18:28 22 Oktober 2018
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    Der britische Premier Neville Chamberlain hält Münchner Abkommen nach seiner Rückkehr in England

    Historiker: Alternative zum „Schand-Abkommen“ von München 1938 war möglich

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    Politik
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    Tilo Gräser
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    Das Abkommen von München 1938 jährt sich am 30. September zum 80. Mal. Es ist eine Folge der antisowjetischen Politik der Westmächte gewesen, sagt der russische Historiker Alexej Filitow. Er macht im Sputnik-Interview auf eine damals mögliche Alternative für die Tschechoslowakei, das Opfer des Abkommens, aufmerksam.

    Alexej Filitow ist Historiker aus Moskau und Mitglied der Historischen Gesellschaft Russlands. Er war Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften (AdW) der Sowjetunion und später Russlands. Filitow gilt als Experte für die Geschichte des Kalten Krieges und hat 1991 zum Thema seine Habilitationsschrift vorgelegt.

    Am Dienstag hat er im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst für eine Podiumsdiskussion über „Das Münchner Abkommen als Gipfel der Appeasementpolitik“ ein Grußwort gehalten. Nach der Veranstaltung gab er Sputnik ein Interview.

    Herr Filitow, wie schätzen Sie als Historiker aus Russland, der auch die Diskussion in der Sowjetunion erlebt hat, das Münchner Abkommen heute ein?

    Eigentlich bleibt die Einschätzung, wie sie schon von Anfang an war. Schon Ende der 1930er Jahre konnte man dazu viel erklären. Zum Beispiel war eine erste Erklärung eine Absage an die Behauptung seitens der britischen Presse, die Sowjetunion sei im Voraus über dieses Abkommen informiert worden. Das wurde als reine Erfindung eingeschätzt. Dazu folgte noch eine scharfe Verurteilung des Abkommens. Und das bleibt. Wir bleiben in Russland und eigentlich in aller Welt bei dieser Einschätzung.

    War das Abkommen ein Verrat an den Versuchen, Deutschland zu widerstehen? War das ein Verrat des Westens an den Interessen Osteuropas und auch Russlands?

    Ja, sicher, es war eine Folge der sehr bewusst verfolgten antisowjetischen Politik. Ich habe in meiner Begrüßungsrede darauf hingewiesen, dass es nicht so war, dass Chamberlain und Daladier die Einladung Hitlers nach München als einen Blitz vom Himmel aufgenommen hätten. Sie haben selbst darauf hingearbeitet. Es gab eine Mitteilung eines sowjetischen Kundschafters mit Decknamen „Mädchen“, dass in britischen Kreisen schon im Sommer 1938 die Idee dieser vierköpfigen Konferenz besprochen wurde.

    Bis heute wird vor allem die damalige Sowjetunion für den sogenannten Hitler-Stalin-Pakt kritisiert, für das Abkommen, das Moskau 1939 mit Berlin geschlossen hat. Wäre es ohne München zu dem Abkommen gekommen?

    Ich denke, es gibt eine historische Version: Wenn Hitler nicht von Chamberlain und Daladier so hofiert worden wäre, hätten die deutschen Generäle ihn stürzen können. Es hätte das Ende der Aggression Hitlers und vielleicht das Ende des Hitler-Regimes insgesamt bedeutet, wenn es kein Münchner Abkommen gegeben hätte.

    Es gab Angebote der Sowjetunion an die Tschechoslowakei, bei einem deutschen Überfall oder einem Angriff aus Deutschland die Tschechoslowakei zu unterstützen. War das ein realistisches Angebot oder nur ein politisches?

    Es gab sehr intensive militärische Zusammenarbeit zwischen unseren Generälen und tschechoslowakischen Generälen. Die sowjetische Seite hat zum Beispiel vorgeschlagen, 700 Kampfflugzeuge in die Tschechoslowakei zu verlegen. Man hat diese Flugzeuge sogar noch am Vorabend der Münchner Krise zusammen mit tschechoslowakischen Generälen besucht. Es war, im Sinne eines Verteidigungskrieges, eine sehr starke Alternative zu diesem Schand-Abkommen.

    Sie haben eine Ausstellung mit nach Berlin gebracht, die auch in Moskau gezeigt wird, mit Dokumenten zu dem ganzen Münchner Abkommen, die aus der Sowjetunion stammen. Was ist das Neue an den Exponaten?

    Prof. Dr. Alexej Filitow bei der Veranstaltung im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Prof. Dr. Alexej Filitow bei der Veranstaltung im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst

    Es gab viele neue freigegebene, deklassifizierte Geheim-Dokumente. Ich habe schon diese Mitteilung des Agenten „Mädchen“ erwähnt. Es gibt auch andere interessante Materialien, zum Beispiel über den militärischen Aufmarsch der Sowjettruppen, über diese militärische Zusammenarbeit mit der tschechoslowakischen Seite. Es sind sehr interessante neue Materialien.

    Die Ausstellung „München 38 – Am Rande der Katastrophe“ mit den sowjetischen Dokumenten ist noch bis zum 21. Oktober im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst zu sehen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Alexej Filitow zum Nachhören:

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    Tags:
    Münchner Abkommen, Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, Edouard Daladier, Neville Chamberlain, Adolf Hitler, Josef Stalin, Drittes Reich, Tschechoslowakei, Berlin-Karlshorst, Sowjetunion, München, Großbritannien, Deutschland, USA, Frankreich, Moskau