19:18 20 November 2018
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    Dr. Alexander Rahr bei der Buchvorstellung am 4. Oktober

    Mit Nostradamus auf der Suche nach Russlands Zukunft – Alexander Rahr EXKLUSIV

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Politik
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    Tilo Gräser
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    „2054 – Putin decodiert“: So heißt das neue Buch von Alexander Rahr. Der bekannteste Russland-Experte der Bundesrepublik hat damit das Feld der Politikwissenschaften verlassen und einen Politthriller vorgelegt. Am 4. Oktober hat er das Buch in Berlin vorgestellt. Sputnik hat danach mit Rahr gesprochen.

    Herr Rahr, warum haben Sie als Politikwissenschaftler einen Science-Fiction-Politthriller mit ganz viel Gegenwart geschrieben?

    Das Buch ist über Jahre hinweg entstanden. Ein politologisches Buch schreibt man schnell. Dieses Buch ist eine Leidensgeschichte vieler Russen und Deutscher, die nicht zusammenfinden, und zweier Kulturen, die auch nicht zusammenfinden, obwohl sie eigentlich zusammengehören. Ich hatte auch große Lust, über die Vergangenheit zu schreiben, in der Figur von Iwan dem Schrecklichen – nicht als Parallele zu Putin, aber diese Zeit stellt eine Parallele zu heute dar. Das wollte ich einem normalen oder breiten Leserkreis präsentieren. Gleichzeitig wollte ich dem Leser des Buches eine Zukunftsvision präsentieren, damit er weiß, wie man die Zukunft eigentlich sehen soll, mit all ihren Schwierigkeiten, mit all den Herausforderungen, vor denen wir stehen.

    Beim Lesen dachte ich manchmal, dass das, was Sie von der Geschichte zum Beispiel des 16. Jahrhunderts schreiben, vielleicht die Probleme von heute in die damalige Zeit transportiert. Oder basiert das wirklich auf Ihrem Faktenstudium?

    Natürlich sind die Probleme unserer Zeit transportiert worden in die Jahre Iwans des Schrecklichen, als Russland sich von dem tatarischen Joch befreite – wie Russland 1991 vom Kommunismus –, und anfängt, seine christliche, europäische Identität zu suchen und zu finden. Und noch einmal: Es ist kein Vergleich zwischen Iwan dem Schrecklichen und Putin. Aber es ist ein Vergleich der Epochen. Ich habe erstaunliche, wenn nicht sensationelle Parallelen entdeckt.

    Sie haben gesagt, 85 Prozent in dem Buch sind wahrheitsgetreu und basieren auf Fakten, und 15 Prozent sind Fiktion. Es gibt da eine ganz interessante Klammer, die ich jetzt so nicht verraten will, wie Sie die Epochen verbinden. Ist das reine Fiktion, diese Klammer, die Sie da geschaffen haben, bei der Nostradamus eine Rolle spielt?

    Ich beschäftige mich ernsthaft mit Nostradamus. Ich weiß, dass es sofort bei den meisten Lesern andere Überlegungen gibt oder ein müdes Lächeln. Nostradamus und die Literatur über ihn geht natürlich vielen auf den Keks. Auf der anderen Seite ist das keine billige Literatur. Ich habe wirklich Nachforschungen betrieben und gesehen, wie ernsthaft sich die Nationalsozialisten und Stalins Leute mit diesem Thema befasst haben. Ich wusste, bevor ich das Buch schrieb, nicht, dass sich die russischen Zaren, auch Nikolai der Zweite, intensiv mit ihm beschäftigt haben. Ich habe herausgefunden, dass Maximilian Woloschin sich intensiv mit Nostradamus befasst hat. Und vor allen Dingen auch Goethe, der den Nostradamus-Brief an Heinrich den II., der in meinem Buch eine Rolle spielt, als Teil der Weltliteratur bezeichnete. Das hat mich animiert, mehr darüber nachzudenken. Dann habe ich dieses Thema weiterentwickelt, sozusagen als Scharnier zwischen den vielen Epochen.

    Das Buch handelt von Personen, die nicht nur nach der Wahrheit, sondern nach der Zukunft suchen. Iwan wollte wissen, wie die Zukunft Russlands aussieht. Putin will wissen, wie die Zukunft Russlands aussieht. Mein Großvater, den ich im ersten Kapitel beschreibe, wollte 1961 verstehen, ob es die Sowjetunion ewig gibt oder nicht. Auch Gorbatschow war ein Suchender. Ich versuche, diese Epochen der Suchenden aufzuzeigen und zu projizieren in die nächste Zeit, wo praktisch das Ergebnis dann schon feststand.

    Sie geben einen Ausschnitt aus Nostradamus‘ Prophezeiung wieder, der angeblich vorhergesagt hat, wie lange die Sowjetunion existiert. Ist das tatsächlich in den Texten?

    Es ist nichts erfunden, ich habe nichts manipuliert. Ich habe mich ernsthaft als Wissenschaftler mit diesen Texten von Woloschin, von Nostradamus und von anderen befasst, soweit es geht, habe nachgeprüft und mich an die Übersetzung gehalten. Vieles, was ich nicht verstanden habe, habe ich natürlich im Nebel gelassen. Aber einige Passagen waren so sensationell. Ich habe in der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass wir in den 1980er Jahren als Uni-Studenten Untersuchungen gemacht haben in Bezug auf Zukunftswissen, wie Prophezeiungen über die Zukunft abgelaufen sind. Daran hatte ich damals Spaß. Daran habe ich mich erinnert, habe ein paar Unterlagen von damals ausgegraben und habe das Buch damit verfeinert.

    Wie wahrheitsgetreu ist Ihre Erklärung, woher Nostradamus sein Wissen damals hatte?

    Das ist der Schlüssel zum Buch. Das werden Sie nach der Lektüre des ersten Kapitels verstehen, auf was ich hinauswill.

    Wieviel von Ihrem eigenen Leben steckt in dem Buch? Warum haben Sie so viel von sich selber dort reingetan?

    Ich habe meine Seele ausgezogen für das Buch. Das hat mich viel gekostet, aber ich habe es gemacht. Ich stehe Gott sei Dank heute nicht unter irgendeinem Druck. Ich bin schon in dem Alter, wo man dann nicht diese Angst um die Karriere und so haben muss. Ich habe meine Karriere gemacht. Ich hoffe, ich habe sie als Schriftsteller oder als Publizist, auch als Journalist noch vor mir – und weiterhin als Wissenschaftler. Aber ich wollte diesen Moment nutzen. Vielleicht schreibe ich morgen wieder ein politologisches Buch. Ich habe versucht, das, was ich in einem politologischen Buch nicht wiedergeben kann, die ganzen Kämpfe in meiner politischen Laufbahn, in einem Buch wiederzugeben.

    Was war der Anlass dafür, dass Sie Ihre Erlebnisse als Politikwissenschaftler, als Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik auf diese Weise verarbeitet haben?

    Die ganz große Enttäuschung, dass ich mehr als 20 Jahre lang in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) angesehen wurde als einer der wichtigsten Netzaufbauer mit schwierigen Ländern, nicht nur Russland, sondern Ukraine, Kasachstan und vielen anderen Ländern. Ich habe das Bundesverdienstkreuz für diese Tätigkeit bekommen. Und ich habe viele Leute mitgerissen, viele Praktikanten aufgebaut, auch wissenschaftliche Studien dahingehend betrieben und Bücher geschrieben. Und dann plötzlich wurde mir mitgeteilt: Du hast ein falsches Karriereleben gelebt. Russland ist unser Feind. Man hätte mit den Russen anders umgehen können, wir haben alle Fehler gemacht, und Du stehst jetzt plötzlich auf der falschen Seite, auf der Seite der Russen.

    Diese Atmosphäre, dieser Kampf gegen sogenannte Russland-Versteher oder Putin-Versteher, ist mir damals richtig in die Knochen gefahren. Ich habe nicht gedacht, dass in Deutschland oder in einer freien Welt sowas möglich ist. Das war eine richtige Hexenjagd gegen bestimmte Personen. Und das trotz der Tatsache, dass ich mich gleichzeitig mit Herrn Genscher bemüht habe, Chodorkowski aus Russland rauszulassen. Diese Objektivität wollte dann keiner mehr sehen. Ich hole das jetzt im Buch nach. Ich schreibe natürlich keine Lebensgeschichte, aber auf bestimmte Sachen weise ich hin. Ich will das alles nicht erklären, auch nicht rechtfertigen. Aber ich will meine Stimme erheben, um zu sagen, wie es hätte richtig gehen müssen.

    Wie hätte es richtig gehen müssen?

    Man hätte sich zum Beispiel praktisch in der Ukraine anders entscheiden müssen. Wir hätten ein Land wie die Ukraine nicht vor die Wahl stellen müssen: Entweder Russische Föderation oder Europäische Union. Wir hätten die Nato nicht so schnell erweitern müssen gegenüber Russland und gleichzeitig den Russen sagen: Ihr seid nicht wichtig. Das sind idiotische Schritte gewesen, die jetzt in einem neuen Kalten Krieg diesen Wiederhall haben.

    Sie zitieren die Trilaterale Kommission als geheime Weltregierung. Da geraten Sie in die Gefahr der Verschwörungstheorie…

    Na und? Dann sollen die das machen. Ich selbst war in der Trilateralen Kommission tätig als Wissenschaftler, habe dort Berichte geschrieben. Ich muss sagen: Hut ab vor den Menschen, die dort sind. Ich habe dort viel gelernt. Ich bin dort nicht in Geheimnisse eingeweiht worden, aber ich war Mitarbeiter der DGAP dort auf Veranstaltungen, wo so offen über die Politik diskutiert wurde, wo ich gesagt habe, da spielt tatsächlich die Musik. Die Trilaterale Kommission wird hier nicht als etwas Negatives dargestellt. Sie wird als Sammelsurium von Westlern dargestellt, von Transatlantikern, die ihre Sicht haben, mit der sie sich auch nicht durchsetzen werden.

    Zu einem Roman gehört eine Liebesgeschichte. In den vorgetragenen Auszügen bei der Buchvorstellung gab es keine Frauenfigur…

    Naja, da müssten Sie den Haralampi Oroschakoff (der Auszüge aus dem Buch vorlas – Anm. d. Red.) fragen. Da kommen Frauen vor, und Liebesgeschichten sind auch dabei. Aber das passt hier nicht alles in einen Abend.

    Die allerletzte Frage: Sie haben versucht, mit Ihrem Buch in die Zukunft zu schauen. Gibt es im Buch ein Happy End?

    Ja. Katholiken und Orthodoxe bekreuzigen sich und sind einer Meinung.

    Alexander Rahr: „2054 – Putin decodiert“

    Verlag Das Neue Berlin 2018. 400 Seiten. ISBN 978-3-360-01341-5; 24 Euro

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    Tags:
    Weltregierung, Russlandversteher, Putinversteher, Verschwörungstheorie, Kritik, Europäische Union, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), EU, NATO, Hans-Dietrich Genscher, Johann Wolfgang von Goethe, Alexander Rahr, Josef Stalin, Michail Chodorkowski, Michail Gorbatschow, Wladimir Putin, Russische Föderation, Sowjetunion, Russland