20:21 10 Dezember 2018
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    Verhandlungen der Staatschefs von Großbritannien, Frankreich, Italien und Drittem Reich vor der Unterzeichnung des Münchner Abkommens in BerchtesgadenEinmarsch der Wehrmacht in Sudetenland 1938

    Das Münchner Abkommen 1938 – „Schand-Abkommen“ ohne Alternative?

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    Politik
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    Tilo Gräser
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    Historiker aus Deutschland, Tschechien und Russland haben an historischem Ort in Berlin über das Münchner Abkommen gesprochen. Dabei haben sie an die verschiedenen Interessen der beteiligten Mächte erinnert – und an eine damals, 20 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, weit verbreitete große Hoffnung.

    Vor 80 Jahren, in der Nacht zum 30. September 1938, schlossen das faschistische Deutschland und das faschistische Italien gemeinsam mit Großbritannien sowie Frankreich das Münchner Abkommen. Für die eine Seite war es ein Vorspiel zum geplanten Eroberungskrieg im Osten. London und Paris glaubten dagegen, damit einen neuen Krieg in Europa zu verhindern. Dafür opferten sie die Tschechoslowakei den deutschen Interessen. Das hat sich später bekanntermaßen als Fehleinschätzung erwiesen.

    Die Sowjetunion hatte der ČSR angeboten, sie im Fall eines deutschen Angriffes militärisch zu unterstützen. Doch Prag lehnte ab. Daran erinnerten am vergangenen Dienstag der russische Historiker Alexej Filitow sowie Stefan Melle von der Organisation „Deutsch-Russischer Austausch“ (DRA) in Berlin. Beide sprachen zu Beginn einer Podiumsdiskussion über „Das Münchner Abkommen als Gipfel der Appeasementpolitik“ im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst.

    „Es gab sehr intensive militärische Zusammenarbeit zwischen unseren Generälen und tschechoslowakischen Generälen“, erklärte Filitow gegenüber Sputnik. „Die sowjetische Seite hat zum Beispiel vorgeschlagen, 700 Kampfflugzeuge in die Tschechoslowakei zu verlegen. Man hat diese Flugzeuge sogar noch am Vorabend der Münchner Krise zusammen mit tschechoslowakischen Generälen besucht. Es war, im Sinne eines Verteidigungskrieges, eine sehr starke Alternative zu diesem Schand-Abkommen.“

    • Bericht vom 15.9.38 aus dem Volkskommissariat für Auswärtiges über Gespräch mit tschechoslowakischem Botschafter in der UdSSR, Z. Fierlinger, über das Verhalten Frankreichs und der Sowjetunion im Fall eines deutschen Angriffs auf die ČSR
      Bericht vom 15.9.38 aus dem Volkskommissariat für Auswärtiges über Gespräch mit tschechoslowakischem Botschafter in der UdSSR, Z. Fierlinger, über das Verhalten Frankreichs und der Sowjetunion im Fall eines deutschen Angriffs auf die ČSR
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    • Bericht der sowjetischen Auslandsaufklärung in Prag vom 16.9.38 über Treffen von N. Chamberlain mit A. Hitler, die Mobilisierung der tschechoslowakischen Armee und mögliche Veränderungen in der Prager Regierung
      Bericht der sowjetischen Auslandsaufklärung in Prag vom 16.9.38 über Treffen von N. Chamberlain mit A. Hitler, die Mobilisierung der tschechoslowakischen Armee und mögliche Veränderungen in der Prager Regierung
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    Bericht vom 15.9.38 aus dem Volkskommissariat für Auswärtiges über Gespräch mit tschechoslowakischem Botschafter in der UdSSR, Z. Fierlinger, über das Verhalten Frankreichs und der Sowjetunion im Fall eines deutschen Angriffs auf die ČSR

    Filitow ist Mitglied der Historischen Gesellschaft Russlands. Er hatte die Kopie einer aktuellen russischen Ausstellung zum Thema mit nach Karlshorst gebracht. In dieser werden jüngst freigegebene sowjetische Dokumente zum Münchner Abkommen erstmals gezeigt. Sie belegen unter anderem, dass in Moskau die geheimen Absprachen zwischen London und Berlin im Vorfeld des Abkommens bereits im Jahr 1937 bekannt waren. Die Ausstellung war zuvor am 19. September in der russischen Hauptstadt durch Außenminister Sergej Lawrow eröffnet worden, wie der Sender RT berichtete.

    Hilfe für Prag unmöglich?

    In Russland werde das Abkommen weiterhin als „Schande“ gesehen, sagte Filitow. Zuvor hatte der deutsche Historiker Stefan Martens in der Podiumsdiskussion angezweifelt, ob das Moskauer Angebot für militärische Hilfe an Prag realistisch war. Die damalige Stärke der Roten Armee sei insbesondere nach den vorherigen Stalinschen Säuberungen ihres Offizierskorps bis heute schwer einzuschätzen.

    Dr. Stefan Martens, Deutsches Historisches Institut Paris
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Dr. Stefan Martens, Deutsches Historisches Institut Paris

    Martens, der am Deutschen Historischen Institut in Paris arbeitet, verwies zudem darauf, dass die damalige Tschechoslowakei und die Sowjetunion keine gemeinsame Grenze hatten. Da Polen eine Durchfahrt sowjetischer Einheiten verweigert habe, ist aus seiner Sicht eine militärische Unterstützung aus dem Osten nicht möglich gewesen. Das gelte auch mit Blick nach Westen für die zuvor zugesagte Hilfe aus Frankreich im Fall eines deutschen Angriffs auf die ČSR.

    Der deutsche Historiker schilderte in einem kurzen Vortrag die Vorgeschichte des Münchner Abkommens. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sei mit den in Paris und Versailles 1919 und 1920 abgeschlossen Friedensverträgen versucht worden, eine endgültige Friedensordnung für Europa zu schaffen, samt Wiederaufbau durch Reparationen, Völkerbund und neuen Staaten in Mittel- und Osteuropa. Letztere seien vom Westen unter Führung der USA als „Cordon sanitaire“ gegenüber dem inzwischen kommunistischen Russland gedacht worden.

    Von Versailles nach München?

    Doch das Konzept dieser Verträge habe auf Dauer auch deshalb nicht funktioniert, weil eine Reihe von Details nicht gleich geklärt worden seien. Dazu habe unter anderem die Höhe der Reparationen  Deutschlands an die anderen Staaten gehört, so Martens. Ebenso sei das von US-Präsident Woodrow Wilson verkündete Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht umgesetzt worden. Der Völkerbund habe nicht nur Deutschland und Russland ausgeschlossen, sondern sei vom US-Kongress nicht ratifiziert worden – obwohl die Idee dazu aus Washington kam.

    London und Paris hätten sich von der Schutzmacht USA alleingelassen gefühlt, meinte der Historiker. Beide hätten in der Folge versucht, die offenen politischen und wirtschaftlichen Fragen der Nachkriegsordnung in Europa zu klären. Frankreich habe angestrebt, seine Ansprüche gegen Deutschland durchzusetzen, was in Großbritannien als Fehler angesehen worden sei. London habe einen wirtschaftlichen Zusammenbruch in Deutschland und in Folge „ein Ausufern der russischen Revolution“ in dem besiegten Land befürchtet.

    Die Weltwirtschaftskrise 1929 habe zudem gezeigt, dass die Reparationsforderungen an Deutschland nicht zu erfüllen waren. Deshalb habe die britische Regierung darauf verzichten und der deutschen Regierung entgegenkommen wollen. Nach der Machtübergabe 1933 an die deutschen Faschisten um Adolf Hitler habe dieser versucht, die entstandenen Spielräume auf westlicher Seite für eigene Forderungen zu nutzen.

    Berlin als Partner für London und Paris?

    In London habe es für die deutsche Wiederaufrüstung, die Einführung der Wehrpflicht 1935 und die Rheinland-Besetzung 1936 Verständnis gegeben – „weil man Deutschland als einen Partner gewinnen möchte“. Großbritannien habe wie Frankreich versucht, sich mit dem damaligen Deutschen Reich als gleichberechtigtem Staat in der europäischen Ordnung zu arrangieren. Martens hob hervor:

    „Wir wissen, was 1939 und danach passiert ist. Sowohl die britische als auch die französische Politik gehen zum Zeitpunkt des Abkommens von München noch davon aus, dass man Verträge, die man unterschreibt, auch hält. Dass man mit Hitler versuchen kann, zu verhandeln, wird als selbstverständlich betrachtet.“

    Während der Podiumsdiskussion: Dr. J. Mrňka, Moderator F. Dierl und Dr. S. Martens
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Während der Podiumsdiskussion: Dr. J. Mrňka, Moderator F. Dierl und Dr. S. Martens

    Mit dem Münchner Abkommen und dem folgenden Einmarsch deutscher Truppen in die sudetendeutschen Gebiete der ČSR sei die lang anhaltende innenpolitische Krise in dem Vielvölkerstaat beendet worden. Das sagte der Prager Historiker Jaromir Mrňka in der Runde, die der Historiker Florian Dierl moderierte. Die Krise habe 1938 auch aufgrund der von Berlin unterstützten Aktivitäten der Sudetendeutschen Partei (SDP) unter Konrad Henlein zu einem Bürgerkrieg geführt.

    Tschechoslowakei ohne Chancen?

    Zuvor hatte Filitow darauf hingewiesen, dass Henlein auch von London unterstützt wurde, was die veröffentlichten sowjetischen Dokumente belegen. Mrňka hob hervor, die Folgen der Weltwirtschaftskrise hätten der SDP ermöglicht, „die Grenze zwischen Deutschen und Tschechen wieder zu aktivieren“. Er bestätigte einen Hinweis aus dem Publikum, dass es unter den Sudetendeutschen ebenso Gegner Henleins und der deutschen Faschisten gab, so vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten, die aktiv Widerstand leisteten.

    Dr. Jaromir Mrňka, Institut für die Studien totalitärer Regime Prag
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Dr. Jaromir Mrňka, Institut für die Studien totalitärer Regime Prag

    Der Prager Historiker erklärte, dass die Politik der ČSR auf Verteidigung ausgerichtet war und nicht damit gerechnet habe, dass Österreich im Frühjahr 1938 an das Deutsche Reich angeschlossen würde. Deshalb seien die eigenen Befestigungsanlagen in dem Grenzbereich zu Österreich noch nicht fertig gewesen, als die deutschen Truppen einmarschierten. „1938 war die Verteidigung fast illusorisch“, schätzte Mrňka ein.

    Das galt aus seiner Sicht auch für ein mögliches Bündnis mit Frankreich oder der Sowjetunion, um die deutschen Ansprüche abzuwehren. Die Pariser Militärpolitik sei ebenfalls sehr defensiv ausgerichtet gewesen und habe eine wirksame militärische Hilfe unmöglich gemacht. Auch habe 1938 niemand die Verantwortung für einen neuen Krieg in Europa übernehmen wollen.

    Krieg von keinem gewollt?

    Das bestätigte Historiker-Kollege Martens, der unter anderem auf die bilaterale Vereinbarung des britischen Premiers Neville Chamberlain mit Hitler nach dem Münchner Abkommen hinwies. Bei seiner Rückkehr nach London schwenkte der Premier noch auf dem Flugplatz das Papier, das den „Frieden in unserer Zeit“ garantiere.

    Der französische Premier Édouard Daladier sei in Paris für ihn selbst überraschend mit Jubel empfangen worden. Er habe das Abkommen wegen des Aufgebens der vorherigen Zusagen an die ČSR skeptisch gesehen. Und Daladier habe gegenüber einem Berater die Jubelnden als „Idioten“ bezeichnet. Doch in Frankreich hat es damals laut Martens das „überragende Gefühl“ gegeben, „wir dürfen nicht noch einmal einen solchen Krieg erleben, der uns zehn Prozent der männlichen Bevölkerung kostet“.

    Ankunft von Edouard Daladier (i.d.Mitte) in Frankreich nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens
    © AFP 2018 / France Presse Voir
    Ankunft von Edouard Daladier (i.d.Mitte) in Frankreich nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens

    So sei ein anderer Vertragspartner geopfert worden, in der Hoffnung, einen neuen Krieg verhindern zu können. Paris schloss dann im November 1938 mit Berlin ebenfalls eine Nichtangriffs-Vereinbarung ab. Martens stellte in der Diskussion auch dar, dass selbst Deutschland zu dem Zeitpunkt noch keinen Krieg riskieren wollte, weil es dafür noch nicht gerüstet war. Das habe vor allem Hermann Göring gewusst. Dieser habe gemeinsam mit Ernst von Weizsäcker versucht, Hitler davon zu überzeugen, die eigenen Ziele noch auf diplomatischem Wege zu verfolgen.

    Tschechoslowakei uninteressant für London?

    Für den deutschen Historiker ist die Politik des Appeasements (deutsch: Beschwichtigung) seit dem Münchner Abkommen ein „verbrannter Begriff“. Die wirtschaftlichen Interessen der Westmächte an der Appeasement-Politik kamen dabei in der Veranstaltung im Karlshorster Museum nicht zur Sprache.

    Einmarsch der Wehrmacht in Sudetenland 1938
    © AP Photo / Archiv
    Einmarsch der Wehrmacht in Sudetenland 1938

    Der Historiker Bernd-Jürgen Wendt hatte 1982 in einem Aufsatz in dem Buch „Die Westmächte und das dritte Reich 1933-1939“ geschrieben:

    „Die Regierung in Whitehall stimmte bis zum Frühjahr 1939 voll mit den Handels-, Schifffahrts- und Finanzkreisen darin überein, dass die Politik der wirtschaftlichen Entspannung nicht durch plötzliche Konflikte in einer Region wie der Tschechoslowakei gefährdet werden sollte, die im Grunde die vitalen Interessen Großbritanniens und der Dominien nicht entscheidend tangierte.“

    „Political“ und „Economic Appeasement“ waren „gleichsam zwei untrennbare Aspekte einer einzigen politisch-wirtschaftlichen Friedenskonzeption“, schrieb Wendt damals. Dazu habe die Hoffnung gezählt, durch wirtschaftliche Kooperation die liberaleren Kräfte im „Dritten Reich“ zu stärken.Der Historiker wies Beitrag von 1982 darauf hin, dass die dafür Verantwortlichen von ihrem damaligen Wissensstand ausgegangen seien.

    München als Lehre für Moskau?

    Sein Kollege Martens mahnte am Dienstag in Berlin ebenfalls, die Handelnden von 1938 nicht nur mit dem heutigen Wissen zu beurteilen. Er bestätigte gegenüber Sputnik, dass die in dem Buch von 1982 festgehaltenen Erkenntnisse heute noch gültig seien. Darin schrieb Gustav Schmidt, auf Grund konkurrierender Interessen unter den Westmächten seien „Vorkehrungen für kollektive, arbeitsteilig organisierte militärische und wirtschaftliche Sicherheit gegenüber den Herausforderungen des dritten Reiches“ unterblieben.

    Prof. Dr. Alexej Filitow bei der Veranstaltung im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Prof. Dr. Alexej Filitow bei der Veranstaltung im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst

    Ohne das Abkommen von München hätte es den „Hitler-Stalin-Pakt“ ein Jahr später samt der Aufteilung Polens nicht gegeben, versicherte der russische Historiker Filitow gegenüber Sputnik. „Stalin hat durch München gelernt, dass er weder auf Frankreich noch auf Großbritannien setzen kann“, sagte zuvor Martens in der Veranstaltung. Deshalb habe Moskau nach dem Münchner Abkommen versucht, sich mit dem faschistischen Deutschland zu arrangieren.

    Der weitere Gang der Geschichte ist bekannt – und so wurde in dem Saal diskutiert, in dem in der Nacht zum 9. Mai 1945 das faschistische Deutschland die bedingungslose Kapitulation gegenüber der Sowjetunion und ihren westlichen Alliierten unterzeichnete.

    Die Ausstellung „München 38 – Am Rande der Katastrophe“ mit den sowjetischen Dokumenten ist noch bis zum 21. Oktober im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst zu sehen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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    Tags:
    Münchner Abkommen, Geschichte, Faschismus, Nationalsozialismus (Nazismus), Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Edouard Daladier, Neville Chamberlain, Benito Mussolini, Adolf Hitler, Josef Stalin, Sudetenland, Drittes Reich, Tschechoslowakei, Sowjetunion, Europa, London, München, Paris, UdSSR, Italien, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Moskau, Russland