19:44 17 Dezember 2018
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    Auf dem 3D-Bild - Nuklear-Abyssus, Berlin (Symbolbild)

    Atomkriegs-Bedrohung – Eine der größten „Fake News“ des 20. Jahrhunderts?

    © AFP 2018 / TOBIAS SCHWARZ
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Die Behauptung „Wir stehen hier vor einem Nuklearkrieg!“ lähmt die Menschen und auch die Friedensbewegung. Davor warnt der Politikwissenschaftler Lutz Kleinwächter. Aus seiner Sicht plant niemand einen atomaren Angriffskrieg. Er hält es für notwendig, die Atomwaffen abzuschaffen – „aber die Menschheit ist dafür noch nicht reif“.

    „Die USA, auch mit dem Präsidenten Donald Trump, will keinen Nuklearkrieg. Genauso wenig wie Russland.“ Davon ist der Politikwissenschaftler Lutz Kleinwächter überzeugt, wie er gegenüber Sputnik betonte. „Die Führung eines Nuklearkrieges war und ist nicht im Interesse eines Staates, der über Kernwaffen verfügt. Eine ‚aktive Nuklearkriegsbedrohung‘ – die praktische Vorbereitung eines atomaren Angriffskrieges – war bislang kein Ziel irgendeiner Staatsführung.“

    Das schreibt Kleinwächter in seinem online veröffentlichten Beitrag „Bedrohung durch Atomkrieg? Eine Schimäre!“ Es handelt sich um die Langfassung des Textes zum Thema, den Kleinwächter in der August-Ausgabe der Zeitschrift „WeltTrends“ veröffentlicht hat.

    „Keine äußere Realität“

    Auf Sputnik-Nachfrage betonte er, dass im Rahmen des Systemkonfliktes von 1945 bis 1991 beide Seiten sich gegenseitig mit Atomwaffen bedrohten, seit die Sowjetunion 1949 das US-Monopol auf Kernwaffen brach.

    „Der anderen Seite wurde immer die maximalste Bösartigkeit unterstellt: Vorbereitung von Angriffskriegen und Nuklearkriegen. Aber letztlich ging jede Seite in ihren Konzepten davon aus, die andere wird sie nuklear angreifen. Dagegen müsse eine Abwehr aufgebaut werden. Das mündet dann in dieser Abschreckungsdoktrin.“

    Im Online-Beitrag schrieb der Politologe: „Die offensive Nuklearbewaffnung und ihre ‚passive Abschreckungs-‚Wirkung sind auf allen Seiten ein fragiles Instrument der Politik, um die eigene staatliche existenzielle Sicherheit von außen militärisch nicht in Frage stellen zu lassen.“  Bedrohungslegenden seien während des Kalten Krieges und danach primär als Disziplinierungsinstrument der Innenpolitik eingesetzt worden. „Sie stellten aber keine äußere Realität dar“, so Kleinwächter.

    Nach Hiroshima und Nagasaki nicht wieder eingesetzt

    Die Doktrin von der angeblich notwendigen Abschreckung sei vorrangig mit politisch-ideologischen Auffassungen begründet worden, erklärte er im Interview. In der Praxis habe das jedoch keine zugespitzte Rolle gespielt. Bei allen Krisen und realen Kriegen während des Kalten Krieges, von Korea in den frühen 1950er Jahren über die Kuba-Krise 1962 bis zur atomaren Hochrüstung in den 1980er Jahren sei alles in gegenseitige Unterstellungen gemündet.

    „Und wenn es sich zuspitzt, wird verhandelt, wird diskutiert, wird zum Teil wie in den 70er und 80er Jahren massiv zurückgenommen und abgerüstet.“ Deshalb ist aus seiner Sicht die These vom drohenden Atomkrieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „so nicht mehr haltbar“. Entscheidend sei „nicht was Militärtheoretiker, Wissenschaftler und Medienvertreter in endlosem Schrifttum artikulieren, sondern die Realpolitik, das praktische Handeln der politischen und militärischen Top-Führungen“, heißt es in den Texten von Kleinwächter. Die Atomwaffe sei nach den beiden Abwürfen durch die USA auch nicht wieder eingesetzt worden, erinnerte er.

    Das habe auch etwas damit zu tun, dass die Wirkung der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki im August 1945 bereits einen „Zivilisationsschock“ ausgelöst habe. Der Politikwissenschaftler verwies auf Aussagen aus den USA und der Sowjetunion schon in den 1950er Jahren, das ein nuklearer Konflikt ein „zivilisierter Großschaden“ sei, ein „Riesenverlust für unsere Zivilisation“. Das sei geschehen, obwohl die Forschung zu den Folgen eines Nuklearkrieges, zum „Nuklearen Winter“ zu dem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen habe.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Friedensnobelpreisträger warnt: „Zwei Milliarden Tote durch 100 Hiroshima-Bomben“

    Planungen für Nuklearwaffeneinsatz

    Es gibt verschiedene Beispiele aus dem Kalten Krieg, in denen mit einem Atomwaffeneinsatz gedroht wurde. Das reichte bis hin zu US-Plänen im Zusammenhang mit der Berlin-Krise und dem Mauerbau 1961 für einen Atomschlag gegen die DDR und die UdSSR, von denen der ehemalige bayrische Ministerpräsident Strauß in seinen nach seinem Tod 1988 veröffentlichten „Erinnerungen“ schrieb. Im Vietnam-Krieg sollen die USA angeblich allein 15-mal mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht haben.

    Bereits im September 1945 hatten die USA sowjetische Großstädte als mögliche Atombombenziele ausgewählt, wie der kanadische Politikwissenschaftler Michel Chossudovsky 2017 berichtete. Eine 2015 freigegebene geheime Studie der George Washington-Universität von 1956 mit potenziellen Zielen für Nuklearangriffe im Osten sah allein für Moskau 179 sowie für Leningrad 145 Atombomben mit Kenngrößen zwischen 1,7 und neun Megatonnen TNT vor. Auf Hiroshima und Nagasaki wurden Bomben mit einer Sprengkraft von 0,013 beziehungsweise 0,02 Megatonnen TNT abgeworfen.

    Es sei die Aufgabe der Militärs, einen Krieg vorzubereiten – „mit allen Mitteln, die sie haben“ –, erklärte der Politikwissenschaftler zu den entsprechenden Studien und bekanntgewordenen Zielplanungen. „Das heißt aber nicht, dass die politisch-militärische Top-Führung jemals ernsthaft erwogen hat, das umzusetzen.“ Es müsse klar unterschieden werden zwischen den Planern und jenen, die die politische Verantwortung trugen.

    „Wachsendes Maß an ‚Selbstabschreckung‘“

    Für Kleinwächter sind solche Aussagen vor allem unter politisch-ideologischem und weniger unter realmilitärischem Aspekt zu sehen. Es gebe „keinerlei Beweise“, dass mit solchen Plänen ein Nuklearkrieg begonnen werden sollte. In allen realen zugespitzten Krisensituationen hätten sich beide Seiten auf eine kooperative Lösung geeinigt, als sie die drohende Gefahr erkannt haben.

    Die Sowjetunion trug dazu bei, dass es nicht wieder zu einem Atombombeneinsatz kam, indem sie 1949 das atomare Monopol der USA brach und später die US-Übermacht bei den Kernwaffen aufhob. Das sieht Kleinwächter genauso, wie er betonte. In seinen Texten weist er auch auf diesen Fakt hin.

    Diese Pattsituation, die sogenannte Mutual Assured Destruction (MAD – deutsch: gegenseitig zugesicherte Zerstörung) seit Ende der 50er Jahre, habe einen gegenseitigen Abschreckungseffekt erzielt. Dazu habe „ein wachsendes Maß an ‚Selbstabschreckung‘“ gehört, so Kleinwächter.

    „Abschreckung ist letztlich kein offensiver, sondern ein defensiver Begriff“, hob Kleinwächter hervor. Im Gespräch erinnerte er erneut, dass es nach Hiroshima und Nagasaki keinen Einsatz von Atomwaffen mehr gegeben habe. „Es ist niemals ernsthaft erwogen worden. Ein praktischer Einsatz hat nicht stattgefunden.“

    Nützliche Abschreckung

    In seinen Texten begründete er das so: „Die Schwelle für den Übergang in einen globalen Kernwaffenkrieg war (und ist) nicht zuverlässig bestimmbar – das selbstmörderische Eskalationsrisiko zu groß.“

    „Jeder Seite war klar, greifen wir zu Atomwaffen, gehen wir selbst unter. Das ist eine vollkommen absurde Situation, die die Top-Entscheider immer abgeschreckt hat, einen solchen Schritt zu gehen.“

    Der Grund dafür, dass die theoretischen Atomkriegs-Planungen immer noch ernst genommen werden, liegt für den Politologen in der jahrzehntelangen politisch motivierten Manipulation der Bevölkerung auf beiden Seiten. Es handele sich aber um „eine der größten Fake News des 20. Jahrhunderts. Niemand wollte einen großen Kernwaffenkrieg.“

    Dennoch habe die Abschreckung samt der fragwürdigen Konzepte und Planungen den Frieden erhalten. So habe sich auch Nordkorea keine Kernwaffen angeschafft, um einen Nuklearkrieg auszulösen. Das sei aus rationalen Gründen geschehen, „um eine Grundsicherheit zu haben für das eigene, wenn auch morbide System“.

    Kein Atomkrieg „aus Versehen“

    Er schreibt: „In der Propaganda-Kampagne mit Nordkorea ist die irrige Kalte Kriegs-Legende vom ‚Roten (Atom)Knopf‘ öffentlich geworden. Im schwarzen Koffer des US-Präsidenten befindet sich das ‚Black Book‘, seit Präsident Carter eine Seite mit Handlungsoptionen sowie Codes, an denen sich der Präsident orientieren und gemeinsam mit der US-Militärführung den Nukleareinsatz einleiten könnte. Ein ähnlicher Ablauf unter Einbeziehung der Staatsführung und des Oberkommandos der Streitkräfte ist auch auf russischer Seite vorgesehen. Die Vollzugszeiten zum nuklearen Gegenschlag liegen nach den kollektiven Entscheidungen bei circa 10 bis 30 Minuten.“

    Auch heute sei ein Atomwaffenkrieg „aus Versehen“ oder wegen eines falsch verstandenen Manövers der Gegenseite „relativ unwahrscheinlich“, meint der Experte. „Ein kleiner Kommandeur hat darüber keine Befugnisse und die großen Entscheider in der militärischen und politischen Spitze überlegen sich das hundertmal, ehe sie das machen. Bisher hat es eine solch zugespitzte Situation nicht gegeben.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: USA melden „erfolgreichen“ Test von Atombombe

    Für Kleinwächter geht es angesichts der historischen Erfahrungen darum, dass alle kernwaffenbesitzenden Staaten miteinander verhandeln und Vertrauen geschaffen wird. In seinem Online-Text macht er dazu mehrere Vorschläge für „Sofortmaßnahmen zur nuklearen Vertrauensbildung“. Die Entscheidung müsse immer bei Menschen bleiben – „dann ist die Totalkatastrophe verhinderbar“. Das gelte auch für kleinere Kernwaffen-Staaten wie Frankreich, Indien und andere.

    Nukleardeal zwischen Trump und Putin

    Für einen möglichen vollständigen Verzicht auf Atomwaffen, wie ihn unter anderem der UN-Verbotsvertrag von 2017 anstrebt, hält Kleinwächter die Menschheit für „nicht reif bisher, die politischen Systeme auch nicht“.

    „Wir bräuchten eine ganz andere Zivilisationsreife, eine ganz andere Kooperationsreife, in allen wesentlich verantwortlichen Staaten. Es wird alles zurzeit noch unter dem Aspekt der Gegnerschaft, der Konkurrenz sowie der ökonomischen und militärischen Machtfaktoren gedacht.“

    Atomkrieg (Archivbild)
    © Foto : U.S. Air Force photo by Frank Oliver
    Mit Blick auf die Gegenwart hält der Politologe einen Nukleardeal zwischen den USA unter Donald Trump und Russland mit Wladimir Putin an der Spitze für möglich. Zwar hätten sich Anfang 2018 beide Seiten nach altem Muster die „nukleare Faust“ gezeigt, schreibt er in seinem Online-Beitrag. Auf die angekündigten US-Pläne für modernisierte Atomwaffen habe Russland nicht nur mit neuen strategischen Angriffswaffen reagiert, sondern asymmetrisch mit einer „Minimalabschreckung“, die bereits früher diskutiert, aber nicht umgesetzt worden sei. Das ermögliche zugleich, wie von Putin angekündigt, die eigenen Rüstungsausgaben um 20 Prozent zu senken.

    Doch zugleich hätten beiden Präsidenten sich dafür ausgesprochen, das Verhältnis beider Länder zueinander zu verbessern. Allerdings werde das nukleare Patt „auf absehbare Zeit nicht überwunden“. Das bezeichnete Kleinwächter als „schrecklich und kritikwürdig“ und verdiene den Protest der Friedensbewegung – „aber nicht mit der Vorstellung: Wir stehen hier vor einem Nuklearkrieg. Das lähmt die Menschen.“

    Professor Lutz Kleinwächter bei einer Videokonferenz im Februar dieses Jahres, links MdB Alexander Neu (Die Linke)
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Professor Lutz Kleinwächter bei einer Videokonferenz im Februar dieses Jahres, links MdB Alexander Neu (Die Linke)

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Lutz Kleinwächter zum Nachhören:

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