01:21 21 Oktober 2018
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    ein Soldat der Mazedoniens Sondereinheiten beim Besuch des Nato-Chefs Jens Stoltenberg

    Schießen auf mazedonische Art: Wie ein kleines Balkanland die Nato stärken soll

    © REUTERS / Ognen Teofilovski
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    Die Nato soll demnächst ihr 30. Mitglied bekommen. Die Mazedonier haben bei einem Referendum für den Nato- und EU-Beitritt gestimmt. Nato-Chef Jens Stoltenberg äußerte Zufriedenheit mit dem Ausgang der Volksbefragung. Er betonte, dass die Allianz für alle offen ist. Wie die Nato von der Erweiterung profitieren wird, lesen Sie in diesem Artikel.

    „Taschen-Truppen“

    Mazedonien kooperiert bereits seit 23 Jahren mit der Nato. Die Regierung des Landes schloss im November 1993 mit der Nato das Abkommen „Partnerschaft für Frieden“. Im April 1999 wurde eine Roadmap für die Nato-Mitgliedschaft unterzeichnet. Die nur 8000 Soldaten zählende Armee Mazedoniens wird bereits seit geraumer Zeit umgerüstet, an Nato-Standards angepasst und begrenzt bei Nato-Operationen eingesetzt. So erfüllten einzelne mazedonische Einheiten Kampfaufgaben im Kosovo, Irak und Afghanistan unter dem unmittelbaren Kommando von US-Generälen.

    Der Militäretat Mazedoniens ist mit dem Verteidigungsetat Paraguays oder des benachbarten Albaniens vergleichbar – 156 Millionen Dollar, was für eine Armee aus zwei Divisionen ziemlich viel ist. Die Streitkräfte bestehen seit 2005 ausschließlich aus Berufssoldaten. Mazedonien verfügt über Land- und Luftstreitkräfte. Es gibt keine vollwertige Kriegsflotte, weil es keinen Meereszugang gibt. Im Prespasee und Orchidsee stehen kleine Motorboot-Einheiten im Kampfdienst.

    Strukturell bestehen die mazedonischen Streitkräfte aus drei Brigaden – Infanterie-, Luft- und Logistik-Brigade sowie die Spezialeinheit „Wölfe“, hinzu kommt das Aufklärungsbataillon „Ranger“. Die wichtigste Angriffskraft des Heeres – 31 Panzer T-72. Das ist nicht sehr viel, aber deutlich mehr als bei der Entstehung der nationalen Armee im Jahr 1992, als sie lediglich über vier beschädigte T-34 Panzer aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs verfügte. Ein Großteil der Kampftechnik ist aus sowjetischer und russischer Produktion – Infanteriekampfwagen BMP-2, Mehrzweck-Kraftzugmaschinen MT-LB, Schützenpanzerwagen BTR-70 und BTR-80. Zudem kaufte Mazedonien bei Deutschland mehr als 1000 Panzerwagen TM-170 Hermelin, zehn Schützenpanzerwagen ELBO Leonidas-2 in Griechenland und etwa 30 veraltete Kettenfahrzeuge M113 in den USA.

    Die Artillerie besitzt russische Mehrfachraketenwerfer Grad und Rohr-Haubitzen M-30 sowie US-Kanonen M2A1. Die Luftstreitkräfte Mazedoniens verfügen ausschließlich über Hubschrauber. Es gibt keine taktischen oder strategischen Fliegerkräfte. Als Angriffsmittel verfügt Mazedonien über sechs Transport- und Kampfhubschrauber Mi-24, die bei der Ukraine erworben und von der israelischen Firma Elbit modernisiert wurden. Zudem gibt es sechs Hubschrauber Mi-17 und einige amerikanische Bell UH-1.

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    Die Elite-Spezialeinheit „Wölfe“ wurde 1994 ins Leben gerufen. Sie verfügt über große Kampferfahrung und nimmt regelmäßig an gemeinsamen Manövern mit amerikanischen „Green Berets“, deutschen KSK-Einheiten und britischen SAS teil. Während der Balkan-Kriege wurden sie bei Geheimoperationen im Ausland eingesetzt.

    Einheitliche Front

    Den mazedonischen Streitkräften mangelt es zwar an einer breiten Palette von Waffen und Ausstattung. Sie können auch nur schwerlich in weit entfernte Gebiete verlegt werden. Allerdings verheimlichte Stoltenberg nicht seine Freude, als er die Ergebnisse des Referendums erfuhr.

    „Die Nato braucht Mazedonien, damit sich die Organisation dynamisch entwickelnd fühlt“, meint der Politologe Alexej Muchin. „Mazedonien wird dazu genötigt, so zu tun, dass die amerikanische und britische Militärpräsenz in Europa steigt. Leider erlebt das jedes Land. Die Nato nimmt Europa unter Kontrolle – im Interesse der USA. Es bestehen keine Zweifel daran, dass diese Prozesse auch gegenüber anderen Ländern fortgesetzt werden. Als nächstes ist die Ukraine an der Reihe“, so der Experte.

    Ähnlicher Meinung ist auch Militärexperte Konstantin Siwkow. „Die Nato-Führung verfolgt ihren Kurs und errichtet an unseren westlichen Grenzen einen dichten Zaun“, so der Experte. Im vergangenen Jahr wurde mit Montenegro ein weiteres Balkan-Land aufgenommen. Damit schnitt die Nato Serbien, einen potentiellen Verbündeten Russlands, vom Adriatischen Meer ab.

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    „Mazedonien ist ein Festland-Land, das an Nato-Mitgliedsstaaten grenzt – Griechenland, Bulgarien und Albanien. Die Allianz bildet also eine einheitliche Front. Ich schließe nicht aus, dass man Mazedonien brauchen wird, wenn die Amerikaner plötzlich beschließen, den INF-Vertrag zu kündigen. In diesem Land könnten gut US-Raketen stationiert werden – die Flugzeit bis zu russischen Großstädten ist nicht groß. Vielleicht werden hier auch Elemente des globalen Raketenabwehrsystems der USA auftauchen“, so der Experte.

    Mazedonien ist offenbar nicht nur für das Militär, sondern auch für das Rüstungsgeschäft ein leckerer Happen. Die Militärtechnik aus sowjetischer Produktion soll durch westliche Waffen ersetzt werden. Allerdings wurde das zum Teil schon gemacht – mazedonische Soldaten nutzen seit langem westliche Schusswaffen, amerikanische automatische Gewehre M4 und Maschinengewehre M240, deutsche Maschinengewehre H&K MP5, tschechische Pistolen CZ75.

    Die Ersetzung der Panzer würde deutlich mehr Geld beanspruchen. Ob ein kleines Land wie Mazedonien die Ressourcen und den Wunsch zu Ausgaben in dieser Größenordnung haben wird, ist bislang unklar.

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    Tags:
    Raketenabwehrsysteme, Entwicklung, Verstärkung, Armee, Mitgliedschaft, INF-Vertrag, NATO, USA, Mazedonien