04:07 19 Oktober 2018
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    Pamela Rendi-Wagner (Archiv)

    Tropenmedizinerin soll SPÖ retten – Erste Frau führt Sozialdemokraten Österreichs

    © AFP 2018 / HANS PUNZ / APA
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    Andreas Peter
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    Die Sozialdemokratische Partei Österreichs hat zum ersten Mal in ihrer 129-jährigen Geschichte eine Frau an der Spitze. Die 47-jährige Pamela Rendi-Wagner ist am Wochenende zur Nachfolgerin des überraschend zurückgetretenen Christian Kern ernannt worden. Rendi-Wagners Aufstieg ist atemberaubend. Sie ist erst 2017 der SPÖ beigetreten.

    Eigentlich kann Pamela Rendi-Wagner nur scheitern, so rasant ist ihr Aufstieg. Die Erwartungen, die mit diesem Phönixflug verbunden sind, blenden komplett aus, dass die 47-jährige promovierte Tropenmedizinerin kaum parteipolitische Führungserfahrungen vorweisen kann. Der Startvorteil, von allen möglichen und unmöglichen parteiinternen Ränkespielen und Lagerkämpfen unbelastet zu sein, verfliegt schnell. In dieser Höhenlage der Politik wird Scheitern oder Fehltritt nur äußerst selten verziehen. Parteifunktionäre, die oft Jahrzehnte damit zubrachten, sich in der Hierarchie nach oben zu dienen, könnten solche wie Rendi-Wagner als Emporkömmlinge ansehen und nur darauf warten, dass diese Überflieger ins Trudeln geraten.

    Kommunikationstalent mit Profi-Hintergrund

    Dass Rendi-Wagner überhaupt ins Visier der Headhunter der SPÖ geraten ist und sich auch für das politische Amt anwerben ließ, hat sicherlich auch damit zu tun, dass sie die Ehefrau von Michael Rendi ist. Der frühere Kabinettschef von Kanzleramtsminister Thomas Drozda (SPÖ) war zuvor Österreichs Botschafter in Israel. Seine Frau machte nicht nur als Botschaftergattin eine gute Figur, sondern auch als Gastprofessorin an der Universität von Tel Aviv. Schon damals fiel auf, dass sich in ihrer Person die seltene Kombination von hoher Professionalität und Kommunikationstalent fand. Das wurde schließlich überdeutlich, als sie in ihrer Funktion als Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahre 2011 Politiker, Wissenschaftler, Journalisten und Wahlvolk gleichermaßen regelrecht bezauberte: Ohne Fachchinesisch erklärte sie selbst komplexeste Sachverhalte und konnte dadurch nachweislich für eine erhebliche Entkrampfung der öffentlichen Debatte in Österreich sorgen.

    SPÖ-Krise ermöglichte Rendi-Wagners Raketenstart

    Doch so leicht erklären sich die möglichen Kompetenzen zur Führung einer zerstrittenen und tief verunsicherten Partei wie der SPÖ nicht. Die Tatsache, dass mit Pamela Rendi-Wagner eine Frau diese Männerdomäne erobern konnte, die nicht einmal eineinhalb Jahre Mitglied dieser Partei ist, verweist auf die schwere Krise, in der sich die traditionsreiche SPÖ befindet. Denn die SPÖ hat für Österreich machtpolitisch in etwa die gleiche, scheinbar unantastbare Bedeutung, wie sie die CSU jahrzehntelang für Bayern hatte.

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    Rückfahrkarte in eine Koalition mit der ÖVP?

    In der öffentlichen Wahrnehmung in Österreich auf diese Personalie wird meistens darauf verwiesen, dass Rendi-Wagner eine Art „Goldene Brücke“ für die Österreichische Volkspartei (ÖVP) darstellen könnte. Was sich gut trifft, denn aus der ÖVP mehren sich Signale, manche sogar absichtlich lanciert, dass die Koalition mit der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) keine Liebesbeziehung ist. Die ÖVP ist von den Freiheitlichen mit ihren mehr oder weniger kontrollierten Entgleisungen zu EU und Migrationspolitik zunehmend genervt.

    Das wichtigste Trumpf-Ass von Rendi-Wagner ist ihre praktisch nicht vorhandene Parteikarriere in der SPÖ. Denn gerade der schmutzige und schäbige Anti-Kurz-Wahlkampf von Ex-Kanzler und SPÖ-Chef Christian Kern hat die Beziehungen zur ÖVP nachhaltig ge- und zerstört. Ein unverbrauchtes Gesicht könnte diese abgerissene Verbindung wieder knüpfen.

    Erneuerung und Stärkung der SPÖ?

    Das aber wird nur gelingen, wenn es aus einer Position zurückerlangter Stärke der SPÖ erfolgt. Die letzten Umfragen zeigen die Traditionspartei auf dem Sinkflug. Die Analyse in der Parteiführung ist eindeutig. Die SPÖ muss sich dringend erneuern, eigentlich sogar neu erfinden. Denn die Österreicher haben mit ihren Sozialdemokraten die gleichen Probleme wie die Deutschen mit ihrer SPD.

    SPÖ-Chef Christian Kern
    © AFP 2018 / ROLAND SCHLAGER/ APA
    Die Doppelherausforderung, die Partei mehr als nur kosmetisch zu reformieren und zugleich in Umfragen und Wahlergebnissen wieder stark zu machen, beinhaltet auch ein Doppelrisiko für Rendi-Wagner. Entweder reformiert sie nicht entschlossen genug und lässt damit innerparteiliche Schattenmachtzirkel unangetastet, die sie sabotieren. Oder aber sie ist zu reformfreudig und vergrätzt damit die Parteibasis, die mittlerweile Titanic-Stimmung verspürt und den ständigen Wechsel auf der Brücke nicht mehr ertragen kann.

    SPÖ-Vorsitz kann Schleudersitz werden

    Auch Rendi-Wagners Vorgänger Christian Kern galt als Hoffnungsträger, der von außerhalb der Parteistrukturen, als Unternehmenschef, die SPÖ aufmöbeln sollte. Doch stattdessen vermöbelte Kern die Partei. Sein unsentimentaler Umgang mit den diversen, über Jahrzehnte gewachsenen und fein austarierten Strukturen der SPÖ führte zu offener Rebellion gegen ihn.

    Das kann auch Pamela Rendi-Wagner widerfahren. Es sei denn, sie nutzt den Nimbus des Parteineulings und präsentiert neue und vielleicht überraschende Ideen. Das Talent, Ideen in verständlicher Sprache zu vermitteln, hat sie jedenfalls. So dass sich nur noch fragt, ob sie auch entsprechende Ideen hat.

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    Tags:
    Position, Stärke, Führung, SPÖ, Christian Kern, Österreich