16:51 13 Dezember 2018
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    Eine improvisierte Gedenkstätte am Ort der tödlichen Messerattacke in Chemnitz

    Mord und Menschenjagd in Chemnitz: „Erschreckende Szenen“ – AfD fordert Rücktritt

    © Sputnik / Stringer
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    Alexander Boos
    Tödliche Messerattacke in Chemnitz (18)
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    Politiker aller Parteien zeigen sich bestürzt über die Ereignisse in Chemnitz. „Wir verurteilen die Vorkommnisse aufs Schärfste“, so ein Linkenpolitiker der Stadt gegenüber Sputnik. „Die Bürgermeisterin von Chemnitz muss zurücktreten“, fordert der Chemnitzer AfD-Sprecher im Sputnik-Interview. Am Montagabend sind weitere Demonstrationen geplant.

    „Da ist wirklich eine wütende Menge von mehreren hundert Leuten durch die Stadt gezogen“, berichtete Tim Detzner, Vorsitzender des Stadtvorstands der Linken in Chemnitz, im Sputnik-Interview.

    „Da konnte auch die Polizei nicht schnell genug reagieren. Es gab auch Angriffe auf Polizeibeamte und heftige Auseinandersetzungen.“ Die gehörten Sprüche seien eindeutig gewesen. „Da wurde jedem Ausländer der Tod gewünscht. Das erreicht Dimensionen, die sind erschreckend. Und das trifft auch unschuldige Bürger.“ Denn auch die Menschen, „die damit gar nichts zu tun haben“, seien belästigt und angepöbelt worden. Darunter Familien, Mütter mit Kindern, ältere Menschen und sogar internationale Austauschschüler. So sei ein britischer Schüler, der mit seiner Band beim Stadtfest auftreten wollte, vom „rechten Mob“ drangsaliert worden.

    „Es gilt jetzt, diese Eigendynamik zu unterbrechen und an die Vernunft zu appellieren“, forderte der Linkspolitiker. „Fakt ist: Zu den Hintergründen ist bisher immer noch viel zu wenig bekannt. Gut, dass sich die Polizei dort nicht an Spekulationen beteiligt. Wir müssen nun abwarten, was die Ermittlungsarbeit betrifft.“

    Linke: „Wir verurteilen regelrechte Menschen-Jagd“

    Jede Gewalttat sei schlimm und verurteilenswert. „Mein Beileid gilt den Angehörigen des Opfers.“ Detzner erinnerte an Sonntag: „Eine rechtsradikale Fangruppierung des Chemnitzer Fußball-Clubs hatte aufgerufen, sich die Stadt ‚zurückzuerobern‘. Da sind einfach furchtbare Szenen passiert: Regelrechte Jagdszenen auf Menschen, die eine andere Hautfarbe haben oder anders aussehen.“ Das Ganze habe dann eine „krasse Eigendynamik“ entwickelt. Das sind einfach Reaktionen, die niemandem helfen und die wir von der Linken aufs Schärfste verurteilen.“

    Das zeige, dass „eine fremdenfeindliche Stimmung gärt und dass bestimmte Menschen rechter Gesinnung nur darauf warten, solche Vorfälle zum Anlass zu nehmen, um auf den Zug aufzuspringen“. Es seien „einfach erschreckende Szenen“.

    Linke Demo reagiert auf rechten Protest

    Am Montagabend organisiert Detzner gemeinsam mit dem Bündnis „Chemnitz Nazifrei“ eine Demonstration. Sie startet um 17 Uhr im Chemnitzer Stadthallenpark. Das sei eine Reaktion auf eine angekündigte Kundgebung der „rechtspopulistischen Gruppierung ‚Pro Chemnitz‘, die seit vielen Jahren im Stadtrat sitzt“. Deren Demo soll laut Medieninformationen am Montag um 18:30 Uhr am Karl-Marx-Monument in der Innenstadt beginnen. „Dem wollen wir etwas entgegensetzen. Wir demonstrieren gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Uns geht es im Wesentlichen darum, ein Zeichen zu setzen. Zu zeigen, dass es keinen Sinn macht, Gewalttaten zu instrumentalisieren“, erklärt Detzner. Er und seine Partei lehnen „die Jagd auf Menschen anderer Herkunft“ entschieden und kategorisch ab.

    Die Linke fordere alle Chemnitzerinnen und Chemnitzer auf, „sich friedlich und weltoffen gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu stellen. Wir werden eine lange und möglichst bunte Kundgebung abhalten“, kündigte der Linken-Stadtverbandschef an.

    AfD räumt mit Fake News auf

    „Wir hatten einen Informationsstand unserer Partei auf dem Stadtfest“, sagte Tino Schneegass, Pressesprecher der AfD Chemnitz, gegenüber Sputnik. „Als wir vom Mord gehört hatten, haben wir sofort per Mitgliederaufruf eine spontane Kundgebung einberufen. An der hatten etwa 100 bis 200 Leute teilgenommen.“ Diese Demo sei auch von Polizei und Verwaltung genehmigt gewesen. Sie verlief nach Behördenangaben friedlich.

    „Wir wollten nur Blumen und Kränze am Tatort für den Ermordeten niederlegen, auch Kerzen anzünden. Denn wir verurteilen jede Art von Gewalt. Wir fordern immer gewaltfreien Protest. Auch distanzieren wir uns vom rechten Mob.“ Seine Partei plane in den nächsten Tagen keine weiteren Kundgebungen in der sächsischen Stadt.

    Zudem räumte der AfD-Sprecher mit Gerüchten und Fake News auf. „Es heißt in vielen Meldungen, das Chemnitzer Stadtfest sei abgebrochen worden, weil der rechte Mob gewütet hat. Das ist aber falsch. Der tatsächliche Grund für den Festabbruch war, Gesten der Pietät für die Opfer zu zeigen.“ Es gebe seit geraumer Zeit besorgniserregende Entwicklungen im Innenstadtbereich. „Es gab Diskussionen im Stadtrat wegen Video-Überwachung. Man liest eigentlich täglich von sexuellen Übergriffen und Straftaten. Bis heute ist da nicht genug passiert.“ Nun müsse sich die Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz politisch verantworten. „Frau Ludwig trägt die Verantwortung. Sie sollte nun zurücktreten.“

    Was denkt die Bundesregierung?

    Barbara Ludwig (SPD), Bürgermeisterin von Chemnitz, zeigte sich laut „Deutschlandfunk“ (DLF) „nach den Vorfällen entsetzt.“ Martin Dulig, Vorsitzender der SPD in Sachsen, forderte auf seinem Twitter-Profil: „Die furchtbare Straftat muss jetzt mit aller Konsequenz und ohne Vorverurteilungen und Mutmaßungen aufgeklärt werden.“

    Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, äußerte sich am Montag ebenso zu den Vorfällen in Chemnitz. „Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft, oder der Versuch, Hass auf den Straßen zu verbreiten – das nehmen wir nicht hin“, wurde er vom DLF zitiert.

    „Ein junger Mann ist vergangene Nacht in Chemnitz gestorben“, twitterten die Grünen in Chemnitz. „Er wurde erstochen. Unser Beileid gilt den Angehörigen und Freunden. Die Gewalt und Hetze, die sich seit heute auf den Straßen von Chemnitz entladen, sind jedoch keine Zeichen der Anteilnahme oder Trauer.“ Zudem forderte ein Chemnitzer Mitglied der Grünen öffentlich alle Bürger auf, die „Nazifrei“-Demo am Montagabend zu unterstützen.

    „Mehrheit der Chemnitzer ist weltoffen“

    Die Stadt Chemnitz beherberge traditionell eine starke linke Szene, auch eine starke linke Musikszene, betonte Linkenpolitiker Detzner. „Die rechte Minderheit ist einfach nur sehr laut. Aber ich denke, der Großteil der Chemnitzer steht für eine Menschenfreundlichkeit und Weltoffenheit sowie für eine humanistische Gesellschaft. Dafür streiten wir auch von der Linken, um Menschen für diese Anschauung zu gewinnen.“

    Das Radio-Interview mit der Linkspartei Chemnitz zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit der AfD Chemnitz zum Nachhören:

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    Tödliche Messerattacke in Chemnitz (18)
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    Russlanddeutsche, Einwanderer, Iraker, Menschen, Messerattacke, Mord, Demonstrationen, Syrer, Demo, Migranten, Polizei, PdL, Die Grünen, Linkspartei, SPD, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Die LINKE-Partei, Martin Dulig, Steffen Seibert, Chemnitz, Syrien, Irak, Deutschland