10:41 16 November 2018
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    Franziska Schreiber (r.) sprach über ihren Ausstieg aus der AfD

    AfD-Aussteigerin packt aus: „Darum verließ ich die Partei“ – SPUTNIK EXKLUSIV

    © Sputnik / Alexander Boos
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    Alexander Boos
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    Eine junge Frau aus Sachsen trat 2013 der AfD bei. Bald darauf war sie bereits im Bundesvorstand der Partei. Ihren Austritt mit Ansage hat Franziska Schreiber in einem Buch dargelegt, welches sie am Montag in Berlin vorstellte. Sputnik war vor Ort. „Ich habe das radikale und gefährliche Potential der AfD erkannt“, sagte sie im Exklusiv-Interview.

    AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber stellte am Montagabend in der Berliner Urania ihr Buch „Inside AfD“ vor. Dabei formulierte sie Sätze wie aus einem lebensechten Thriller. Es ist schließlich auch einer. „Man kann es sich wirklich so vorstellen“, sagte sie auf der Veranstaltung mit Publizistin Jacqueline Roussety an ihrer Seite. „Als wacht man auf in einem Raum und fragt sich: Wie bist du hier hingekommen? Was ist in den letzten vier Jahren passiert?“

    2013 trat die studierte Politikwissenschaftlerin aus Dresden in die damals noch junge Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) ein. Ein Jahr darauf war sie bereits Vorsitzende und Pressesprecherin der Jugendorganisation der Partei, der „Jungen Alternative“ (JA). 2017 wurde sie sogar Mitglied im Bundesvorstand. Kurz vor der Bundestagswahl im September 2017 verließ sie jedoch öffentlichkeitswirksam die Partei – und empfahl mit einem spektakulären Facebook-Post die Wahl der parteipolitischen Konkurrenz: der FDP.

    „Das Grundsatzprogramm ganz am Anfang der AfD sah folgendes vor“, erklärte Ex-AfD-Politikerin Schreiber im Sputnik-Interview ihre Beweggründe für den damaligen Eintritt in die Partei. „Mehr Bürgerbeteiligung, Steuervereinfachung, das Berufspolitikertum abschaffen, Verknüpfung von Wirtschaft und Politik herunterfahren, alte Seilschaften kappen. Das waren die Themen. Davon redet heute in der AfD niemand mehr. Heute reden wir über zwei Sachen: Flüchtlinge und Islam. Das hat sich also sehr verändert.“

    „Dramatische Radikalisierung“: Gründe für den Ausstieg

    Die Partei habe sich in der Folgezeit „in dramatischer Weise radikalisiert. Gerade in den letzten zwei Jahren vor meinem Ausstieg habe ich schon gegen die radikale Gruppe, den ‚Höcke-Flügel‘, versucht anzukämpfen. Indem ich versucht habe, Mehrheiten innerhalb der Partei dagegen zu organisieren.“

    Die junge Sächsin (Jahrgang 1990) sah sich stets voll auf Linie der damaligen Partei-Chefin Frauke Petry. Als sie das Scheitern von Petrys Zukunftsantrag auf dem AfD-Parteitag in Köln 2017 hautnah miterleben musste, erkannte Schreiber, welchen Weg die Partei von nun an nehmen würde.

    „Das war einfach irgendwann nicht mehr auszuhalten“, erinnerte sie sich im Interview. Vier Jahre Parteimitarbeit sei eine lange Zeit, und sie werfe sich auch selbst vor, „warum ich nicht schon früher gegangen bin. Aber ich bin froh, dass ich es da raus geschafft habe.“

    Gauland: Gradmesser für Stimmung in AfD-Wählerschaft

    Es gab seit 2015 vermehrt Ereignisse, die ihren inneren Wandel befeuerten. Sie nannte den Moment, „als Björn Höcke die Theorie zum lebensbejahenden Ausbreitungstyp von Afrikanern verbreitet hatte“. Dies sei ein ganz entscheidender Augenblick für die Entscheidung der Dresdnerin gewesen.

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    Bundestagsfraktions-Chef Alexander Gauland sei der Gradmesser für die Stimmung in der AfD-Wählerschaft und bei den Mitgliedern. „Wenn wir uns die Äußerungen von Gauland angucken, die er noch vor vier Jahren getätigt hat – und wenn wir ihn uns jetzt angucken – das ist nicht mehr die gleiche Person“, sagte sie auf der Veranstaltung in der „Urania“.

    „Nationaler Flügel hat Partei erobert“

    Der „Flügel“ um Björn Höcke, Fraktions-Chef der AfD in Thüringen, habe seit einigen Jahren die Oberhand in der Partei, erklärte Schreiber im Sputnik-Gespräch.

    Der AfD-Bundesparteitag in Köln im Frühjahr 2017 war der Punkt, als der national-rechte Flügel Schreiber zufolge verlautbaren ließ: „Der Machtkampf ist gewonnen für die Nationalisten, für die Rechtsradikalen in der AfD. Das kann man ganz klar sagen. Es herrscht wohl der Konsens, die AfD sei jetzt die Neue Rechte.“

    Alle anderen rechts-konservativen Parteien, darunter auch die „Blaue Partei“ von Frauke Petry, haben laut der Ex-AfD-Politikerin „nicht allzu viele“ Zukunftsaussichten. „Die AfD wird nicht von Leuten dominiert, die CSU-Positionen vertreten, sondern ganz klar zutiefst völkische und rassistische Überzeugungen.“

    Geld, „teure Berater“ und Facebook-Kampagnen

    Die AfD habe viele Gönner und – teilweise auch anonyme – Geldgeber. Es flossen laut der AfD-Aussteigerin und Buchautorin Geldspenden von Unternehmen oder auch Privatpersonen mit großem Vermögen in die Parteikassen.

    „Es wird sehr oft angenommen, dass die Gelder aus Russland und Osteuropa kommen“, sagte die Aussteigerin auf der Veranstaltung am Montagabend. „Meine Einschätzung ist jedoch so, dass das eher von ultra-rechten US-amerikanischen Think Tanks kam. Oder von Organisationen wie der amerikanischen Waffen-Organisation ‚National Rifle Association‘ oder studentennahen Verbindungen“ von US-Universitäten.

    Schreiber betonte ebenso die Rolle des sozialen Netzwerks „Facebook“ zur Verbreitung von AfD-Inhalten im Internet. „Jedes AfD-Mitglied wurde von der Parteiführung angehalten, sich bei Facebook anzumelden und sich ein sogenanntes ‚AfD-Profil‘ einzurichten“, verriet sie. Ebenso engagiere die Partei „exzellente hochprofessionelle, auch externe PR-Berater“, die zwar „sehr teuer“ seien, aber auch „sehr effektive“ Arbeit leisten würden.

    AfD-Aussteigerin fordert: „Partei ist Fall für Verfassungsschutz“

    Die AfD-Aussteigerin forderte auf der Veranstaltung wiederholt, dass das „Bundesamt für Verfassungsschutz“ (BfV) die AfD wegen Verfassungswidrigkeit beobachten solle. Der kommende Nachfolger vom geschassten Chef des Inlands-Geheimdienstes, Hans-Georg Maaßen, werde wohl ordentlich „öffentlichen Druck“ bekommen. Sie geht davon aus, dass der Maaßen-Nachfolger dementsprechend den Fokus auch mehr „gegen Rechts“ wenden müsse und werde.

    „Ich sehe da einfach die Gesamtgesellschaft in der Verantwortung, ihm (dem neuen BfV-Präsidenten – Anm. d. Red.) diesen Druck zu machen“, stellte sie im Interview klar.

    Franziska Schreiber: „Inside AfD: Der Bericht einer Aussteigerin“, Europa Verlag, 224 Seiten, 5. Auflage, August 2018. Das Buch ist überall im Handel erhältlich und mittlerweile schon ein „Spiegel-Bestseller“.

    Das komplette Interview mit Franziska Schreiber zum Nachhören:

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    Tags:
    Rechtsruck, Liberalismus, Demokratie, Verfassungsschutz, Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), Partei Alternative für Deutschland (AfD), Björn Höcke, Frauke Petry, Hans-Georg Maaßen, Alexander Gauland, Thüringen, Sachsen, Dresden, Berlin