19:46 11 Dezember 2018
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    Explosion der Erde (Symbolbild)

    Explosion der Erde: Warum Atombomben nicht mehr getestet werden

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    Radioaktive Strahlungen, Verseuchungen, Erdbeben, massive ökologische Schäden und die unkontrollierbare Schlagkraft der weltweit stärksten Waffe in der Geschichte – die Menschheit, die sich ab der Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit Atombombentests befasste, begriff schnell, dass die Erde kein Militärgelände ist.

    Vor genau 55 Jahren, am 10. Oktober 1963, trat der Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser in Kraft, der von den damaligen Militärmächten Sowjetunion, USA und Großbritannien unterzeichnet wurde. Doch nicht alle Mitglieder des Atomklubs schlossen sich ihm an.

    Tests durch Feuer

    Eine Atomexplosion ist ein physikalischer Vorgang, der nahezu von allen Seiten erforscht wurde. Im Jahr 1963 zündeten die Kontrahenten im Kalten Krieg tausende Geschosse für hunderte Kilotonnen und Dutzende Megatonnen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Wissenschaftler und Militärs erhielten zahlreiche Informationen über das Verhalten dieser Waffen und stellten versuchsweise ihre starken und schwachen Seiten fest, schufen Schutzmittel gegen negative Faktoren. Es wurde demonstriert, welche verheerende Wirkung eine Atombombe haben kann. Diese Tests verhinderten de facto den Dritten Weltkrieg, obwohl auch sie schwerwiegende, aber überbrückbare Schäden verursachten.

    Viele ehemalige Atom-Gelände eignen sich bis heute kaum für eine Besiedlung. Das paradiesische Bikini-Atoll wurde vom Pentagon lange Zeit für Tests von nuklearen und thermonuklearen Geschossen genutzt. Am 1. März 1954 zündeten die Amerikaner dort die Wasserstoffbombe Castle Bravo. Als Sprengstoff wurde im Geschoss erstmals Lithiumdeutherid genutzt, das sich in einer Hülle aus abgereichertem Uran befand. Die kalkulierte Kapazität machte vier bis acht Megatonnen aus. Allerdings war die Explosion wesentlich stärker. Castle Bravo explodierte mit einer Sprengkraft wie 15 Mio. Tonnen TNT. Die sich im Bunker befindlichen Beobachter beschrieben den Effekt der Explosion als starkes Erdbeben, das den Bunker heftig erschütterte. Die Pilzwolke war deutlich größer als beim ersten thermonuklearen Test am 1. November 1952 – 60 Kilometer hoch, der Durchmesser des Pilzkopfes belief sich auf 100 Kilometer, der des Fußes auf sieben Kilometer. Die Explosion führte zu kolossalen Zerstörungen, wobei sich die Konturen des Bikini-Atolls für immer veränderten.

    Auch die radioaktive Verseuchung war immens. Laut US-Quellen war Castle Bravo die „schmutzigste“ Explosion in der gesamten Geschichte der US-Atomtests. Es wurde ein Gebiet mit einer Länge von mehr als 550 km und einer Breite von knapp 100 km verseucht. Der Wind verbreitete schnell radioaktive Niederschläge. Nach 7,5 Stunden im Rongerik-Atoll wurde ein Anstieg der radioaktiven Strahlung 240 km vom Zentrum der Explosion festgestellt.

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    Die 28 US-Militärs, die sich dort befanden, waren einer massiven Strahlung ausgesetzt und mussten evakuiert werden. Die radioaktive Wolke erfasste auch das japanische Fischereischiff Fukuryu-Maru, 170 km vom Bikini-Atoll entfernt. Im Ergebnis hatte jedes Besatzungsmitglied 300 Röntgen abbekommen und wurde behindert. Der Funker des Schiffes starb ein halbes Jahr später. Dieser Vorfall löste eine Welle von Anti-Atomtests-Kundgebungen in Japan und in der Welt aus.

    Auch die sowjetische Seite führte Atomtests durch. Als stärkstes Geschoss aller Zeiten gilt die 58 Megatonnen starke Wasserstoffbombe AN602, die in der Sowjetunion 1954-1961 entwickelt wurde. Diese acht Meter große Bombe, die 26,5 Tonnen wiegt, wurde am 30. Oktober 1961 auf dem Gelände Suchoi Nos auf Nowaja Semlja getestet. Als Träger wurde der speziell modifizierte strategische Bomber Tu-95W eingesetzt. AN602 wurde in einer Höhe von 10,5 km abgeworfen und in einer Höhe von 4200 Metern gezündet. Das Flugzeug war zwar bereits 40 km weiter geflogen, dennoch wurde es von der Detonationswelle getroffen.

    Was die Piloten mit eigenen Augen sahen, hat niemand mehr irgendwann gesehen. Der Feuerball hatte einen Radius von rund 4,5 km. Die Pilzwolke stieg auf fast 70 km außerhalb der Stratosphäre. Die seismische Welle umrundete dreimal die Erde. Die Ionisierung der Atmosphäre schuf rund 40 Minuten lang Störungen für den Rundfunk, hunderte Kilometer vom Gelände entfernt. Die Hitzestrahlung konnte Verbrennungen 3.Grades in einer Entfernung von bis zu 100 km verursachen. Dieses Experiment zeigte, dass die Stärke einer thermonuklearen Explosion endlos ausgeweitet werden kann.

    Unterirdischer Ersatz

    Die Sowjetunion initiierte Verhandlungen in Genf zur Einschränkung der gefährlichen Tests. Der erste internationale Vertrag, der den Bau von Atomwaffen regelt, trat am 10. Oktober 1963 in Kraft. Allerdings setzten China und Frankreich die Bodentests bis 1980 bzw. 1974 fort. Die Unterzeichnerstaaten gingen „unter die Erde“. Es begann die Ära der unterirdischen Tests.

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    Es hieß damals, dass diese Tests der Umwelt weniger schaden würden. Eine unterirdische Explosion ähnelt nach vielen Parametern einer Luftexplosion, doch die Detonation ist unvergleichbar schwächer. Auch der Wirkungsradius der Stoßwelle ist deutlich geringer und umfasst nur den Trichter. Danach geht die Stoßwelle zur Druckwelle bzw. seismischen Welle, die als größter Wirkungsfaktor gilt, über. Die Atommächte bekamen die Möglichkeit, Waffen unter relativ umweltschonenden Bedingungen zu testen. Der Effekt der seismischen Welle wurde als äußerst effektiv bei der Vernichtung tiefliegender Schutzeinrichtungen bezeichnet.

    Allein die Sowjetunion führte 1964 bis 1990 fast 500 unterirdische Explosionen in Bergwerken und Bohrlöchern durch. Die Tests erfolgten vor allem auf dem Gelände Semipalatinsk und auf Nowaja Semlja. Die Tests erfolgten nicht nur zu militärischen Zwecken. Es wurde versucht, die zerstörerische Stärke der Massenvernichtungswaffe auch auf eine friedliche Bahn zu bringen – zur Intensivierung der Öl- und Gas- sowie Metall-Förderung, Änderung der Grenzen von Wasserbecken u.a. Es gab keinen Bedarf nach Bodentests und Tests Unterwasser – eine genaue Simulation der Tests ist heute mit Computer-Programmen möglich. Die heute im Dienst stehenden Gefechtsköpfe werden noch relativ lange gebrauchsfähig sein.

    Das völlige Verbot für Atomtests trat rechtlich am 10. September 1996 in Kraft. Bis jetzt wurde der Vertrag nur von Indien, Pakistan und Nordkorea nicht unterzeichnet. Nordkorea ist der letzte Staat, der einen Atombombentest vollzog. Am 3. September 2017 testete Pjöngjang ein thermonukleares Geschoss auf dem Testgelände Punggye-ri. Nach Einschätzung westlicher Experten lag die Explosionsstärke bei 60 bis 300 Kilotonnen. Der sechste Test nordkoreanischer Massenvernichtungswaffen stieß auf sehr negative Reaktionen der internationalen Gemeinschaft. Doch wie es mehrfach während des Kalten Krieges der Fall war, erwies sich die nukleare Explosion als Faktor, der die Seiten an den Verhandlungstisch brachte. Nach den Verhandlungen teilte der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un am 20. April 2018 mit, dass das Programms der Atom- und Raketentests auf Eis gelegt werde.

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    Tags:
    Wirkung, Atomarsenal, Bunker, Tests, Massenvernichtung, Gefahr, Sprengstoff, Kernwaffen, Umwelt, Dritter Weltkrieg, Kalter Krieg, Japan, USA