23:38 19 November 2018
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    Angela Merkel bei der Afrikas Konferenz im Rahmen der G20-Gemeinschaft in Berlin

    Kein taktischer Trick, sondern Anfang vom Ende der Merkel-Ära

    © REUTERS / Hannibal Hanschke
    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Wie in einer Kampfsporttechnik macht Angela Merkel nach der Meinung von Daniel Witzeling, Leiter des Humaninstituts Vienna, einen Schritt zurück, um dann ihre Wunschkandidaten zu platzieren. Es ist kein taktischer Schritt zurück, weil er den Anfang vom Ende der Ära Merkel dokumentiert.

    Die Zeit sei jetzt für sie wirklich reif, zurückzutreten, sagte der Sozialforscher im Sputnik-Interview, weil „sie in der Bevölkerung bei den Umfragen mit 22 Prozent für die CDU deutschlandweit nicht mehr den Rückhalt hat und sich zurückziehen muss. Sie hätte das sicher planvoller übergeben.“

    Die Geschichte wiederhole sich, so Witzeling. „Sie ist als Nachfolgerin von Helmut Kohl aufgetreten und hat ihn geerbt. Er wollte aber nicht abtreten. Jetzt hat auch Angela Merkel über zehn Jahre die Kanzlerschaft mit Höhen und Tiefen innegehabt und ist zu spät abgetreten. Sie hätte wie in einem guten Unternehmen oder auf einem Bauernhof ihre Nachfolger vorher aufbauen und rechtzeitig in Stellung bringen sollen.“

    Jetzt sei aber der Druck der Wahlen in Bayern und Hessen zu groß geworden, auch in der Partei, so dass sie jetzt nach hinten treten müsse, fährt der Experte fort.

    „Merkel ist jedoch soweit intelligent, dass sie weiß, dass sie jetzt nimmer lang herumtaktiert, sondern lieber schlau einen Schritt nach hinten geht. Und die Nachfolger — Jens Spahn, Kramp-Karrenbauer oder auch Friedrich Merz kämpfen schon um ihre Führungspositionen. Das Ganze hat in Deutschland fernab von ihrer Partei eine derartige Eigendynamik bekommen, die sie trotz der Erfahrung nicht kontrollieren kann.“

    Egal, was Merkel jetzt tue und wer derweil als Nachfolger komme, habe die CDU Riesenschwierigkeiten für die nächste Wahl, führt der Sozialforscher aus, denn das Vertrauen in der Bevölkerung sei verspielt. „Sie kann vielleicht in der Partei noch die Federn ziehen, aber in der Bevölkerung hat sie ihr gutes Image — sie war zu lange Kanzlerin und hat zu spät übergeben – verloren. Auch das Profil der Partei ist jetzt verschwommen. Die CDU hat bei der Hessen-Wahl an die Grünen und die AfD alles verloren. Und das ist für eine Partei der Mitte schlimm.“

    Nächste Nachfolger

    Das sei aus der Sicht von Witzeling Annegret Kramp-Karrenbauer, „ein ähnlicher Typus wie Merkel, eine emanzipierte Frau, die sich weder nach links noch nach rechts rauslehnen will. Nur sie kommt medientechnisch nicht sonderlich charismatisch, sondern eher pragmatisch als Generalsekretärin rüber.“

    Das Problem der CDU sieht der Wiener Experte darin, dass es keinen Wunderwuzzi gebe „wie damals Karl-Theodor zu Guttenberg, der über seine Dissertation gefallen ist. Der hätte sicher wie Sebastian Kurz in Deutschland wieder einen Effekt gehabt und jetzt die Wahlen gewonnen. Es gibt entweder Friedrich Merz, der bei dem Finanzdienstleister BlackRock arbeitet und somit für Wall Street. Es gibt Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn. Und jeder dieser Kandidaten vereint Vor- und Nachteile in sich, und das wird jetzt ein schwieriger Machtkampf in der Partei werden.“

    Dabei betont Witzeling, dass Kramp-Karrenbauer den Weg Angela Merkels nicht wiederholen könne. „Es ist so wie ein aufgewärmter Kaffee. Das kann sicher nicht funktionieren, weil die Masche Merkel zu Ende ist. Sie hat einmal über zehn Jahre funktioniert, jetzt muss sich die CDU wirklich neu erfinden. Sonst wird sie bei diesen 22 Prozent bei den nächsten Wahlen liegen. Das heißt, eine Kramp-Karrenbauer als Merkel-Double wird sich nicht noch einmal spielen lassen. Die Partei soll erneuert und wirklich erfrischt werden.“

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    Tags:
    Nachfolger, Prognose, Rücktritt, Parteivorsitz, Wahlen, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Die Grünen, Bündnis 90/Die Grünen, CDU, Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn, Angela Merkel, Hessen, Deutschland