12:21 17 November 2018
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    Mitarbeiter des AKW Pulheim vor einem Bildschirm mit Parametern des Stromnetzes (Archivbild)

    „Cyber-War“: „Dann fällt der Strom landesweit aus …“ – Wie real ist die Kriegsgefahr?

    © AFP 2018 / DPA/ Caroline Seidel
    Politik
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    Alexander Boos
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    Der Begriff „Cyber-Krieg“ ist längst zu einem Schlagwort der internationalen Sicherheitspolitik geworden. Doch wie gefährlich ist ein Cyber-Angriff? Was passiert bei einem solchen? Und: Kann sich Deutschland mit neuer Netz-Agentur schützen? „Berlins Cyber-Abwehr ist sehr schlecht“, erklärt renommierter Informatik-Experte. Sputnik auf Spurensuche.

    „Ein Cyber-Angriff läuft zeitlich überaus schnell ab“, entwarf IT-Experte Hartmut Pohl im Sputnik-Interview ein mögliches Szenario eines Cyber-Kriegs. „In Millisekunden, dann ist er vorbei“, sagte der Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Datenschutz und IT-Sicherheit“ der Bonner Gesellschaft für Informatik. Potentielle Ziele einer feindlichen Cyber-Attacke seien meist staatliche Infrastrukturen, beispielsweise das regionale oder nationale Stromversorgungsnetz. Die ganze Gesellschaft breche zusammen, wenn der Strom ausfällt.

    „Ein staatlicher Cyber-Angriff schafft das. Dann fällt der Strom in der Stadt aus, vielleicht in der gesamten Region. Möglicherweise auch in ganz Deutschland. Wenn es ganz schlimm wird in ganz Europa. Die Konsequenz ist: Es gibt kein Geld mehr, weil die Geldautomaten ausfallen. Wir kriegen bald kein Benzin mehr. Denn Benzin wird mit Elektropumpen in die Autos gepumpt. Wir haben kein Wasser. Denn Wasser wird über Elektropumpen durch die Leitungen transportiert. Supermärkte und Krankenhäuser schließen mit dem letzten Rest-Strom. Notstromaggregate reichen vielleicht für drei Tage. Das gibt aus meiner Sicht einen Bürgerkrieg nach mindestens drei Tagen.“

    Wer war es?

    Laut dem Informatik-Sicherheitsexperten stellt das Identifizieren der Cyber-Angreifer eine große Herausforderung für alle Akteure dar. „Sie wissen nicht, wo es herkommt: Das ist das größte Problem dieser Cyber-Kriege. Ist es der Angreifer, den Sie ausgemacht haben? Wo ist der Beweis?“

    Das Vortäuschen falscher Quellen sei im Cyber-Raum gang und gäbe. „Das machen wir mit den Studenten im zweiten Semester. Da kann man sich tarnen, einen fremden Server übernehmen und diesen zum angeblichen Angriffs-Server machen.“ Das betonte Pohl, der ebenso als geschäftsführender Gesellschafter der Bonner IT-Firma „SoftScheck“ in Sankt Augustin (Nordrhein-Westfalen) tätig ist.

    „Angriffe auf lebensnotwendige Infrastruktur“

    „Cyber War ist ein Sammelbegriff für alle möglichen kriegsrelevanten Ereignisse, die mit der digitalen Welt zu tun haben“, erklärte Andrej Hunko, europapolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, gegenüber Sputnik. „Das umfasst Angriffe auf lebensnotwendige Infrastruktur von Staaten. Also Energieversorger, Krankenhäuser, Häfen oder Flughäfen.“ Jeder Staat entwickle seine eigenen Cyber-War-Fähigkeiten – egal ob nun die USA, Russland oder China. Natürlich sei das ein großes, internationales Problem.

    Aus Pohls Sicht unterhalten alle Staaten Aktivitäten im „Cyber-War“. „Nicht nur Staaten, sondern auch die organisierte Kriminalität und Kleinkriminelle. Da sind sehr viele Akteure tätig. Unterschiede zwischen diesen sind sehr schwer zu erkennen. Die Informationen fließen aus dem staatlichen, auch aus dem nachrichtendienstlichen Bereich, zur organisierten Kriminalität und wieder zurück. Aus meiner Sicht wird da international agiert. Man tauscht sich international aus.“

    Welche Rolle spielt Russland?

    Russlands Rolle dabei könne er nur schwer beurteilen, so der Informatik-Experte. „Aus meiner Sicht berichten die Medien in Deutschland unzulänglich über Russland. Aber auch die US-Amerikaner veröffentlichen nicht alles. Auch wenn wir glauben, viel über die Cyber-Aspekte der USA zu wissen. Das ist beileibe noch nicht alles.“ Beispielsweise hatten die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden offenbart, dass sich der US-Geheimdienst auch „umfassend und offensiv für Cyber-Angriffe rüstet.“ Das geht aus diversen Medienberichten hervor.

    Laut Hunko läuft in Bezug auf Russland „seit drei, vier Jahren eine Propaganda in den westlichen Medien, wo immer wieder ein Bedrohungsgefühl erzeugt wird. Ohne das konkret zu belegen. Es gab auch ein Jahr vor der Bundestagswahl Meldungen – die meistens aus Geheimdienstquellen kamen, dass die Wahl durch Cyber-Angriffe aus Russland bedroht sei. Ich habe dazu immer wieder nachgefragt bei der Bundesregierung. Belegbare Fakten und tatsächliche Erkenntnisse wurden mir da nie präsentiert. Es waren meist Mutmaßungen.“

    Deutschlands Cyber-Abwehr: „Besonders schlecht“

    Bundeswehr-Chefin Ursula von der Leyen (Archivbild)
    © AFP 2018 / Olivier Douliery
    Die ganze Debatte um den „Cyber-War“ diene letztlich zur Legitimierung der bundesdeutschen Aufrüstung. In diesen Kontext ordnete der Linkspolitiker auch die neue „Cyber-Agentur“ der Bundesregierung ein. „Deutschland bekommt eine Agentur für innere Netzsicherheit“, schrieb die „Zeit“ Ende August. „Eine Behörde für Cybersicherheit gibt es schon – nun gründet die Regierung ein Unternehmen, das zu dem Thema forschen soll.“ Anfang 2019 soll die bundesdeutsche Behörde, die beim Verteidigungs- und dem Innenministerium angesiedelt wird, ihre Arbeit aufnehmen. 

    „Wir haben in Deutschland ein massives Defizit an Verteidigungs- und Erkennungs-Programmen“, kommentierte Informatik-Experte Pohl. „Da müssen erst Methoden und Techniken entwickelt werden, um feindliches Verhalten zu erkennen. Und dazu dienen dann diese Cyber-Organisationen. Das zeigt auf, dass die Regierung ein Problem sieht. Wir können uns aktuell wohl nicht so verteidigen, wie wir es gerne möchten.“ Dennoch komme die Einrichtung „zu spät. Alle Industrie-Staaten der EU sind da bei weitem besser aufgestellt als Deutschland.“

    Die Kooperation zur Cyber-Abwehr sei in Deutschland „ausgesprochen schlecht und muss aus meiner Sicht massiv ausgebaut werden. Auch, weil das Know-How bei den deutschen Behörden nicht vorhanden ist.“

    Internationale Regeln notwendig?

    Cyber-Sicherheit beginne zudem am eigenen Heim-PC. Bei jedem einzelnen Nutzer. „Derzeit auf dem Markt befindliche Office-Software und PC-Hardware enthält Sicherheitslücken, die seit über zehn Jahren bekannt sind.“ Dies seien leicht zu identifizierende Einfallstore für Hacker und Cyber-Angreifer. „Politisch brauchen wir verbindliche UNO-Abkommen im Cyber-Bereich“, forderte der Informatik-Professor.

    Dem pflichtete Hunko bei. „Man müsste hier zu internationalen Konventionen kommen.“ Zudem verwies der Sicherheitspolitiker der Linksfraktion auf eine kommende Cyber-Übung im Herbst. „Im November startet die EU zusammen mit der Nato ein großes Manöver, eine große Übung im Cyber-Raum. Die nennt sich ‚Hybrid Exercise Multilayer 18‘ – und ist ein Spiegelbild der reellen militärischen Aufrüstung.“ Die Übung findet vom 19. bis 23. November statt. Der Linkenpolitiker hatte dazu bereits im August gemeinsam mit seinen Parteigenossinnen Heike Hänsel und Anke Domscheit-Berg eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt.

    Das Radio-Interview mit Prof. Hartmut Pohl zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Andrej Hunko zum Nachhören:

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    MdB, Cyberkrieg, Cyberangriff, Stromausfall, Experten, Blackout, Hacker, Virus, Gefahr, Hackerangriff, PdL, Linkspartei, Bundestag, Die LINKE-Partei, NSA, Andrej Hunko, Edward Snowden, Bonn, Europa, Deutschland, USA, Russland