23:19 19 November 2018
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    Gespür fürs Volk verloren – österreichischer Sozialforscher zur Bayern-Wahl

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    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Die Zeit der Adepten und der Zauberlehrlinge ist vorbei. So kommentierte aus der psychologischen Sicht Daniel Witzeling, Leiter des Humaninstituts Vienna, den Ausgang der Bayern-Wahl im Gespräch mit Sputnik. Die Partei der Mitte, die CSU ist exakt 30 Jahre nach dem Tod von Franz Josef Strauß eigentlich nach links und nach rechts hin zerrissen.

    Sie habe Wähler an die Grünen, die Freien Wähler und sehr stark an die AfD verloren, so der Sozialforscher. „Man kann sehen, dass eben alles eine Frage der Authentizität und der politischen Personalentwicklung ist. In diesem Fall darf ich den CSU-Übervater direkt zitieren, und das wäre sicher eine Ansage an Markus Söder gewesen. Franz Josef Strauß hat gesagt,,wer Everybody’s Darling sein will, ist Everybody’s Depp‘.“

    Und das sei eben bei Markus Söder passiert, ist sich der Experte sicher, obwohl er nach seiner Meinung kein schwacher Politiker sei. „Er wurde aber überschätzt und hat sich übernommen. Söder wollte sich den Linken annähern, er wollte die Rechten gewinnen und am Ende hat er gegen beide Lager hin verloren.“

    Da wäre er gut beraten gewesen, so Witzeling weiter, zu Trump oder zu Putin zu schauen, „weil sie beide Eines gemeinsam haben: egal was passiert, bleiben sie bei ihrer Linie. Diese Linie hatte Markus Söder nicht, und da hat Franz Josef Strauß fast schon prophetisch vorher gewusst: Jeder, der sich überallhin anpasst, wird am Ende keine Wahlen gewinnen. Und das war das Problem der CSU.“

    Volksparteien haben Gespür für das Volk verloren

    Man sehe, urteilt der Berufspsychologe weiter, dass sich die SPD in Bayern halbiert habe, jetzt auch im Bund gewaltig in der Krise sei, und auch die CDU/CSU es heftig getroffen habe. „Und wenn sie nicht bald besseres politisches Personal aufs Parkett bekommen und wieder anfangen, auf die Bevölkerung zu hören, und nicht bloß nur nachzureden, sondern wirklich Handlungen zu setzen, dann kann man deutlich sagen, dass die Große Koalition sich in den letzten Atemzügen befindet. Das zeigen auch aktuelle Umfragen in Deutschland.“

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    Eine Wende in Sicht?

    Gerade das mächtige Bundesland Bayern habe aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke und seiner Anführerrolle in ganz Deutschland ein gewaltiges Gewicht, um die Regierung zu stürzen, so Witzeling. „Und wenn jetzt noch dann die Wahlen in Hessen schlecht für die CDU und die SPD ausgehen, kann das zum Bruch der Koalition führen. Da könnten neue Wahlen in Deutschland ausbrechen, die weite Folgen haben können.“

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    Deutsche Sehnsucht nach Bundeskanzler wie Sebastian Kurz

    Der Experte mahnt jedoch zur Vorsicht. „Da muss man aufpassen. Sebastian Kurz macht aktuell, ein Jahr nach seinem Regierungsantritt, sehr gute Arbeit, aber er ist eine Projektionsoberfläche für Hoffnungen. Er muss sich jetzt in den nächsten vier Jahren erst beweisen, ob er ein Format eines Franz Josef Strauß oder eines Willy Brandt hat. Das heißt, er macht es bis dato gut. Die Deutschen schauen natürlich sehnsuchtsvoll nach einem jungen und dynamischen österreichischen Politiker.“

    Das seien nur Vorschusslorbeeren für Sebastian Kurz, davon ist Witzeling überzeugt. „Die aktuellen Krisen — Migrationsthematik, Arbeitslosigkeit, Altersarmut — da gehört schon viel dazu, eine starke Partei und starke Führungspersönlichkeiten. Und da muss sich Sebastian Kurz erst noch beweisen.“

    Das komplette Interview mit Daniel Witzeling zum Nachhören:

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    Tags:
    Wahl, Migranten, GroKo, CSU, SPD, Sebastian Kurz, Bayern, Deutschland