11:21 16 November 2018
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    Der britische Premier Neville Chamberlain (l.) drückt die Hand seinem französischen Amtskollegen Edouard Daladier 1938

    Historiker: Warum die Westmächte Hitler den Weg in den Krieg ebneten

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    Tilo Gräser
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    Wie das Münchner Abkommen 1938 zustande kam, das beschreibt der Völkerrechtler Gregor Schirmer in einem aktuellen Zeitschriften-Beitrag. Er verweist auf die Verantwortung Frankreichs und Großbritanniens für die Folgen. Der Historiker Gabriel Gorodetsky erinnert daran, warum London und Paris die Tschechoslowakei an Nazideutschland verrieten.

    Dem Münchner Abkommen Frankreichs, Großbritanniens, Deutschland und Italiens, unterzeichnet in der Nacht zum 30. September 1938, folgte die totale Vernichtung der Tschechoslowakei (ČSR). Daran erinnert der Völkerrechtler Gregor Schirmer in einem Beitrag in der November-Ausgabe der Zeitschrift „WeltTrends“.

    Tiefsitzende antirussische Vorurteile in Europa gehören zu den Ursachen für die „verhängnisvolle Appeasementpolitik“, die vor 80 Jahren zum Münchner Abkommen führte. Das schreibt der britische Historiker Gabriel Gorodetsky in einem Beitrag, der in der Oktober-Ausgabe der Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ (LMd) veröffentlicht wurde. Großbritannien und Frankreich hätten die Tschechoslowakei geopfert – „aus Angst vor der Sowjetunion“, so Gorodetsky. Besonders der britische Premierminister Neville Chamberlain sei nicht nur antisowjetisch, sondern auch antirussisch eingestellt gewesen.

    Mit dem Abkommen wurde eigentlich nur vereinbart, dass die ČSR die Sudetengebiete und „restliche Gebiete vorwiegend deutschen Charakters“ an Deutschland abtritt, wie Völkerrechtler Schirmer in seinem Beitrag schreibt. Die Prager Regierung war in München nicht dabei und wurde nach der Unterzeichnung vom Inhalt informiert. Paris und besonders London glaubten, sie hätten damit den Frieden in Europa gesichert, indem sie den Forderungen des faschistischen Deutschlands nachgaben.

    Westliches Versagen und Moskauer Haltung

    „München war jedoch nicht der Frieden, sondern nach der Annexion Österreichs der nächste Schritt Nazideutschlands zum Aggressionskrieg“, so Schirmer. Er erinnert an die folgenden Schritte, indem Polen und Ungarn tschechoslowakisches Gebiet erhielten, die Slowakei abgespalten wurde und am 15. März 1939 der Rest der ČSR von der faschistischen Wehrmacht besetzt und als „Protektorat Böhmen und Mähren“ angegliedert wurde.

    „Das alles geschah unter Billigung oder Duldung Englands und Frankreichs“, hebt Schirmer hervor. „Die USA betrieben ‚Nichteinmischung‘.“ Die Sowjetunion sei am „Münchner Komplott nicht beteiligt und ein Gegner der Appeasementpolitik gegenüber Hitler“ gewesen, betont der Völkerrechtler. Moskau habe zwar mit Prag 1935 einen Beistandsvertrag unterzeichnet, der aber vorgesehen habe, dass die Rote Armee nur eingesetzt wird, wenn Frankreich seine Beistandszusagen gegenüber der ČSR einhält.

    Sowjetische Verpflichtung und Prager Interessen

    Doch Paris habe seine Bündnisverpflichtungen durch das Münchner Abkommen „aufs Gröbste verletzt“. Die Folge laut Schirmer: Damit war die Sowjetunion ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber der ČSR entledigt. Sie sei aber trotzdem bereit gewesen, Prag gegen einen Angriff Nazideutschlands militärisch beizustehen.

    Der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš habe bei dem Beistandsvertrag mit Moskau auf einer Klausel bestanden, die eine Unterstützung seines Landes durch die Sowjetunion davon abhängig gemacht habe, dass Frankreich seine Beistandspflicht als Erstes aktiviert. Daran erinnert Gorodetsky in der LMd: „Wegen dieser Klausel hing 1938 alles von der Haltung Frankreichs ab.“

    Ideologische Hindernisse und sowjetische Diplomatie

    Historiker Gorodetsky hat 2016 die aufschlussreichen Tagebücher des langjährigen sowjetischen Botschafters in London, Iwan Maiski veröffentlicht. In der LMd-Ausgabe macht er darauf aufmerksam, dass in der Geschichtsschreibung zum Münchner Abkommen jahrzehntelang die „ideologische Voreingenommenheit und Russlandfeindlichkeit“ besonders der britischen Elite heruntergespielt worden sei.

    „Das Hauptmerkmal dieser Geschichtsschreibung ist allerdings der fast vollständige Verzicht auf eine Analyse der realpolitischen Alternative, die damals eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ermöglicht hätte.“

    Er erinnert daran, „dass die sowjetische Diplomatie vor 1938 fünf Jahre lang intensiv bemüht war, Hitlers kriegslüsterne Politik zu durchkreuzen. Außenminister Maxim Litwinow hatte Stalin bereits im Herbst 1932 gewarnt, die Weimarer Republik sei am Ende, und der Vormarsch der Nazis mache eine drastische Kehrtwende im Verhältnis zu Großbritannien und Frankreich erforderlich.“ Das sei aber anfangs nur in Paris auf teilweise offene Ohren gestoßen.

    Londoner Antikommunismus und Moskauer Sorgen

    In London habe sich der sowjetische Botschafter Iwan Maiski in den Jahren 1934 bis 1936 vergebens bemüht, die feindselige Haltung der Briten gegenüber Moskau aufzubrechen, schreibt Gorodetsky. „Alles schien auf einen britisch-französischdeutschen Schulterschluss auf Kosten Russlands hinauszulaufen.“ Und obwohl Maiski gegenüber dem 1937 zum Premier berufenen Chamberlain versichert habe, dass die Sowjetunion in keinem europäischen Land den Kommunismus errichten wolle, habe der Brite weiter an seinen antikommunistischen und antirussischen Vorurteilen festgehalten und zur Orientierung seiner Politik gemacht.

    „Ich muss gestehen, dass ich gegenüber den Russen ein abgrundtiefes Misstrauen empfinde“, zitiert der Historiker aus einem Brief Chamberlains an seine Schwester: „Ich misstraue ihren Motiven, die nach meinem Empfinden wenig mit unserer Vorstellung von Freiheit zu tun haben.“

    In den Verhandlungen mit Hitler im Jahr darauf habe der britische Premier aber „ganz andere Maßstäbe“ angelegt. Schon die Annexion Österreichs durch Nazideutschland sei in London nur auf eine „zahme Reaktion“ gestoßen.

    Abgelehntes Bündnis und britisches Desinteresse

    Dennoch habe sich Moskau durch den sowjetischen Außenminister Maxim Litwinow beim Völkerbund in Genf versucht, ein Bündnis gegen das faschistische Deutschland und dessen Aggressionspläne zustande zu bekommen. Allerdings blieb das ohne Erfolg, wie Gorodetsky erinnert, der unter anderem auf die sowjetisch-französischen Militärverhandlungen verweist, die Paris seit 1935 immer wieder hinausgeschoben habe.

    Als der französische Premier Édouard Daladier sich im April 1938 für energischen Widerstand gegen Hitler auch mit sowjetischer Hilfe aussprach habe der britische Vizeaußenminister Alexander Cadogan als „fürchterlichen Schwachsinn“ bezeichnet. Londons Außenminister Lord Edward Halifax hat laut dem Historiker die ČSR als künstliches Gebilde bezeichnet, das nicht erhalten werden könne.

    Moskaus Botschafter Maiski habe seine britischen Gesprächspartner noch gewarnt, die Sowjetunion zu isolieren, schreibt Gorodetsky. Außenminister Litwinow habe bis zuletzt versucht, Verhandlungen zwischen sowjetischen, tschechoslowakischen und französischen Militärs zu organisieren und die Sudetenkrise vor den Völkerbund zu bringen. Doch London habe alle sowjetischen Versuche einer gemeinsamen Position hintertrieben.

    Moskauer Warnungen und Londoner Sorgen

    Großbritanniens Außenminister Halifax habe offensichtlich Wert darauf gelegt, Hitler nicht zu provozieren, „indem er in Genf mit ‚den Roten‘ zusammensaß“. Bei der Sitzung des „moralisch bankrotten Völkerbunds“ am 14. September 1938 sei die tschechoslowakische Krise „praktisch ignoriert“ worden.

    „Am selben Abend kündigte Chamberlain an, er werde am nächsten Tag zu Hitler nach Berchtesgaden fahren. Der frustrierte Litwinow hielt eine flammende Rede vor der Völkerbundversammlung, in der er noch einmal die sowjetische Verpflichtung betonte und am Ende prophezeite, die britisch-französische ‚Kapitulation‘ werde ‚unberechenbare und katastrophale Folgen‘ haben.“

    London habe Moskaus Forderung, dass sich Militärexperten der drei Länder treffen, mit der Begründung abgelehnt, das könnte Berlin provozieren. Daraufhin habe die Rote Armee am 21. September 1938 mit der Stationierung großer Militäreinheiten in den beiden Sondermilitärbezirken Kiew und Weißrussland an der sowjetischen Westgrenze, begonnen, erinnert der Historiker.

    Teurer Preis und verschwiegener Beitrag

    Doch die UdSSR habe keine gemeinsame Grenze mit der bedrohten ČSR gehabt. Rumänien habe der Roten Armee stillschweigend die notwendigen Überflugrechte eingeräumt, so Gorodetsky. Polen habe sich aber verweigert und dessen Verbündeter Frankreich „keinerlei Versuche“ unterneommen, Warschau zu bewegen, „der Roten Armee den Durchmarsch zu gestatten – obwohl es sich um die weitaus günstigere Route handelte“.

    Am Ende kündigte Chamberlain am 28. September im Londoner Parlament an, Hitlers Einladung nach München anzunehmen. Außenminister Halifax erklärte laut Gorodetsky unterdessen Botschafter Maiski, warum sich London nicht für eine Teilnahme Moskaus eingesetzt habe: Um Hitler zu verärgern und um den Frieden in Europa zu erhalten.

    Den Preis für diese illusionäre Politik bezahlten Millionen Menschen in Europa mit dem Leben, und bedeutete Zerstörung, Not und Elend. Bis heute wird der Sowjetunion vorgehalten, in der Folge der Ereignisse einen eigenen Weg gegangen zu sein, um den zu erwartenden Angriff Nazideutschlands hinauszuzögern, was zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 24. August 1939 samt geheimen Zusatzprotokoll über die Aufteilung Polens führte. Der eigene Beitrag der westeuropäischen Politik dazu wird meist verschwiegen.

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    Tags:
    Münchner Abkommen, Krieg, Frieden, Zweiter Weltkrieg, Adolf Hitler, Josef Stalin, Drittes Reich, Sowjetunion, Italien, Großbritannien, Deutschland, USA, Frankreich