05:53 17 Dezember 2018
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    Stadt Panama (Symbolbild)

    Oh wie schön ist Panama: Das Waffentestgelände der USA

    © AP Photo / Arnulfo Franco
    Politik
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    Bolle Selke
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    Das Buch „Tatort Panama“ zeigt von der ersten Durchquerung Amerikas über die zentralamerikanische Landenge und der Entdeckung des Pazifiks bis zu den „Panama Papers“, welche Rolle der kleine Landstrich für das koloniale Beuteschema Europas und der USA spielte. Die USA testeten in dem kleinen Land beispielsweise über Jahrzehnte Chemiewaffen.

    „Panama ist ein sehr schönes Land“, berichtet Autor und Journalist Christian Schmidt-Häuer. „Die Stadt Panama ist ungeheuer faszinierend, was den Gesamteindruck angeht. Alle paar Jahre sind wieder zwanzig neue Wolkenkratzer da.“

    Während jedoch nachts die ebenerdigen Casinos leuchten, bleiben die oberen Etagen dieser Wolkenkratzer wie eine „dunkle Wand“ ohne Licht. Viele Wohnungen in diesen Wolkenkratzer stünden nämlich leer, erzählt Schmidt-Häuer. Doch sie sind für bares Geld gekauft. Von den Reichen der umliegenden Länder, die ihre Vermögen hier auslagern für den Fall unerwünschter Entwicklungen zuhause – wie seit Jahren die venezolanischen Millionäre im Schatten der „bolivarischen Revolution“.

    Viele der Summen für diese Wohnungen sind mit Geldwäsche oder Drogen angehäuft worden. Im Gegensatz zu vielen architektonisch attraktiven Wolkenkratzern sind Bürgersteige und Fußgängerwege auch in Panamas Innenstadt in marodem Zustand, denn für die Infrastruktur werde viel zu wenig getan. Besonders in den Landesteilen, in denen auch die indigene Bevölkerung lebt, ist die Armut groß und die medizinische Versorgung wie auch die Schulbildung schlecht. Es gebe ein riesiges Gefälle zwischen Arm und Reich. Immerhin erscheine „die Armut in Panama nicht so groß wie in vielen anderen Teilen der sogenannten Dritten Welt“.

    Eine lange Geschichte der Unterdrückung

    Einerseits geht es dem kleinen mittelamerikanischen Staat, zumindest im lateinamerikanischen Vergleich, sehr gut. Andererseits kommt der Reichtum nur einer kleinen Oberschicht und vor allem ausländischen Partnern zugute. Der Autor betont:

    „An der Armut und an der Rückständigkeit der Provinzen, vor allen auch im Schulunterricht und der medizinischen Versorgung, hat sich überhaupt nichts geändert. Es ist so, dass eine kleine Gruppe des panamaischen ‚Geldadels‘ – circa 200 Familien – und natürlich die Produzenten der Briefkasten- und Scheinfirmen, wie von den ‚Panama Papers‘ aufgedeckt, die Gewinne aus Panamas Schleusenfunktion für den Welthandel ziehen. Das alles geschieht jenseits des Inlands, nur in Panama City und in Colón, der Hafenstadt am Atlantik. Colón ist zur zweitgrößten Freihafenzone nach Hongkong geworden. Im Land dazwischen tut sich relativ wenig.“

    Seit 1513, als zum ersten Mal eine Gruppe von Konquistadoren Amerika vom Atlantik bis zum damals noch unbekannten Pazifischen Ozean durchquerte, wurde das kleine Panama von den Spaniern unterdrückt. Dann kamen die Piraten, die Panama in ihrem Kampf zugunsten der englischen Marine gegen die Spanier hundert Jahre lang ständig überfielen und beraubten. Beim französischen Kanalbau von 1881 bis Ende 1888 wurde die Bevölkerung wieder an den Rand gedrängt.

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    Bis 1903 blieb Panama eine Provinz Kolumbiens. Die USA unter Präsident Theodore Roosevelt spalteten das Land von Kolumbien ab – mit Hilfe einer kleinen Gruppe von panamaischen Grundbesitzern, die sich von Kolumbien lossagen wollten. Die USA förderten deren Putsch, um den Kanal zu bauen. Nach der Abspaltung wurde Panama „im Grunde genommen durch den Kanalbau ein Protektorat der USA“. Schmidt-Häuer erläutert:

    „Eine Kanalzone wurde geschaffen, jeweils acht Kilometer links und rechts der Wasserstraße, in der die USA ihre eigene Rechtsprechung und Rassentrennung praktizierten. Natürlich war diese Zone wirtschaftlich stärker als die restliche kleine Republik drum herum. Das heißt, die Republik Panama wurde letzten Endes zu einem Annex des Kanals.“

    Imperialmacht USA

    Der Autor bezeichnet die Rolle der USA in Panama als imperial. Er fügt hinzu: „Der Kolonialismus und das darauffolgende imperiale Ausgreifen der Großmächte überhaupt wurde aber seinerzeit noch nicht sehr kritisch gesehen.“

    Außerdem hätte der Bau des Kanals für den kleinen Landstrich Panama ziemlich viel bedeutet. US-Ärzte hätten mit einer „genialen, historischen medizinischen Leistung“ das Gelbfieber dort ausgerottet und die Malaria zurückgedrängt. Gleichzeitig sei der größte Teil der Welt begeistert über diesen großen geografischen „Umbau der Welt“ gewesen – Asien kam viel dichter nach Amerika heran, der Suezkanal wurde nahezu überflüssig, um Südostasien zu erreichen. Durch den Bau des Kanals wurde Panama auch vor einem Schicksal bewahrt, wie es zum Beispiel Guatemala oder Honduras und andere Länder Mittelamerikas erlitten. Diese seien vor allem von der United Fruit Company zu „Bananenrepubliken“ gemacht worden. Panama erging es da besser.

    „Unglaubliche Giftgas-Experimente“

    Im Ersten Weltkrieg hatten die Deutschen mit dem Einsatz von Chlorgas bei der Schlacht von Ypern im April 1915 in Europa einen „verheerenden Giftgaskrieg“ angefangen. Danach hätten die USA zu Beginn der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts beabsichtigt, den Kanal, wenn nötig, mit Chemiewaffen zu verteidigen. Diese Pläne seien dann durch den Zweiten Weltkrieg sehr viel realer worden. Seitens der USA herrschte die Angst, dass die Japaner Kamikaze-Flieger gegen den Kanal einsetzen könnten.

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    „Ganz bewusst war man sich der Folgen von Chemiewaffen noch nicht“, erklärt Schmidt-Häuer. „So dass es eigentlich zunächst mal verständlich war, dass man zur Kanalverteidigung solche Waffen einsetzen wollte. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg fing man dann an, die Versuche auszubauen und immer mehr Chemiegas-Arten nach Panama zu transportieren, um damit zu experimentieren. Auch mit Agent Orange, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Das alles geschah im Großen und Ganzen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Bevölkerung wusste davon gar nichts.“

    Besonders schlimm sei es auf der Insel San José vor Panama gewesen. Auf diesem Eiland, das zu den Perleninseln in der Bucht von Panama gehört, hätten die US-Amerikaner „unglaubliche Experimente“ durchgeführt.

    „Aufbruch wie nach einer wilden Party“

    Die Regierungen beider Länder einigten sich im Dezember 1947 darauf, dass die Manövergelände auf der Insel den USA für weitere zehn Jahre überlassen werden sollten. Nach tagelangen Demonstrationen in Panama-Stadt mit brachialen Polizeieinsätzen und vielen Verletzten votierten die Abgeordneten gegen die Übereinkunft.

    Die US-Amerikaner mussten San José binnen fünf Wochen verlassen. „Das Lager wurde aufgelöst, wie man von einer wilden Party aufbricht, ohne sich um den Müll zu kümmern“, schrieb der argentinische Journalist Guido Bilbao, der lange in Panama lebte. Der Einsatz an den verschiedenen Übungsgeländen, an denen man alle möglichen chemischen Kampfstoffe sowohl versprühte als auch verschoss, geschah so großflächig, erklärt Schmidt-Häuer, dass die US-Amerikaner „darüber nicht die Kontrolle verloren haben, aber anschließend nicht mehr die Möglichkeit gesehen haben, alles, was sich inzwischen aufgestaut hatte, zu räumen“.

    Die Panamaer hätten zwar zunehmend darauf bestanden, dass die USA das Land dekontaminieren. Doch den Vereinigten Staaten war dies schlichtweg zu teuer – sie hätten solche Aufräumarbeiten dann auch vielen anderen Ländern zugestehen müssen. Nur einmal hätten die USA „ganz demonstrativ und propagandistisch“ Dekontaminierungen angeboten: „Als nämlich Syriens Präsident Assad das Nervengas Sarin in Syrien zum ersten Mal einsetzte. Da haben die USA plötzlich Entgegenkommen signalisiert. Das sah dann ein paar Wochen lang nach einem Durchbruch aus. Aber daraus ist natürlich auch wieder nichts geworden.“

    Das Buch „Tatort Panama: Konquistadoren, Kanalbauer, Steuerflüchtige. 500 Jahre Kolonialisierung und Globalisierung“ ist vor kurzem im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen.

    Das komplette Interview mit Christian Schmidt-Häuer zum Nachhören:

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    Tags:
    Kanal, Macht, Test, Imperialismus, Manöver, Guatemala, Honduras, Pazifik, Panama, USA