19:15 20 November 2018
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    Auf den Bildern - der Journalist Dschamal Chaschukdschi

    Liberaler Dissident oder Islamist: Wer war Chaschukdschi wirklich?

    © REUTERS / Osman Orsal
    Politik
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    Der saudische Journalist Dschamal Chaschukdschi (Jamal Khashoggi), der im Generalkonsulat seines Landes in Istanbul ermordet worden ist, wird oft als progressiver kritischer Oppositionsjournalist dargestellt. Die Realität ist jedoch etwas komplizierter, erklärt der französisch-syrische Politologe Bassam Tahhan für Sputnik.

    Tahhan, Politologe und Islam-Experte des französischen CNRS-Forschungszentrums, hat Sputnik über die Überzeugungen des Journalisten berichtet, der im Istanbuler Generalkonsulat von Saudi-Arabien getötet worden ist. Demnach hat sich Chaschukdschi keineswegs durch liberale westliche Werte ausgezeichnet.

    „Dschamal Chaschukdschi trat für den politischen Islam ein. Er war kein Anhänger des säkularen Systems. Er hat sich gegen den säkularen Staat gestellt, obwohl er sich selbst als einen modernen Mann bezeichnete", betonte der Experte im Gespräch mit Sputnik.

    Selbstverständlich sei der Mord an Chaschukdschi nicht zu rechtfertigen, dennoch sei es falsch, wie der Journalist in den meisten Medien dargestellt werde. Vor allem seine Vergangenheit sei absolut kritisch zu betrachten.

    „Bis zu seinem Tod war er Mitglied der internationalen Organisation der Muslimbrüder. Er kam als Student zu ihnen“, betont der Experte.

    Zudem sei er Mitglied einer großen saudischen Familie gewesen und habe viele Jahre nahe den „höchsten Kreise der Macht in Riad“ verbracht.

    Vor allem die Mitgliedschaft von Chaschukdschi bei den Muslimbrüdern sei kritisch zu betrachten. Die Vereinigung werde in vielen Ländern als Terrororganisation eingestuft. Nicht zuletzt weil sie dafür eintrete, gegen den „säkularen Westen“ sowie „das Nachahmen des europäischen Modells“ vorzugehen.

    Wie Tahhan gegenüber Sputnik France erklärte, ist Chaschukdschi ideologisch „ziemlich weit weg von westlicher Demokratie“ gewesen.

    Gerade der Minderheitenschutz habe für ihn eine minimale Bedeutung gehabt.

    „Demokratie bedeutet Gleichheit der Bürger. Aber wenn Sie den Islam als Staatsreligion bezeichnen, dann schließen Sie eigentlich alle Nicht-Muslime aus. Können wir unter solchen Bedingungen über Gedanken- und Religionsfreiheit sprechen?“, kommentiert der Experte das Staats- und Religionsverständnis von Chaschukdschi.

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    In den 1980er Jahren sei der besagte Journalist zudem in Afghanistan gewesen, wo er den Kampf der islamistischen Mudschahedin gegen die sowjetischen Truppen in äußerst positivem Licht beleuchtet habe.

    Auch für Osama bin-Laden habe Chaschukdschi vor allem gute Worte gefunden, so der Experte.

    „Dschamal Chaschukdschi stand aus mehreren Gründen Osama bin-Laden sehr nahe. Beide kommen aus großen saudischen Familien, die sich kennen. Chaschukdschi besuchte wiederholt bin-Laden während des ersten Krieges in Afghanistan, als er gegen die Sowjetunion kämpfte“, erklärt Tahhan.

    Dabei sei Chaschukdschi nicht nur als Berichterstatter tätig gewesen, sondern habe auch als Vermittler zwischen bin-Laden und anderen Organisationen gehandelt.

    Auch sei es falsch, dass Chaschukdschi als großer Gegner der saudischen Königsfamilie dargestellt werde. Er habe lange Zeit beste Verbindungen zu den höchsten Rängen des saudischen Hofes gehabt.

    Eine Verschlechterung der Beziehungen habe erst während des sogenannten „Arabischen Frühlings“ stattgefunden, bei der der Journalist „eine Schlüsselrolle gespielt“ habe, so Tahhan. Riad habe nämlich äußerst negativ auf die Proteste in der islamisch-arabischen Welt reagiert.

    Das Königshaus habe befürchtet, dass die Proteste auch Saudi-Arabien erreichen würden.

    Erst ab diesem Zeitpunkt sei der Journalist in Ungnade in Riad gefallen, allerdings nicht aus Gründen liberaler oder pro-westlicher Überzeugungen.

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    Tags:
    Rolle, Mord, Journalist, Osama Bin Laden, Dschamal Chaschukdschi, Türkei, Saudi-Arabien