18:31 22 Oktober 2018
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    Dr. Alexander Rahr, Historiker und Politikwissenschaftler

    Nostradamus, Zar Iwan IV., Merkel und Putin: Der „Schrei eines Verzweifelten“

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Nicht weniger und nicht mehr als Russland unter Putin erklären – das will ein neues Buch. Autor ist Alexander Rahr, der bekannteste Russland-Experte der Bundesrepublik. Er reist bei der Suche nach den Ursachen für die aktuelle Situation durch mehrere Jahrhunderte. In Berlin hat er bei der Buchpremiere einen ersten Einblick gegeben.

    „Vorsicht, hier spricht der KGB“, hat die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel ihren CDU-Fraktionskollegen im Deutschen Bundestag nach der Rede von Wladimir Putin vor dem Parlament am 25. September 2001 erklärt. Russlands Präsident hatte unter anderem Europa eingeladen, „seine eigenen Möglichkeiten mit den menschlichen, territorialen und natürlichen Ressourcen Russlands sowie mit den russischen Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen zu vereinigen.“

    Doch „Deutschland nahm Putins ausgestreckte Hand nicht an“, stellt Alexander Rahr in seinem neuen Buch „2054 – Putin decodiert“ fest. Darin gibt der Historiker und Politikwissenschaftler diese geschichtliche Episode wieder. Es ist diesmal kein neues analytisches Werk, wie sie Rahr zuvor mehrfach veröffentlichte.

    Mischung aus Dichtung und Wahrheit

    Es soll ein Politthriller sein, verkündet der Buchtitel. Der Autor versucht darin, nicht weniger als mindestens fünf Jahrhunderte russischer und europäischer Geschichte zusammenzuführen und zu beschreiben. Das geschieht mit Hilfe einer interessanten Klammer, die erklären soll, woher der umstrittene Seher Nostradamus sein Wissen um die Zukunft hatte.

    Das Buch bestehe zu 85 Prozent aus Fakten, erklärte Rahr am Donnerstag, als er in Berlin das Buch vorstellte. Er nutze diese Form, um einmal vieles von dem öffentlich machen zu können, was er in den letzten Jahren erfahren habe, was er aber auf öffentlicher Bühne nicht offen sagen könne. Deshalb tritt er im Buch als Georgi Vetrov auf. Vieles, was dieser im Roman macht und erlebt, stammt aus der Lebens- und Berufsgeschichte des Autors.

    Fehlender Dialog als Anlass

    Der Maler und Schauspieler Haralampi Oroschakoff aus Wien, Rahrs Vetter, las am Donnerstag Ausschnitte aus dem Werk vor. Nach dem ersten verriet der Autor dem Publikum im vollen „Roten Salon“ der Volksbühne, dass er das Buch als „Schrei eines Verzweifelten“ verfasst habe. Als solchen habe er sich seit 2013 empfunden, „als vor unseren Augen plötzlich der neue Kalte Krieg begann“. Der Westen und Russland hätten sich mit neuen Narrativen, sinnstiftenden Erzählungen, voneinander entfernt und so statt Kooperation eine neue Konfrontation begonnen.

    „Was fehlte, und was bis heute fehlt, und deshalb habe ich das Buch geschrieben, ist ein ebenbürtiger, gerechter und interessierter Dialog. Der kommt nicht zustande. Jeder beharrt auf seiner Wahrheit. Und wenn Dialog geführt wird, dann immer nur, um den anderen von seiner jeweiligen Sichtweise zu überzeugen.“

    Er wolle mit dem Buch die verschiedenen Facetten dieser Entwicklung verarbeiten, beschrieb der Historiker und anerkannte Russland-Experte als sein „wichtigstes Anliegen“. Danach hatte ihn Alexander Neu, Bundestagsabgeordneter der Partei Die Linke gefragt, der den Abend moderierte.

    Der Wiener Künstler Haralampi Oroschakoff las Ausschnitte aus Rahrs Buch
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Wiener Künstler Haralampi Oroschakoff las Ausschnitte aus Rahrs Buch

    Blick zurück für den Blick nach vorn

    Rahr meinte, dass er die gegenwärtige Welt, in der wir leben, nicht wiedererkenne, so wie sie sich verändere. Er versuche mit seinem Buch einen Blick in die Zukunft, auch wenn er selbst nicht genau wisse, wie diese aussehen werde.

    Das macht er, in dem er in dem Roman auch in die Vergangenheit zurückschaut. Gegenüber Sputnik erklärte Rahr, er habe interessante Parallelen zwischen der Entwicklung im heutigen Russland und dem des 16. Jahrhunderts unter Zar Iwan IV., der den Beinamen „Der Gestrenge“ trug, entdeckt.  Das russische Original „Grosny“ (Гро́зный) werde fälschlich als „Der Schreckliche“ übersetzt. Deshalb unternehme das Buch anhand einzelner prägnanter Zeitpunkte eine Reise durch insgesamt 500 Jahrhunderte.

    Die Parallelen waren auch dem Bundestagsabgeordneten Neu bei der Lektüre aufgefallen, wie er berichtete. Dazu gehöre, dass bereits im 16. Jahrhundert die Russen in Europa als „Asiaten“ diffamiert und abgelehnt wurden. Ebenso die schon damals vorhandene europäische Sicht auf das große Territorium Russlands als reiner Rohstofflieferant.

    Dr. Alexander Neu, MdB, (links) und Dr. Alexander Rahr
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Dr. Alexander Neu, MdB, (links) und Dr. Alexander Rahr

    Als Merkel Putin nicht verstehen wollte

    Neu wollte von Russland-Kenner Rahr, wissen, was er von der deutschen Außenpolitik halte, die sich auf Werte berufe. Der Autor war viele Jahre für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) tätig, wo bereits zwei Jahre vor Ausbruch der Ukraine-Krise 2014 seine Sicht nicht mehr gefragt war.  Seitdem arbeitet er unter anderem für das Deutsch-Russische Forum.

    „Ich finde eine rein werteorientierte Außenpolitik für diese Zeit zu falsch“, stellte der Politikwissenschaftler klar. Sie verstelle den Blick vor der realen Politik und den eigentlich notwendigen politischen Schritten. Er nannte als Beispiel einen Empfang im Jahr 2012, den Präsident Wladimir Putin für Mitglieder des Petersburger Dialogs und deutsche Politiker im Kreml gab.

    Der russische Präsident habe dabei über die möglichen großen gemeinsamen Projekte gesprochen, erinnerte Rahr, über die mögliche Zusammenarbeit auf verschiedenen Feldern vor allem in der Wirtschaft, bis hin zur Rüstung. Doch nach ihm habe Bundeskanzlerin Merkel zu Putin gesagt: „Wladimir, Du musst die Pussy Riot freilassen!“ Damit habe sie vor allem in der deutschen Politik, so auch bei den Grünen, gepunktet. Doch die russischen Zuhörer hätten nicht verstanden, was Merkel damit wollte und warum sie nicht an einer rationalen Politik interessiert sei.

    Werte und Narrative statt Interessen

    Der Buchautor beschrieb ebenso den großen Wunsch in Russland schon seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, wieder zu Europa zu gehören. Doch bei der begonnenen Zusammenarbeit mit dem Westen in den 1990er Jahren, bis hin zur vorgeschlagenen Mitgliedschaft in der Europäischen Union (EU) und der Nato, hätten die Russen entdeckt, dass dieses Europa anders war als sie noch dachten. „Sie fühlten sich in diesem Europa nicht angekommen.“

    Rahr ging bei der Buchvorstellung zwar auf die Fragen der Werte und der Narrative auf beiden Seiten ein. Er sprach sich auch für einen realpolitischen Ansatz im Verhältnis zu Russland aus und hofft auf eine neue Ostpolitik. Die konkreten Interessen der Beteiligten, so die der USA, eine mögliche Konkurrenz durch eine Zusammenarbeit von EU und Russland zu verhindern, wurden nicht deutlich angesprochen.

    Umstrittene Prophezeiungen als Quelle

    Rahr erklärte dem erstaunten Publikum, warum er im Roman die Prophezeiungen von Nostradamus wiedergibt. Er sei mit dessen Texten in den 1980er Jahren während seines Studiums der Osteuropa-Geschichte in Berührung gekommen. Ein Professor habe damals die Studenten aufgefordert, sich mit historischen Vorhersagen zur Zukunft zu beschäftigen. „Die Politik richtet sich natürlich nicht nach Prophezeiungen“, sagte der Autor. Aber die Nostradamus-Texte hätten ihm sehr geholfen, die Zeitsprünge in seinem Buch miteinander zu verknüpfen.

    Für ihn sei das keine billige Literatur, erklärte er im Interview dazu. Selbst Johann Wolfgang Goethe habe sich damit beschäftigt, fügte er neben anderen historischen Beispielen hinzu. Die Frage nach der Zukunft habe Zar Iwan IV. ebenso beschäftigt wie sich heute Putin damit auseinandersetze. Die im Buch zitierte Nostradamus-Vorhersage über die nur 73-jährige Existenz der Sowjetunion sei nicht erfunden, so Rahr. „Ich habe nichts manipuliert“, hob er gegenüber Sputnik hervor und sagte, dass er sich als Wissenschaftler ernsthaft damit beschäftigt habe.

    Eigene Vorhersagen und Hoffnungen

    Während der Buchvorstellung erklärte er auf Neus Frage, wie er Putin einschätze, dass dieser sich zu Beginn seiner Amtszeit ab 2000 als Europäer sah. „Einer der Russland nach Hause bringen wollte, der sagte: Europa ist unsere Heimat.“ 2007 sei die Enttäuschung deutlich geworden, so in Putins Rede auf der damaligen Münchner Sicherheitskonferenz. Zu dem Zeitpunkt sei der Bruch mit Europa erfolgt, weil die Osterweiterung von Nato und EU von Moskau nicht akzeptiert wurde.

    Russlands Präsident Wladimir Putin in dem Moskauer Kreml (Archiv)
    © Sputnik / Pressedienst des Russlands Präsidenten
    Rahr korrigierte im Gespräch mit Neu den Buchtitel, da es in seinem Roman weniger um Putin als um Russland gehe, um „Russland decodiert“. Der Politologe sagte selbst vorher, dass der heutige russische Präsident in die Geschichte als ein großer Politiker eingehen werde. „Er ist eine Persönlichkeit, die noch in 100 Jahren zu den markantesten Politikern der Welt gezählt wird.“ Putin sei ein Gestaltungspolitiker, der nach 1999 das zerfallene Russland wieder aufgerichtet und stabilisiert habe.

    Der Autor zeigte sich unsicher, ob der zu erwartenden Reaktionen auf sein Buch. Es werde jenen nicht gefallen, die mit Russland anders umgehen wollen als er es vorschlug. Er sei enttäuscht, dass seine Arbeit als „Brückenbauer“ zwischen Ost und West seit 2012 von der deutschen Politik und ihren Denkfabriken wie der DGAP nicht mehr als notwendig angesehen werde, gestand er dem Publikum. Doch er hoffe, dass sein Buch mit seinem Blick in das Jahr 2054 ein „Kompass für die schwierige Welt“ sein kann, dass es ein breites Publikum erreicht, das sich für andere Sichtweisen interessiert, und es zu einem Dialog beiträgt.

    Alexander Rahr: „2054 – Putin decodiert“

    Verlag Das Neue Berlin 2018. 400 Seiten. ISBN 978-3-360-01341-5; 24 Euro

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    Tags:
    Außenpolitik, Buch, Kalter Krieg, CDU/CSU, Alexander Rahr, Angela Merkel, Wladimir Putin, Deutschland, Russland