über den langjährigen KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew vorgelegt. Darin geht es auch um die Entscheidungen in Moskau angesichts des „Prager Frühlings“.

    Unlösbare Aufgabe

    Historiker Karner gehört zu dem Mitherausgebern des vor zehn Jahren erschienenen doppelbändigen Buches „Prager Frühling – Das internationale Krisenjahr 1968“. Darin wird die Geschichte der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ und seiner internationalen Konsequenzen nachgezeichnet. Aus Russland stammt die Hauptmasse der Dokumente dafür, ergänzt durch Archive in Prag, Berlin, Washington, London, Wien und Warschau.

    Prof. Dr. Dr. Stefan Karner bei einem Vortrag in Moskau (Archivbild)
    © Foto : Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK)
    Prof. Dr. Dr. Stefan Karner bei einem Vortrag in Moskau (Archivbild)

    Im Laufe des Jahres 1968 sei eine Bewegung von unten als „schnellerer Zug“ hinzugekommen, „denn vielen in der Tschechoslowakei ist die Veränderung von oben noch zu langsam gewesen“, erklärte der Historiker. Dubček habe vor der Aufgabe gestanden, beide Bewegungen zusammen und auf „gleiche Geschwindigkeit“ zu bringen. Das sei eine „fast unlösbare Aufgabe“ gewesen, insbesondere angesichts der Vorgaben aus Moskau, wie weit Reformen gehen dürfen. Die Grenzen für Veränderungen innerhalb des eigenen Systems hätten ebenso die Führungen der DDR und Polens gesetzt, meinte Karner.

    Große Hoffnungen

    Breschnew und das KPdSU-Politbüro hätten nicht Dubček, sondern eine Reihe anderer Mitglieder aus der Prager Parteispitze verdächtigt, hob Historikerin Schattenberg hervor. Dagegen sei dem Parteichef nur vorgeworfen worden, er sei „zu schwach“. Die Moskauer Führung sei Dubček anfangs sehr gewogen gewesen, fand die Historikerin in den Dokumenten heraus. Der damals junge Funktionär sei als „Parteihoffnung“ gesehen worden, der mit Antonín Novotný einen „alten Betonkopf“ an der KPTsch-Spitze ablöste. „Im Januar 1968 deutete eigentlich nichts daraufhin, dass Moskau das kritisch sieht, was sich in Prag tut, oder dass es dann zu einem Einmarsch kommen könnte.“

    Schattenberg erklärte gegenüber Sputnik, dass Breschnew von Anfang an in die Entwicklungen in der ČSSR einbezogen war. Ende 1967 sei er nach Prag gefahren und habe der damaligen KPTsch-Führung klar gemacht, dass nur diese selbst die internen Probleme lösen könne. Zu diesen gehörten wirtschaftliche und soziale Fragen, eine unzureichende Entstalinisierung sowie nationale Spannungen zwischen Tschechen und Slowaken.

    Langsame Veränderung

    In ihrer Breschnew-Biografie schreibt Schattenberg von „freundschaftlichen Verbindungen“ zwischen dem Moskauer Parteichef und Dubček. Bei Breschnews Prag-Aufenthalt im Dezember 1967 hätten beide sich lange unterhalten, ergänzte sie im Interview. Danach habe sich der KPdSU-Generalsekretär über Dubčeks Entwicklung fortlaufend unterrichten lassen und häufig mit ihm telefoniert.

    Verabschiedung des Moskauer Protkolls: Leonid Breschnew (1L), Staatspräsident der ČSSR Ludvík Svoboda (1R) und Generalsekretär der KSČ Alexander Dubček (2R) bei Verhandlungen in Moskau
    © Sputnik / Wassilij Malyschew
    Verabschiedung des Moskauer Protkolls: Leonid Breschnew (1L), Staatspräsident der ČSSR Ludvík Svoboda (1R) und Generalsekretär der KSČ Alexander Dubček (2R) bei Verhandlungen in Moskau

    In dem Buch heißt es dazu: „Breschnew sah Dubček als Parteigenossen, der von ihm die Verantwortung für einen Landesverband anvertraut bekommen hatte und in diese Aufgabe noch hineinwachsen musste.“ Er habe Dubček noch vertraut, als später die weitere Entwicklung in Prag von den Parteiführungen der anderen Staaten deutlich kritisch eingeschätzt wurde. Das Verhältnis zwischen beiden habe sich „sehr langsam“ verändert, so Schattenberg. Erst im August 1968 sei es nach einem langen Telefonat vor dem Einmarsch endgültig gekippt.

    Tatsächliches Ziel

    Breschnew habe in seinem Sinne durchaus „verständlich reagiert“, gestand Historiker Karner im Sputnik-Gespräch ein. Er habe Dubček, seinem Mann in Prag, lange Zeit zugetraut, dass er die Entwicklung unter Kontrolle hält. „Die kannten sich“, bestätigte der Grazer Historiker. Doch der neue Erste Sekretär der KPTsch habe in seinem Umfeld Leute gehabt, die den „schnellen Zug des Volkes“ nicht mehr bremsen wollten. Diese hätten als Ziel gesehen, „Moskau und die Kommunisten los zu werden“.

    Zu diesen KPTsch-Reformern zählt Karner den Ökonomen Ota Šik. Der hatte in einem am 5. November 1990 veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ das damalige Ziel so beschrieben: „Wir, der Kern der ökonomischen Reformer, versuchten in Prag damals eben nicht den Kommunismus zu reformieren. Unser eigentliches Ziel war es, ihn abzuschaffen und ein neues System aufzubauen.“ Es sei nur „von der Reform hin zu einer sozialistischen Demokratie oder sozialistischen Marktwirtschaft“ gesprochen worden, „weil man sonst überhaupt nicht an die Öffentlichkeit gelangt wäre“.

    Rote Linien

    Laut Karner haben neben Šik weitere Reformer politische Veränderungen angestrebt, die „de facto zur Auflösung beziehungsweise zum Machtverlust der kommunistischen Partei beigetragen hätten“. Diese Bewegung sei immer schneller und stärker geworden. Als Breschnew etwa drei Wochen vor dem Einmarsch erkannt habe, dass Dubček das nicht bremsen kann, sei die zuvor beschlossene Intervention befohlen worden.

    Breschnew befand sich zwischen den „Falken“ und den moderaten Kräften innerhalb der sowjetischen Führung, schätzte Karner ein. Der KPdSU-Generalsekretär sei selbst als Modernisierer angetreten und habe Verständnis für bestimmte Reformideen gehabt, vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Das habe das Zugeständnis an vereinzelte individuelle Freiheiten eingeschlossen. Er sei aber dagegen gewesen, dass sich „Bruderstaaten“ aus dem realsozialistischen Bündnis lösen.

    Für die Bremer Historikerin Schattenberg gehören die Ereignisse in der DDR 1953 sowie in Polen und Ungarn 1956 zu den Gründen für die harte Moskauer Haltung. Für das KPdSU-Politbüro habe festgestanden, „keinen Staat verlieren zu wollen“. Wenn das geschehen würde, hätte es dem Generalsekretär den Kopf gekostet, wie Breschnew selbst gesagt habe. Für Moskau habe es zwei „rote Linien“ gegeben: „Der entsprechende sozialistische Staat darf nicht aus dem ‚Warschauer Pakt‘ ausscheren. Das vermeidet die tschechoslowakische Führung auch tunlichst. Zum anderen: Die Macht der Kommunistischen Partei darf nicht angezweifelt werden.“

    Langfristige Vorbereitung

    Dubček habe aber in seinem letzten Telefonat mit Breschnew am 13. August 1968 diesem „sehr deutlich“ gesagt, dass es vermutlich zur Auflösung der KPTsch komme und er die ganze Entwicklung nicht mehr kontrolliere. Er halte das für einen normalen demokratischen Prozess, während Breschnew das als „vollkommen inakzeptabel“ ansah, betonte Schattenberg. Auf die Macht der Partei zu verzichten sei Selbstmord, habe der KPdSU-Generalsekretär erklärt. Damit sei die „rote Linie“ überschritten.

    Schattenberg und Karner erklärten, dass der Einmarsch in die ČSSR langfristig vorbereitet wurde, laut dem Grazer Historiker seit März 1968, „zwei Monate nach Beginn des Prager Frühlings“. Das sei bei der Beratung der Parteiführungen der UdSSR, der DDR, der ČSSR, Ungarns, Polens und Bulgariens am 23. März 1968 in Dresden geschehen. Dort sei den Prager Reformern klar gemacht worden, was ihnen droht, wenn sie ausscheren. Teilnehmer der Beratung wie der frühere DDR-Diplomat Klaus Kukuk bestreiten das allerdings.

    Verlorene Kontrolle

    Schattenberg verwies unter anderem auf die Manöver des „Warschauer Vertrages“ im Frühsommer des Jahres sowie ausgearbeitete Interventionspläne. „Eigentlich befürchtet man in Moskau, dass es schon Ende Juli soweit sein wird.“ Um den erwarteten Einmarsch begründen zu können, sei es zu dem Treffen der Moskauer und Prager Parteiführungen in Čierná nad Tisou Ende Juli 1968 gekommen.

    Welche Bedeutung Moskau dem Ganzen beimaß, hat sich laut Karner daran gezeigt, dass zu der Beratung mit der KPTsch-Führung das gesamte KPdSU-Politbüro in die Ostslowakei anreiste und sich erstmals geschlossen außerhalb der UdSSR befand, samt einem kranken Mitglied im Schlafanzug. Dabei sei, wie danach erneut in Bratislava, die Frage gestellt worden, ob die Tschechoslowakei aus dem Bündnis ausbricht und befürchtet worden, dass der Funke aus Prag auf andere Staaten überspringt.

    Die Situation sei für die sowjetische Seite außer Kontrolle geraten, so die Bremer Historikerin Schattenberg. Es sei nicht klar erkennbar gewesen, wer sich in der KPTsch-Spitze „zum ‚konterrevolutionären Teil‘ und zum ‚gesunden Teil‘ zählen lässt“. Für Moskau sei es wichtig gewesen, auf wen es politisch noch setzen konnte. „Solange sie nicht wissen, was nach einem Einmarsch passiert und wer zur Verfügung steht, trauen sie sich nicht, diesen Schritt zu gehen.“ Deshalb sei das Treffen länger geworden als erwartet. Später sei auf einer letzten Beratung in Bratislava Anfang August so getan worden, als seien die Probleme gelöst worden.

    Geheime Absicherung

    Die Entscheidung, in der Nacht zum 21. August vor 50 Jahren einzumarschieren, habe zuerst das KPdSU-Politbüro getroffen und sich dann von den Parteiführungen Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR bestätigen lassen.

    „Das wird natürlich geheim gehalten. Interessant ist aber, dass am Abend des 20. August sowohl der US-amerikanische Botschafter in Kenntnis gesetzt wird, um zu sagen: ‚Wir greifen nicht die Nato an und wollen auch nicht über die Tschechoslowakei hinausgehen.‘ Das sollte als innere Block-Angelegenheit angesehen werden – eine Sichtweise, der sich die Amerikaner dann tatsächlich anschließen. Es wird auch der tschechoslowakische Verteidigungsminister in Kenntnis gesetzt und ihm gesagt, er möge seine Truppen in den Kasernen lassen, damit es nicht zum Blutvergießen kommt.“

    Auch der Grazer Historiker Karner wies darauf hin, dass sich Moskau vor dem Einmarsch mit den USA verständigt habe: „Es war klar, wenn die Sowjetunion in der Tschechoslowakei eine militärische Aktion macht, dann werden die US-Amerikaner stillhalten, denn es geht um Einflusssphären. Die würden von beiden Seiten nicht angetastet werden, das war klargestellt.“

    Große Bauchschmerzen

    Es habe im Vorfeld noch eine schriftliche Bitte der „gesunden Kräfte“ in der KPTsch an Breschnew gegeben, einzugreifen – „überreicht angeblich in einem WC in Pressburg/Bratislava“ –, erinnerte Karner an Vasil Bilak und andere. Zuerst seien wichtige strategische Punkte besetzt und die oberste Partei- und Staatsführung der ČSSR nach Moskau gebracht worden. Später sei eine moskaufreundliche Führung eingesetzt worden.

    Breschnew habe mit der Entwicklung und der Entscheidung zum Einmarsch „im wahrsten Sinne des Wortes große Bauschmerzen“, schilderte Biografin Schattenberg die Reaktion des KPdSU-Generalsekretärs. Das habe sich schon beim Treffen in Čierná nad Tisou gezeigt, wo er nach Aussagen seiner Mitarbeiter „regelrecht krank“ wurde. Breschnew wäre es „sicherlich lieber gewesen, Dubček hätte einfach gesagt: ‚Ja, ich schmeiße die Reformer raus und ersetze sie durch linientreue Kader, und die Sache ist damit erledigt.‘“

    Deutliche Zäsur

    Für Schattenberg handelt es sich bei dem Befehl zur Intervention um eine Zäsur in der Außenpolitik Breschnews. „Er tritt damit zum ersten Mal international in Erscheinung, weil er bis zu diesem Zeitpunkt nur das Parteiamt innehat.“ Formal habe er keine außenpolitischen Kompetenzen gehabt. Die Verhältnisse zu den sogenannten Bruderstaaten seien „eher als Parteiangelegenheiten“ angesehen worden. „Er wird für den Westen das erste Mal sichtbar“, erklärte die Historikerin.

    Die Bremer Osteuropa-Historikerin Prof. Dr. Susanne Schattenberg
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die Bremer Osteuropa-Historikerin Prof. Dr. Susanne Schattenberg

    Damit sei die „Breschnew-Doktrin“ begründet worden, „dass die Souveränität eines sozialistischen Staates dort endet, wo die Bündnisinteressen betroffen sind“. Nach innen habe Breschnew den eigenen Hardlinern gezeigt, dass er notfalls bereit sei, hart durchzugreifen. „Nach innen und nach außen hat er sich damit als starker Mann profiliert.“

    „Prag war der Anfang vom Ende“, schätzte der Historiker aus Graz die Folgen für den realen Staatssozialismus ein. „Das Ende kam dann in schnellen Etappen. Die wichtigste Etappe war zweifelsohne Polen und dann die Entwicklung ab 1989 auch in Deutschland, ehe das System in der Sowjetunion selbst zusammengebrochen ist.“

    1989 habe der einstige „Hoffnungsträger“ Dubček nur noch eine symbolische Rolle gespielt, sagte Karner, der mit dem Sohn der einstigen Reformers gesprochen hat. „Das, was er gewollt hat, einen ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘, das war 1989/90 kein Thema mehr. Da wollte man zum Westen gehören. Ein sozialistisches System, ob mit oder ohne menschliches Antlitz, war nicht mehr die Frage.“

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    Tags:
    Sozialismus, Intervention, Prager Frühling, ZK der KPdSU, Alexander Dubček, Leonid Breschnew, Tschechoslowakei, Sowjetunion, DDR, Prag, UdSSR, Moskau