01:30 19 November 2018
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    Michail Gorbatschow (Archiv)

    Dankeschön für Wiedervereinigung - MV-Verdienstmedaille für Gorbatschow

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    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Während der Festveranstaltung zum 25-jährigen Bestehen des Deutsch-Russischen Forums wurde die „Medaille für besondere Verdienste um das Land Mecklenburg-Vorpommern im vereinten Europa und der Welt“ für Michail Gorbatschow (87) an Ruslan Grinberg, Direktor des Instituts für Internationale Wirtschaft in Moskau, stellvertretend ausgehändigt.

    Aus gesundheitlichen Gründen konnte Gorbatschow nicht selbst da sein. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig würdigte den früheren sowjetischen Staatschef, indem sie sagte, dass diese Auszeichnung mit einem großen Dankeschön verbunden sei, das gerade Menschen aus Ostdeutschland aussprechen wollen. „Ich bin selber 16 Jahre in der DDR groß geworden und könnte heute nicht in meiner Rolle als Ministerpräsidentin eines Bundeslandes im vereinten Deutschland dabei sein, wenn wir nicht die Politiker gehabt hätten, die diese Wiedervereinigung ermöglicht hätten.“

    Manuela Schwesig sei sich dessen bewusst, „dass es in Russland über Michail Gorbatschow wie über jeden Politiker unterschiedliche Sichtweisen gibt, aber für die Menschen in meinem Bundesland ist er eine ganz besondere Persönlichkeit, dem wir dieses wiedervereinte Deutschland mit zu verdanken haben. Und deshalb ist es unser Wunsch als (Bundes)Land, diese Medaille an ihn zu überreichen.“

    Ruslan Grinberg betonte bei der Entgegennahme der Auszeichnung, Michail Gorbatschow sei ganz besonders stolz darauf, eine echte Entspannung durchgesetzt zu haben. „Keiner konnte sich damals vorstellen, dass Deutschland sich vereinigen würde. Er hegt nach wie vor ein besonderes Gefühl für Deutschland wegen dessen Fähigkeit, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Er weiß auch zu schätzen, sagte er zu mir, dass Deutsche sich auf das Finden von Kompromissen verstehen und sie als gegenseitige Zugeständnisse, nicht als einen zeitweiligen Rückzug auffassen.“

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    Diese für ihn sehr wichtige Eigenschaft habe ihn, so Grinberg, auch zu den Abrüstungsabkommen motiviert. Heute sei Gorbatschow nicht gerade heiter gestimmt, stellte der Wissenschaftler fest. „Dies hat mit der Absicht der USA zu tun, den INF-Vertrag, der die Grundlage der europäischen Sicherheit gebildet hat, aufzukündigen. Gorbi empfindet dies als ein ernsthaftes Signal dafür, dass die Einschränkung von Rüstungen generell aufzuhören droht und ein neuer Kalter Krieg in Erscheinung tritt. Gorbatschow ist damit unzufrieden, dass die Politiker an dem Problem der Aufrechterhaltung dieses Vertrags, eventuell auch in einer anderen Form, nicht intensiv genug arbeiten.“

    „Dennoch ist Michail Gorbatschow insofern optimistisch“, bemerkte Grinberg, „dass der gesellschaftlich-politische Dialog zwischen Russland und Deutschland, zwischen Russland und Europa trotz allem nicht abgebrochen wird, im Unterschied zu der Zeit, als er seine ersten Schritte gemacht hat.“

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    Der Gorbatschow-Mitstreiter sagte weiter: „Sein Erscheinen ist damit zu erklären, dass wir uns Normalität gewünscht haben, eine neue Welt, in welcher Zusammenarbeit überwiegen würde, und schon bereit waren, in einer solchen Welt zu leben. Es kam aber ganz anders. Es scheint, wie man so sagt, das Erbe von Gorbatschow verspielt zu sein. Sollte denn die Geopolitik mit gegenseitigen Drohungen, Verdacht und einem totalen gegenseitigen Misstrauen die Norm sein? Besteht denn die neue Normalität in der Erneuerung des Kampfes um die Machtsphären?“

    Abschließend meinte der liberale Wirtschaftswissenschaftler: „Die objektive Sachlage ist die, dass es im 21. Jahrhundert zwei Supermächte gibt: die stagnierenden und scheidenden USA und das aufstrebende China. Rein demografisch gesehen machen die EU und Russland die zwei Teile des eurasischen Kontinents aus, die zur bilateralen Zusammenarbeit geradezu verdammt sind. Das technische und industrielle Genie Europas und die noch vorhandene mächtige russische Grundlagenforschung — diese Allianz liegt nahe. Allerdings darf man nicht glauben, die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit würde die Lösung der politischen Fragen von selbst herbeiführen. Das gibt es nicht.“

    Es komme heute laut Grinberg vor allem darauf an, eine Bürgerbewegung anzubahnen, in Russland wie in Deutschland. Er erinnerte daran, dass es in Deutschland, als die Pershings und SS-20-Raketen stationiert wurden, eine starke Bewegung für die Demontage der US-Raketen gegeben habe. „In der totalitären Sowjetunion war dies undenkbar. Heute ist aber unser Staat nicht mehr totalitär. Es ist der demokratische Raum da, den Gorbatschow ins Leben gerufen hat. Also steht uns noch ernsthafte Arbeit bevor“, schlussfolgerte Ruslan Grinberg.

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    Tags:
    Wiedervereinigung, Entspannung, INF-Vertrag, Michail Gorbatschow, UdSSR, DDR, Deutschland