05:00 19 Oktober 2018
SNA Radio
    USA und Europa (Symbolbild)

    Ein Westen ohne USA – wie wär´s?

    CC0 / pixabay
    Politik
    Zum Kurzlink
    Dmitri Kosyrew
    242277

    Noch länger zu warten, bis Präsident Trump sich so verhält, wie es sich für den Anführer des guten, alten Westens gehört, ist sinnlos. Man wird einen neuen Westen – ohne die USA – schaffen müssen, eine Art „Kommission zur Rettung der Weltordnung“. Das ist jetzt nicht einfach so daher gesagt, sondern der Vorschlag zweier Profis aus Amerika.

    Ja, dieser Vorschlag ist nur ein Gedanke, einer von vielen. Aber er passt so gut zu allem, was seit zwei Jahren auf allen Sitzungsrunden im Nato- und G7-Format passiert: Spitzenpolitiker wie die Bundeskanzlerin Merkel verlassen den Sitzungsraum nach einem Gespräch mit Donald Trump und erklären mit galligen Gesichtern, man werde das eigene Schicksal von nun an in die eigenen Hände nehmen müssen. 

    Außerdem stammt die Idee von Fachleuten, die durchaus ernst zu nehmen sind: Ivo Daalder, der Ständige US-Vertreter bei der Uno, und James Lindsay, Chef-Analyst beim Council on Foreign Relations. Ihre Vision haben die Beiden unter der Überschrift „Kommission zur Rettung der Weltordnung“ im Fachblatt „Foreign Relations“ veröffentlicht.

    Die Lage des Westens beschreiben sie sehr anschaulich: „Die Verbündeten haben die Anfangsstadien der Enttäuschung bereits hinter sich: Ablehnung, Wut, Verhandlungsversuch und Depression. Was typischerweise folgt, ist die Annahme des Unausweichlichen“, schreiben Daalder und Lindsay. Aber man könne auch anders: Die USA zeitweise ersetzen.

    Die Autoren schlagen die Gründung einer neuen G9 vor. Frankreich, Deutschland, Italien, Großbritannien plus Brüssel (die EU-Institutionen) wären deren europäische Mitglieder. Japan und Südkorea wären die Vertreter aus Asien, Kanada und Australien kämen noch hinzu. Alle zusammen und ohne die Vereinigten Staaten wären schon eine Kraft, theoretisch auch eine militärische.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Atomdeal mit Iran: EU gemeinsam mit China und Russland – und gegen die USA

    Denn wenn allein die Europäer endlich zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Rüstung ausgeben würden, dann hätten Europas Streitkräfte statt der gegenwärtigen 270 ganze 375 Milliarden Dollar zur Verfügung. Im Verhältnis zum US-Militär sei das zwar immer noch wenig, schreiben die Autoren. Immerhin aber überträffe der Etat das russische Rüstungsbudget um das Doppelte.

    Dass Daalder und Lindsay die zwei Prozent (die die USA ständig von ihren Nato-Verbündeten einfordern) in ihrem Artikel erwähnen, kommt nicht von ungefähr. Die beiden amerikanischen Autoren schwatzen die US-Position ihren prowestlichen Kollegen geradezu auf. Denn der Kernpunkt ihrer neuen G9 besteht darin, dass sie nur provisorisch sein soll – bis die USA ihren Weltthron zurückkehren.

    Mit anderen Worten aus dem Artikel: Die neun Statthalter „bereiten die Szene für die Rückkehr der US-Führerschaft vor“, denn die Rückkehr sei „für das langfristige Überleben“ der Statthalter selbst und der Weltordnung notwendig.

    Die beiden Profis aus den USA haben sich damit abgefunden, dass der US-Präsident bis 2021 im Amt durchhalten wird. Aber auch nach 2021 könnte der neue US-Präsident sich entschließen, „am Rande internationaler Politik zu bleiben und sich auf die inneren Probleme konzentrieren“, so Daalder und Lindsay.

    Da ist sie wieder, diese unsichtbare Kraft, die die Partner zu den „zwei Prozent für Rüstungsausgaben“ drängt, die Forderungen Trumps und Obamas nachbetend. Und dabei könnten die zwei Prozent noch zu wenig sein.

    Denn die „G9“ wird aufgerufen, das zu tun, womit die Vereinigten Staaten sich schon verhoben haben – nämlich, militärisch zu intervenieren, überall, vor allem in Asien.

    Asien ist die Schlüsselkomponente dieses Konzepts. Denn wenn es in Europa wenigstens eine Nato gibt, fehlt ein ähnliches Gebilde im asiatischen Raum völlig: Dort treibt jeder, was er will.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Russland – der unerwünschte Mitbewohner im „Haus Europa“?

    Was wir uns also vorstellen können, ist, dass jemand statt der USA die asiatischen „G9“-Mitglieder dazu drängen wird, einem einheitlichen Militärblock beizutreten. Den USA ist das ja aus vielerlei Gründen misslungen.

    Wie lange würde man wohl brauchen, eine Allianz dieser Art zu schmieden? Und wie würde sich in dieser Zeit die Welt verändern. Solange wird der Statthalter des Throns sich kollektiv zu den Fragen der liberalen Weltordnung äußern (was recht einfach wäre) und der Welt die Verhaltensregeln diktieren müssen (das ist schon schwieriger).

    Das Einfachste wäre, die Handelsformate aufrechtzuerhalten, die dem gegenwärtigen US-Präsidenten derart missfallen. Das heißt, die Sache Obamas fortzusetzen – also multinationale Konglomerate mit gemeinsamen supranationalen Regeln zusammenzuzimmern. Zumal das schon geschieht, etwa hinsichtlich der Möglichkeiten, die US-Sanktionen für diejenigen zu umschiffen, die weiterhin mit dem Iran handeln wollen.

    Außerdem, so die beiden Autoren, muss der provisorische Westen auch das tun, was bereits seit Jahren die nicht-westliche BRICS tut – nämlich eigene disziplinierte Fraktionen dort schaffen, wo Washingtons Stimme versagt: bei den Vereinten Nationen, bei der Weltbank und bei der G20.

    Es wird deutlich, dass es sich um eine Gruppe mit einer eisernen Disziplin statt eines Debattierklubs handeln müsse, der die Frage diskutieren würde, was den Westen überhaupt ausmache und was davon übriggeblieben sei.

    Aber: Disziplin erfordert Führung. Bis vor kurzem schleppte sich der Westen im Windschatten des amerikanischen Anführers mürrisch vorwärts. Der ist nun weggebrochen. Was – besser gesagt: wer – kommt danach? Der unsichtbare Deep State, ohne den gar nichts geht?

    Eine Antwort auf diese Frage gibt es natürlich, nur ist sie einem irgendwie verdächtig. Es ist, als würde die Antwort durch das Foto hindurchschimmern, das über dem Artikel zur „Kommission zur Rettung der Weltordnung“ abgebildet ist.

    Drei Spitzenpolitiker sind darauf abgebildet: Trump, Merkel und Macron. Die Gesichter der ersten Beiden sind abgeschnitten, nur die nach unten gezogenen Mundwinkel sind jeweils zu erkennen. Allein der Kopf von Macron ist in Gänze abgebildet.

    Soll der es sein, der den Westen provisorisch führen wird, bis der Hausherr aus den USA zurückkehrt? Na ja… Aber wer könnte es denn sonst?

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    G9, G7, NATO, James Lindsay, Donald Trump, Ivo Daalder, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Europa, Asien, Brüssel, Italien, Großbritannien, Deutschland, USA, Frankreich