16:04 19 Oktober 2018
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    Friedrich Dieckmann (links) im Gespräch mit Sputnik-Redakteur Tilo Gräser

    Wer das deutsch-russische Verhältnis vergiftet hat – Publizist gibt Antwort

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    Politik
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    Tilo Gräser
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    Die Freundschaft zwischen den Völkern verspielt und die Beziehungen zwischen den Ländern vergiftet – so sieht der Publizist Friedrich Dieckmann das deutsch-russische Verhältnis. Im Buch „Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen“, das am 2. Oktober erscheint, beschreibt er die Diagnose und nennt im Sputnik-Interview mögliche Auswege.

    „Ratloses Erschrecken“ – das hat beim Berliner Schriftsteller und Publizisten Friedrich Dieckmann der Blick auf das gegenwärtige deutsch-russische Verhältnis ausgelöst. Gleich zu Beginn seines Beitrages im Buch „Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen“, herausgegeben von Adelheid Bahr im Westend-Verlag, bringt der Autor ein Beispiel für den Anlass seines Erschreckens:

    „Drei Jahre lang (erst 2018 hat man es geändert) haben die Brüsseler EU-Instanzen jeweils am 22. Juni über die einjährige Verlängerung der Sanktionen beschlossen, mit denen sie die russische Regierung für die Einverleibung der Krim bestrafen… Es war an einem 22. Juni, als Hitlers Truppen ohne Kriegserklärung in ein Land einfielen, das mit Deutschland durch einen Neutralitätspakt, der einem Bündnis gleichkam, verbunden war. Wie viele Opfer der so begonnene Krieg von den überfallenen Völkern forderte, kann man in den Geschichtsbüchern nachlesen; die Zahl übertrifft um ein Vielfaches alle anderen Opferzahlen.“

    Die Freundschaft zwischen beiden Ländern und Völkern sei verspielt worden, erklärte Dieckmann im Sputnik-Gespräch seinen Befund der „vergifteten“ deutsch-russischen Beziehungen. Das sei vor allem in den 1990er Jahren anders gewesen. Er verwies auf die zum Teil auf Deutsch gehaltene Rede von Präsident Wladimir Putin 2001 im Deutschen Bundestag. Putin habe angeboten, zusammenzuarbeiten, und weniger an die dunklen Seiten der Geschichte wie den Krieg gegen die Sowjetunion, sondern an die positiven Zeiten in der deutsch-russischen Geschichte erinnert.

    „Unselige Tradition“

    „Der Widerhall war bestürzend gering“, so der Schriftsteller über die Resonanz auf die Rede. Im politischen Bereich sei es zu einer Verschlechterung der Beziehungen gekommen, die nach dem „ukrainischen Staatsstreich 2014“ noch zugenommen habe. Dieckmann hält es für eine Illusion, mit den westlichen Sanktionen gegen Russland irgendetwas erreichen zu können.

    Für ihn erneuert der gegenwärtige Ton in großen Teilen der deutschen Politik die antisowjetische Linie des Kalten Krieges, erklärte er im Gespräch. Den russophoben Ton, der sich in weiten Bereichen von Medien und Politik zeige, bezeichnete Dieckmann als „unselige Tradition, die auch aus Unkenntnis erwächst und geschürt wird von dem globalstrategischen Konflikt zwischen den USA und Russland“. Dieser Konflikt sei verwunderlich, da das einst kommunistische Land nun „oligarchisch-kapitalistisch“ geworden sei, mit einem Grad an Kirchenfrömmigkeit fast wie in den USA.

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    „Narzisstische Kränkung“

    Im Gespräch wie in seinem Text beschreibt er als Ausgangspunkt der Konfrontation die „narzisstische Kränkung“, die die USA durch den Verlust ihres Atombombenmonopols erfahren habe. Die Sowjetunion habe den US-Hegemonie-Anspruch „fundamental erschüttert“, als sie im September 1949 erstmals einen Atombombenversuch durchführte. „Das haben die USA der Sowjetunion niemals vergeben“, so der Schriftsteller. Als die letztere 1991 unterging, sei der Konflikt auf Russland übergegangen.

    „Statt dass Deutschland als Mitglied der westlichen Allianz eine ausgleichende, dämpfende, realistische Position bezieht, erleben wir auch von einem sozialdemokratischen Außenminister – anders als bei seinen Vorgängern – eine Tendenz zur ideologischen Überhöhung des Konflikts, der durch die Ereignisse in der Ukraine und die Aneignung der Krim gegeben war.“

    Dieckmann sieht die Gründe für die Verschlechterung der Beziehungen in dem „Präpotenz-Gebaren der US-amerikanischen Politik gegenüber Russland“. Dieses habe auch einen missionarischen Zug, „als wenn die Russen so leben könnten und wollten, wie auch nicht alle US-Amerikaner leben wollen – in einem System, das die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter aufreißt“. Dieses Problem gebe es allerdings auch in Russland.

    „Prinzip der Gegenseitigkeit beachten“

    Es sei klar, so der Schriftsteller, dass Russlands Sicherheitsbedürfnis nicht zulassen könne, dass das riesige Land von immer mehr Nato-Mitgliedsländern eingekreist werde. Moskau habe das bei Ungarn und Polen, den ersten Staaten aus dem früheren Warschauer Vertrag, hingenommen. Aber im Fall von Georgien und der Ukraine sei das nicht mehr hinnehmbar gewesen, schätzte Dieckmann ein.

    „Man kann mit Russland nicht in Frieden und Freundschaft leben, ohne die berechtigten Sicherheitsbedürfnisse dieses Landes zur Kenntnis zu nehmen und zu beachten. Das muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Das war die Grundlage der Verständigungspolitik, die Willy Brandt mit Egon Bahr an der Seite seit den 1960er Jahren betrieben hat und die, bei größten Hemmnissen auf beiden Seiten, erfolgreich war.“

    Eine solche Politik der gegenseitigen Achtung und der Beachtung der gegenseitigen Interessen sei gegenwärtig wieder dringend notwendig, hob der Schriftsteller hervor. Kriegsspiele, wie sie auf beiden Seiten der litauisch-russischen Grenze stattfinden, könnten zu Zwischenfällen und Zuspitzungen führen, sagte Dieckmann und warnte vor den möglichen Folgen.

    „Lückenhafte Berichterstattung“

    Bezeichnend für die Haltung der außenpolitischen Redakteure in den führenden deutschen Medien sei für ihn gewesen, dass 2015 kaum jemand über die letzte Rede von Egon Bahr in Moskau berichtet hatte. Der SPD-Politiker hatte damals in der russischen Hauptstadt das vom CSU-Politiker Wilfried Scharnagl herausgegebene Buch „Am Abgrund – Streitschrift für einen anderen Umgang mit Russland“ vorgestellt, im Beisein von Michail Gorbatschow.

    „Das wurde einfach ignoriert“, erinnerte sich Dieckmann, der die Lückenhaftigkeit der Berichterstattung beunruhigend findet. „Sie sind ungebildet“, sagte er über die Russland-Berichterstattung vieler deutscher Journalisten und fügte hinzu: „Das ist auch eine Gefahr.“

    Die Truppenaufmärsche und Manöver der Nato an der Grenze zu Russland beruhen aus seiner Sicht auf der Fiktion einer russischen Gefahr. Die drei baltischen Staaten und Polen seien als Nato-Mitglieder „so sicher wie West-Berlin in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges“. Für Dieckmann ist klar: „Es besteht nicht der mindeste Anlass zu glauben, dass die russische Kriegsmacht – an Wehr-Etats denen der US-Amerikaner und der europäischen Nato-Mitglieder vollkommen unterlegen – gegen die baltischen Staaten oder Polen in Bewegung gesetzt werden könnte.“

    „Glücksfall für Deutschland“

    Was er da „mit größter Sorge“ beobachte, nutze der Rüstungsproduktion, erklärte er. Im Kalten Krieg sei es ähnlich gewesen, als die Stärke der sowjetischen Streitkräfte von den Vertretern des militärisch-Industriellen Komplexes in den USA immer übertrieben worden sei.

    „Es standen Profitinteressen dahinter. Das ist bekannt. Darum sollte man sehr vorsichtig sein gegenüber Informationen, die gestreut werden, um den Konflikt weiter anzufachen.“

    Mit Blick auf Putins Kenntnis der deutschen Sprache und Kultur könne man den russischen Präsidenten Putin als „Glücksfall für Deutschland“ ansehen, schreibt Dieckmann in seinem Text. Als sowjetischer Geheimdienstoffizier in Dresden und Leipzig habe er zweifellos zum friedlichen Verlauf der deutschen demokratischen Revolution im Herbst 1989 beigetragen. Politik und Medien in Deutschland sollten sich davor hüten, Putin zu dämonisieren.

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    „Russische Sicherheitsinteressen unterschlagen“

    Vieles, was aus dem heutigen Russland über den Umgang staatlicher Stellen mit der Opposition und mit nonkonformistischen Künstlern zu hören sei, erfülle ihn mit tiefer Sorge, erklärte der Autor. Zugleich machte er darauf aufmerksam, dass der Druck von außen in Gestalt der antirussischen Sanktionen die Stimmung im Lande verschärft habe. „Diese Sanktionen treffen das Leben des Volkes und schüren den russischen Nationalismus.“

    Putin sei ein rationaler Politiker, widersprach der Schriftsteller gängigen Einschätzungen. Die russischen Aktivitäten in Georgien und in der Ukraine seien einem „spezifischen Defensiv-Kalkül“ gefolgt. „Es wird völlig unterschlagen, dass durch die US-Politik gegenüber Georgien und der Ukraine legitime Sicherheitsbedürfnisse Russlands berührt wurden.“ Ein russischer Präsident, der darauf nicht reagiert hätte, hätte sich um jede Autorität gebracht. Dieckmann fügte hinzu: „Das sollte man im Westen eigentlich begreifen können.“ Berechtigte Kritik an der russischen Politik müsse rational bleiben.

    Für den Publizisten wäre es ein Schritt zu einem besseren Verhältnis zwischen Deutschland und Russland, wenn eine Vorleistung, wie sie von deutschen Politikern immer wieder von Moskau eingefordert würde, auch einmal von Deutschland käme. Das könne durch Abbau oder Abschaffung der Sanktionen geschehen – „dann wäre der Weg zu Verbesserungen frei“.

    „Guter Wille entscheidend“

    Dieckmann verwies auf den Beitrag des ehemaligen Bundeswehr-Generalinspekteurs Harald Kujat in demselben Buch. Der Ex-Offizier schreibe, es sei das Gebot der Stunde, die Sicherheitspartnerschaft mit Russland aus den 1990er Jahren zu erneuern. „Sie ist primär durch westliches Fehlverhalten verscherzt worden“, so der Schriftsteller dazu, „und muss wiederhergestellt werden“.

    Dabei müsse die durch die Ukraine-Krise und die Integration der Krim in die russische Föderation veränderte Situation berücksichtigt werden. In beiden Fällen seien Lösungen möglich. Dieckmann erinnerte an den Vorschlag von Egon Bahr, betreffs der Krim mit dem Status quo wie einst gegenüber der DDR realistisch umzugehen, ohne die gegebene Lage offiziell anzuerkennen. „Das lässt sich mit gutem Willen bewerkstelligen.“

    Adelheid Bahr (Hg.): „Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen – Ein Aufruf an alle von Matthias Platzeck, Peter Gauweiler, Antje Vollmer, Peter Brandt, Oskar Lafontaine, Daniela Dahn und vielen anderen“ (Westend Verlag 2018. ISBN 9-78386-4892-363; 208 Seiten; 18 Euro)

    Buch „Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen“
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    Buch „Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen“
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    Sanktionen, Atombombe, Kriegsgefahr, Kalter Krieg, NATO, Michail Gorbatschow, Wladimir Putin, Angela Merkel, Westen, Deutschland