21:38 18 November 2018
SNA Radio
    EU-Unterhändler Michel Barnier

    Brexit: Erstmals eine gute Tat aus Großbritannien für Europa?

    © REUTERS / Yves Herman
    Politik
    Zum Kurzlink
    Paul Linke
    2457

    Bei den Brexit-Verhandlungen sieht EU-Unterhändler Michel Barnier in den meisten Punkten Einigkeit. Nur in einigen wenigen Fällen herrsche Dissonanz. Ein renommierter Finanzanalytiker stuft den Brexit als „positiv“ für die EU ein und liefert Gründe.

    Bei den Brexit-Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien gebe es nur noch in einigen wenigen Punkten Uneinigkeit. Bei 90 Prozent aller Fragen seien beide Seiten übereingekommen, erklärte EU-Chefunterhändler Michel Barnier gegenüber dem französischen Sender „Inter Radio“.

    Dennoch würde die Gefahr bestehen, dass es nicht zu einem Abkommen über das künftige Verhältnis des Königreichs mit der EU komme. „Ich bin davon überzeugt, dass ein Abkommen nötig ist. Ich bin mir nicht sicher, ob wir eines bekommen“, sagte der Chefunterhändler.

    Die Frage der künftigen Grenze zwischen Irland und Nordirland ist in den Verhandlungen nach wie vor ein großer Streitpunkt. Eine Lösung des Problems war auch beim EU-Gipfel am Donnerstag nicht in Sicht. Neben Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker äußerten sich nach Gipfelende auch die britische Premierministerin Theresa May und Bundeskanzlerin Angela Merkel dennoch optimistisch, dass sich die beiden Seiten auf einen Austrittsvertrag einigen können.

    Von einem geordneten Brexit geht auch der Chefanalyst der Fondsboutique „Solvecon“, Folker Hellmeyer aus. Er sieht den Austritt Großbritanniens aus der EU eher als kurzfristiges Risiko. Langfristig sei er jedoch eine Chance für Kontinentaleuropa, bemerkt Hellmeyer.

    Großbritannien: „Ein egozentrisches Land“

    Seinen Optimismus beim Brexit erklärt der Analyst mit den „fehlenden Integrationsbestrebungen“ des Inselstaates in der Vergangenheit: „Großbritannien hat immer einen Sonderstatus innerhalb der EU gehabt. Mit Sonderbehandlung zulasten des Rests. Diese Extravaganz ist dort nie honoriert worden. Insofern sind wir konfrontiert mit einem Bild, wo ein egozentrisches Land, das nur Eigeninteressen verfolgte, uns verlässt.“ So seien die Folgen des Austritts für den Finanzexperten „überschaubar“.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Pommes und Bier: So verbringen Merkel und Macron nach Brexit-Verhandlungen ihre Zeit

    Kontinentaleuropa gewinne dagegen mehr Handlungsspielräume. „Das sehe ich positiv. Wenn es zu einem Brexit kommt, dann wird es zur Folge haben, dass Produktionsstätten-Verlagerungen aus Großbritannien auf Kontinentaleuropa zukämen. Um es überspitzt zu formulieren: Das wäre das erste Mal seit dem Beitritt 1973, dass Großbritannien etwas nachhaltig Positives für Kontinentaleuropa täte.“

    Probleme beim Brexit einkalkuliert

    Auch Prof. Dr Gabriel Felbermayr, Leiter des Zentrums für Außenwirtschaft des Ifo-Instituts, sieht die Auswirkungen des Austritts eher gelassen. Der Brexit sei bereits in die heutigen Prognosen eingepreist. Sogar Probleme bei den Verhandlungen würden nun die Wirtschaftsdaten nicht nachhaltig zum Negativen verändern, bestätigt der Ifo-Forscher: „Wenn es heute klar wäre, dass wir mit den Briten einen Deal haben, dann würde man mit den Prognosen ein Stück hochgehen können. Aber die zähen Verhandlungen waren nicht der Anlass, um die Prognosen nach unten zu nehmen.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: Europa will Russland nicht mehr als Feind wahrnehmen – El Pais

    May: „Keine Notfalloption“

    Für eine längere Übergangsphase nach dem Brexit zeigte sich Premierministerin Theresa May am Donnerstag offen. „Das ist eine der Ideen, um im Notfall eine feste Grenze auf der irischen Insel zu vermeiden“, sagte die britische Premierministerin. Es würde sich aber nur um einige Monate handeln. Sie sei überzeugt, dass diese Notfalloption gar nicht gebraucht werde, unterstrich sie.

    Eine Phase bis Ende 2020 ist bislang provisorisch vereinbart, in der sich praktisch nichts ändert. Die Europäische Union schlug vor, diese Phase um ein Jahr auszudehnen, um in dieser Zeit die dauerhaften Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien zu klären.

    Das Interview mit Prof. Gabriel Felbermayr (Ifo-Institut):

    Das Interview mit Folker Hellmeyer (Solvecon):

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Abkommen, Lösung, Folgen, EU, Michel Barnier, Theresa May, Angela Merkel, Großbritannien