06:49 12 Dezember 2018
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    Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und Hassan Rouhani beim Treffen in TeheranSyrien-Gipfel in Teheran: Wladimir Putin, Hassan Rouhani und Recep Tayyip Erdogan

    Kampf um Idlib: Gibt der Dreierbund nach, hat der Erpresser gesiegt

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    Syrische Regierungstruppen rüsten sich zur Großoffensive auf die Terrorhochburg Idlib. Die Verbände sind bereits zusammengezogen, die russische Luftwaffe hat damit begonnen, Terrornester aus dem Weg zu räumen, die die Offensive behindern könnten. Jetzt kommt es darauf an, Geschlossenheit gegen die zerstörerische Haltung Washingtons zu zeigen.

    Das russische Verteidigungsministerium hat am Mittwoch, den 5. September bestätigt, dass russische Flugzeuge ein Terroristenlager im Westen Idlibs zerstört haben. Dort habe die Al-Nusra-Front Drohnen hergestellt.

    Mit den Drohnen sei der russische Stützpunkt Hmeimim angegriffen worden, hatte der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, vorher erklärt. Nach Informationen des Verteidigungsministeriums wurden die unbemannten Fluggeräte auch gegen syrische Zivilisten in den Provinzen Aleppo und Hama eingesetzt.

    Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und Hassan Rouhani beim Treffen in Teheran
    © REUTERS / Kayhan Ozer/Turkish Presidential Palace
    Auch ein Waffenlager mit tragbaren Flugabwehrsystemen sei vernichtet worden, wobei die russische Luftwaffe die Angriffe ausschließlich gegen Einrichtungen „fernab von Wohngebieten“ geflogen habe, die als Terrorobjekte bestätigt worden seien, hieß es aus dem Verteidigungsministerium.

    Jetzt warten alle auf eine politische Entscheidung, die in Damaskus, Moskau und Teheran im Grunde schon gefallen ist. Es gilt nun, diese Entscheidung so umzusetzen, dass die Risiken aus den Gegenmaßnahmen anderer Kräfte in Syrien – gemeint sind Washington und Ankara – möglichst begrenzt werden.

    Die Vereinigten Staaten und die Türkei drohen mit Vergeltung, sollte die Idlib-Offensive beginnen. Die Frage ist, ob und inwiefern man sich mit denen einigen muss. Denn weder die Türken noch die Amerikaner haben es vor, für die Terroristen in Idlib ihr Leben zu lassen: Ihr Widerstand gegen die Offensive dient nur als Vorwand, um andere Ziele zu erreichen.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Moskau: Situation in Syrien normalisiert sich, wenn…

    Die Haltung der Türkei lässt sich auf den ersten Blick nicht ignorieren. Ankara kontrolliert bereits Syriens Nord- und Nord-West-Gebiete, hat sogar eigene Truppen dorthin entsandt.

    Auf diese Machtstellung wird Erdogan sicherlich nicht verzichten wollen. Der türkische Präsident erklärte bereits mehrmals, er werde es nicht zulassen, dass Assad mit seinen Truppen nach Idlib vorstoße und dort ein Gemetzel veranstalte.

    Manche werfen Erdogan vor, er wolle bloß das syrische Gebiet okkupieren, aber dem ist nicht so. Syrien ist schließlich nicht Zypern: Irgendwann wird Erdogan das Scheitern seiner Syrien-Politik einräumen und dann auch die Truppen abziehen müssen.

    Seine Strategie besteht deshalb darin, den Truppenabzug nicht ohne Gegenleistung und nur schrittweise stattfinden zu lassen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die türkische Führung ihre Position in Idlib als jenen Pfund betrachtet, mit dem sie bei der Klärung der syrischen Nachkriegsordnung wuchern kann.

    Erdogan ist einerseits an einer starken Dezentralisierung Syriens interessiert, um über seine engen Beziehungen zu lokalen Machthabern im Norden des Landes die Politik der Zentralregierung in Damaskus beeinflussen zu können. Andererseits will er verhindern, dass diese Rechte auch den syrischen Kurden zugestanden werden.

    Ein Kompromiss ist diesbezüglich nicht in Sicht, die syrische Regierung verhandelt gegenwärtig über eine Reintegration der Kurden, indem ihnen ein gewisses Maß an Autonomie eingeräumt werde. Damit will sich Erdogan natürlich nicht abfinden.

    Die Rückeroberung der Terrorhochburg durch die syrischen Truppen würde für den türksichen Präsidenten nicht nur einen Machtverlust bedeuten. Aus der benachbarten syrischen Region würden Hunderttausende Flüchtlinge über die Grenze stürmen.

    In Idlib sind derzeit mehrere Millionen Menschen versammelt. Experten fürchten, nach dem Start der Offensive würden sie versuchen, Idlib zu verlassen, um in das nördliche Nachbarland zu gelangen. Indes hat die Türkei bereits über drei Millionen Geflüchtete aufgenommen, was die Lage auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt im Südosten des Landes bereits sehr angespannt hat.

    Eine weitere Flüchtlingswelle könnte die ohnehin grassierende Wirtschaftskrise in der Türkei zusätzlich verschärfen. Deshalb hofft Ankara, dass Putin, Assad und Rohani bald einen Kompromiss zu Idlib finden werden.

    Die Türkei wird diesen Dreierbund womöglich davon zu überzeugen suchen, dass sie mit den Terroristen in Idlib selber fertigwürde. Bisher aber haben Ankaras Bemühungen in dieser Hinsicht nichts gebracht: Die russische Basis in Hmeimim wird weiterhin von Drohnen attackiert, weiterhin bereiten die Terrorguerillas aus Idlib Giftgasprovokationen vor.

    Deshalb wird es Erdogan kaum möglich sein, Moskau, Damaskus und Teheran zu einem Verzicht auf die Offensive zu bewegen. Der türkische Präsident steckt also in einer Zwickmühle. Entweder er akzeptiert ein paar fadenscheinige Zugeständnisse von Moskau, Damaskus sowie Teheran und hindert die syrischen Regierungstruppen nicht daran, Idlib zurückzuerobern. Oder er zerreißt das Verhältnis zu Russland und dem Iran, in dem er einen Militärkonflikt mit den Beiden riskiert.

    Hätte Erdogan ein konstruktiveres Verhältnis zu den USA, hätte er sicherlich größeren Spielraum in dieser Situation. Doch bei gegenwärtigem Sachstand hat der türkische Präsident praktisch keine Wahl. Um der totalen Isolation zu entgehen, wird er sich wahrscheinlich für die erste Option entscheiden.

    Ein weiterer furioser Gegner der Großoffensive auf Idlib sind die Vereinigten Staaten. Immer wieder erklärt Washington, der Startschuss zur Offensive würde Vergeltungsschläge gegen die syrischen Regierungstruppen nach sich ziehen.

    Dabei senkt Washington die Schwelle für einen Raketenschlag gegen Syrien immer weiter ab. Der Raketenangriff würde erfolgen, falls Assad Giftgas einsetze, hieß es vorher. Jetzt heißt es, die Idlib-Offensive allein wäre Grund genug für die Attacke.

    Eine „menschliche Tragödie“ und ein „schrecklicher humanitärer Fehler“ wäre es, würden die Russen und die Iraner sich an Assads Offensive beteiligen, twitterte Donald Trump. „Das lasse ich nicht zu“, schrieb der US-Präsident. Im Unterschied zu Erdogan hat der ja auch größere Möglichkeiten, seine Drohung wahrzumachen.

    Vielleicht würde sich Moskau deshalb auf Zugeständnisse gegenüber Washington einlassen – das Problem ist nur, dass die Amerikaner überhaupt keinen konstruktiven Verhandlungsvorschlag haben.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Pompeo: USA setzen auf friedliche Regelung in Idlib

    Während Ankaras Ziele in Syrien – das Vermeiden einer Flüchtlingswelle, die Lösung der Kurden-Frage und der Machterhalt – greifbar und verhandelbar sind, bietet die Haltung der US-Führung nur ganz wenige Ansatzpunkte für eine Übereinkunft.

    Zu sehr wird Washington von inneren Widersprüchen zerrissen, als dass ein konstruktives Gespräch mit der amerikanischen Führung möglich wäre. Eben deshalb verharren die USA in einer lähmenden Position und setzen darauf, den Syrien-Krieg möglichst in die Länge zu ziehen. Ein Element dieser Strategie ist das Vereiteln der Idlib-Offensive.

    Wird der Dreierbund aus Moskau, Damaskus und Teheran es riskieren, Washingtons Haltung zu ignorieren? Höchstwahrscheinlich schon. Nicht so sehr aus dem Grund, dass Trump in seiner üblichen Manier einfach blufft (obwohl er einen Raketenschlag wirklich befehlen könnte, um seine Umfragewerte zu verbessern – in den USA ist ja schon wieder Wahlkampf).

    Vielmehr aus dem Grund, dass Zugeständnisse gegenüber dem Erpresser ihn glauben lassen könnten, weitere Erpressungen seien möglich. Mit anderen Worten: Lassen Moskau, Damaskus und Teheran unter dem destruktiven Druck Washingtons jetzt nach, könnte Trump sich der Illusion hingeben, er könne die Drei weiterhin erpressen – in der Syrien-Frage sowieso, aber auch darüber hinaus.

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    Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin, Idlib, Türkei, Iran, Syrien