22:34 19 November 2018
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    Tennis-Spielfeld im ehemaligen Reichspalast des deutschen Kaisers. ca. 1930

    Historiker Wette: Novemberrevolution 1918 auch ohne Elitenwechsel erfolgreich

    © AFP 2018 / Archiv
    Politik
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Die deutsche Zivilbevölkerung und die Frontsoldaten haben 1918 „Friede! Freiheit! Brot!“ gefordert. Daran hat der Militärhistoriker Wolfram Wette in einem Sputnik-Gespräch erinnert. Er sagt, warum die Novemberrevolution in Deutschland verändert hat, ohne den Militarismus entmachten zu können. Wette warnt davor, die Dolchstoßlegende aufzuwärmen.

    Die Novemberrevolution 1918 ist für den Militärhistoriker Wolfram Wette eine „ganz wichtige Etappe in der deutschen Demokratie-Geschichte“. Das begründete er im Sputnik-Gespräch mit dem Abgesang des Kaiserreichs, das den Ersten Weltkrieg maßgeblich verschuldet habe, und der Gründung der ersten deutschen Republik in Folge der Ereignisse vor 100 Jahren. Für den renommierten Historiker ist das gerade angesichts der gescheiterten Revolution von 1848/49 bedeutsam.

    Prof. Dr. Wolfram Wette
    © Foto : Roland Krieg
    Prof. Dr. Wolfram Wette

    Die Ereignisse seien durch eine „Revolution von unten“ in Gang gekommen, so Wette. „Wie so oft in der Geschichte haben Kriege Revolutionen ausgelöst. Die deutsche Revolution von 1918 wurde von einer großen Massenbewegung in Deutschland vorbereitet, die sich im Laufe des Jahres 1918 herausgebildet hatte.“ Das habe sich bereits zwei Jahre zuvor angedeutet, als 1916 in Folge des Krieges die Versorgung in der Heimat immer schlechter geworden sei.

    Elementare Forderungen

    So kam es laut Wette bereits vor den Novemberereignissen 1918 zu Massendemonstrationen in den deutschen Großstädten. Aber auch an den Fronten hätten die Soldaten zunehmend den „normalen Krieg“ verweigert, indem sie vor allem in die Luft geschossen hätten, anstatt auf die Gegner zu zielen. „Es gab so etwas wie einen verdeckten Militär-Streik. Das Militär, zumindest die einfachen Soldaten an der West-Front, wollte genauso wenig diesen langen Krieg weiter verlängern.“

    In der Heimat hätten vor allem die in den Munitionsfabriken Arbeitenden bei ihren Demonstrationen die Parole „Friede, Freiheit, Brot!“ ausgegeben. „Friede hat bedeutet: Schleunige Beendigung des Schießkrieges, Abschluss eines Waffenstillstandes und eine Friedensvertrages. Freiheit hat bedeutet: Raus aus dem militaristischen Kaiserreich, hinein in ein neues Staatswesen, eine Demokratie, eine Republik, die besser den Frieden garantiert. Brot bedeutete: Bessere Ernährungslage der Bevölkerung.“

    All das habe sich zu einer potenziell revolutionären Situation zugespitzt. Der Aufstand der Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel sei nur der Auslöser gewesen, so Wette: „Irgendwo musste der Funke zur Revolution geschlagen werden. Das war dann am 4. November 1918 in Kiel.“ Dort betrat der SPD-Reichstagsabgeordnete Gustav Noske erstmals die Bühne der Revolution. Wette hatte 1987 über den späteren selbsternannten „Bluthund“ Noske eine vielbeachtete und vieldiskutierte politische Biographie veröffentlicht.

    Entmachtete Soldatenräte

    Bei der Frage nach der Rolle des Militärs ist für ihn wichtig, die verschiedenen Gruppen zu unterscheiden: Die Oberste Heeresleitung (OHL) unter General Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff, später General Wilhelm Groener, die führenden Offiziere, die Frontoffiziere und die einfachen Soldaten an der Front, immer noch etwa zehn Millionen. Der Historiker verwies darauf, dass auch die Fronttruppen an der Westfront Soldatenräte gewählt hätten. „Sie hatten für eine gewisse Zeit die Macht über die deutschen Divisionen übernommen.“

    So sei nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 die Frage gewesen, wer die Truppen in die Heimat zurückführe. Das hätten die Soldatenräte, im Zivilleben oftmals gestandene Gewerkschafter oder Sozialdemokraten, auch gekonnt. Doch nach einer Absprache zwischen der OHL unter Groener und dem „Volksbeauftragten“ Friedrich Ebert von der MSPD sollten die alten Offiziere das übernehmen, was auch geschehen sei. „Das war eine hochpolitische Angelegenheit, denn das kam einer partiellen Entmachtung der Soldatenräte gleich.“

    Wette erinnerte daran, dass die obersten Militärs im September 1918 den Krieg für verloren erklärt hätten. Das habe Politiker wie Ebert völlig überrascht, da zuvor jahrelang das Gegenteil verkündet worden sei. Ludendorff & Co. hätten überlegt, wie sie aus der Situation herauskommen und wie sie verhindern könnten, dass öffentlich bekannt werde, dass die Militärs den Krieg verloren gegeben hätten. „Das ist die Geburtsstunde der Dolchstoßlegende, über die heute wieder in einer ganz gefährlichen Weise geredet wird.“

    Aufgewärmte Dolchstoßlegende

    Der Historiker Gerd Krumeich hatte unter anderem im Februar dieses Jahres im TV-Sender „Phoenix“ erklärt, dass an der Legende „ein ganz bisschen doch dran ist“. Er fügte hinzu: „Legenden haben einen wahren Kern.“ Den sehe er in diesem Fall und machte auf unterschiedliche Vorstellungen vom Waffenstillstand bei den Militärs und den zivilen Politikern in Deutschland aufmerksam. Ludendorff habe nach einem solchen Waffenstillstand weiter kämpfen wollen, erklärte Krumeich, anders als die Regierung.

    Ankunft der deutschen Delegation in Compiègne. November 1918
    Ankunft der deutschen Delegation in Compiègne. November 1918

    Fachkollege Wette sagte dazu, als die Heeresführung erkannt habe, dass der Krieg verloren sei, hätten die Militärs überlegt: „Wie können wir unser Ansehen wahren, wie können wir unsere Zukunftsfähigkeit wahren? Die erste Überlegung war: Wir schließen den Waffenstillstand nicht, das sollen die Zivilisten machen. Das sollen die machen, die seit 1917 gefordert haben, den Krieg zu beenden“

    Deshalb sei dann der Staatssekretär Matthias Erzberger von der Zentrumspartei nach Compiègne geschickt worden, um über den Waffenstillstand zu verhandeln und diesen zu unterzeichnen. „Er hat dafür später bezahlen müssen, indem er von Rechtsradikalen ermordet wurde“, so Wette.

    Vergiftete Atmosphäre

    Die obersten Militärs hätten als Zweites festgelegt, dass öffentlich nicht der Eindruck entstehen dürfe, dass der Krieg militärisch verloren worden sei. Das sollte der Heimat in die Schuhe geschoben werden. Der Bevölkerung, insbesondere den Sozialdemokraten, Liberalen und Pazifisten, sollte vorgeworfen werden, dass sie die Fronttruppen im Stich gelassen habe, indem sie diese nicht mehr unterstützen gewollt und gegen den Krieg demonstriert habe.

    Die Dolchstoßlegende habe die Zeit der Weimarer Republik „vergiftet“, sagte der Militärhistoriker, „weil sie die Bevölkerung unseres Landes gespalten hat“. Wenn sie 100 Jahre später wieder durch namhafte Historiker wie Krumeich aufgewärmt werde – „alles Spekulationen, die durch nichts bewiesen werden können“, so Wette dazu – sei das gefährlich. Das werde von einer Bevölkerung aufgenommen, „die Positives über das eigene Land hören will“.

    Er sei ein Anhänger der Thesen des Fachkollegen Fritz Fischer. Dieser hatte 1961 nicht nur für Aufsehen gesorgt, indem er in dem Buch „Griff nach der Weltmacht“ die deutsche Mitschuld am Ersten Weltkrieg nachwies. Fischer hatte ebenso in „Bündnis der Eliten“ auf die „Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945“ – trotz der Revolution von 1918 – hingewiesen und später festgestellt: „Hitler war kein Betriebsunfall“. Das habe „vielen damals nicht geschmeckt“, erinnerte sich Wette an die Reaktionen von Militär über Justiz bis in das Beamtentum der Bundesrepublik.

    Fehlender Elitenwechsel

    In der Zeit der Novemberrevolution 1918 sei die Frage gewesen, ob eine gesellschaftliche Umwälzung mit den alten Eliten möglich sei, oder nur gegen diese. Deren Sturz habe sich aber damals niemand recht vorstellen können, so Wette. Deshalb sei es nur um einen Austausch des Personals in den Spitzenfunktionen gegangen, vermutete er. Auf den mittleren und unteren Ebenen der Verwaltungen sei für einen Austausch der Eliten kein Ersatzpersonal vorhanden gewesen.

    Dadurch sei es nicht zu einem radikalen Wechsel der Eliten und der Politik in Deutschland gekommen, so seine Schlussfolgerung. Dennoch hält Wette die Novemberrevolution 1918 nicht für gescheitert: „Es gab diese Revolution. Sie ist maßgeblich von unten angetrieben worden, von der kriegsmüden deutschen Bevölkerung und von den kriegsmüden deutschen Soldaten. Sie haben dazu verholfen, dass von unten her die Machtverhältnisse geändert worden sind. Das ist in der deutschen Geschichte bis dahin noch nie mit Erfolg geschehen.“

    Demokratische Errungenschaften

    Deshalb handele es sich um eine „erfolgreiche Umwälzung“, die zu einer neuen Regierung geführt habe, gebildet aus den bisher oppositionellen Sozialdemokraten. Hinzu kommen für Wette die verfassunggebende Nationalversammlung sowie die Wahlen zu dieser, die Verfassung der Weimarer Republik und die darauf aufbauende republikanische Staatsform. Zu den großen Veränderungen zählten auch das allgemeine freie Wahlrecht und das eingeführte Frauenwahlrecht.

    „Insofern war die Revolution durchaus erfolgreich. Dass sie gleichzeitig mit großen Komplikationen verbunden war und es gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit den alten Eliten, dem Militär und den Deutschnationalen und antidemokratisch gesonnenen Bevölkerungsteilen gab, das macht die Problematik und die Grundstruktur der Kämpfe des nächsten Jahrzehnts aus.“

    Die deutsche Demokratie habe nach 1918 nicht immer gewackelt, wie heute oft mit Blick auf 1933 behauptet werde. „Sie hätte auch gelingen können. Es war eine offene Situation 1918/19. Es war ihr nicht vorhergesagt, dass sie scheitern musste. Auf den Ersten Weltkrieg musste kein Zweiter folgen! Es gab keine Zwangsläufigkeiten.“

    Für Wette bleiben vom revolutionären Geschehen in Deutschland vor 100 Jahren heute „demokratiegeschichtlich gesehen herausragende positive Ereignisse. Die Matrosen, die diese Umwälzung ins Werk gesetzt haben, sind die Helden der damaligen Zeit.“ Die Politiker, die das weitergeführt haben, hätten ihre Sache anfangs richtig gemacht, schätzte der Historiker ein. „Die hatten es aber mit so großen Gegenkräften, insbesondere des traditionsreich mächtigen Militärs, zu tun, dass ihre Handlungsspielräume nicht sehr groß waren.“ Die damaligen Spielräume der Akteure sind aus seiner Sicht das Entscheidende beim Blick auf die Novemberrevolution.

    Wolfram Wette: „Ernstfall Frieden – Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914“

    Donat Verlag 2017; 640 Seiten, 502 Abbildungen; ISBN: 978-3-943425-31-4; Preis: 24.80 Euro

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
    Tags:
    Elite, Demokratie, Oktoberrevolution 1917, Novemberrevolution 1918, Erster Weltkrieg, SPD, Deutschland