18:18 20 November 2018
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    „Größte aller Revolutionen“? – Historiker für neue Sicht auf Novemberrevolution 1918

    © Sputnik / Moskauer Museum der Revolution
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
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    Die Ereignisse in Deutschland im November vor 100 Jahren aus der Sicht der Zeitgenossen betrachten – das versucht der Historiker Robert Gerwarth in einem Buch über den damaligen „Aufbruch in eine neue Zeit“. Warum er dafür plädiert, die Novemberrevolution nicht nur von ihren Folgen her zu beurteilen, hat er gegenüber Sputnik erklärt.

    Wer das Geschehen vor 100 Jahren in Deutschland nur vom Ende her betrachtet, ignoriert, wie sehr die Zukunft damals offen war. So sieht der Historiker Robert Gerwarth die Ereignisse der Novemberrevolution 1918. Er hat dazu ein Buch geschrieben, „Die größte aller Revolutionen“, in dem er zeigen will, dass es sich um einen „Aufbruch in eine neue Zeit“ gehandelt habe.

    Der Titel des Buches zitiert den damals berühmten deutschen Publizisten Theodor Wolff, der in der Zeitung „Berliner Tageblatt“ vom 10. November 1918 schrieb: „Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazugehörte, gestürzt.“ Wolffs Einschätzung klinge überraschend, schreibt Gerwarth, weil die Novemberrevolution bis heute eher als „halbe“ Revolution gelte.

    Im Vorwort seines neuen Buches schreibt er: „Der hundertste Jahrestag der Revolution bietet nun die Chance zur nüchternen Auseinandersetzung mit den Vorgängen von 1918 und auf eine neue historische Erzählung, die den Blick mehr darauf richtet, wie die Zeitgenossen die Welt um sich herum erlebten, was sie wahrnahmen und welche Vorstellungen sie sich von der Zukunft machten.“

    Neuer alter Blickwinkel

    Gegenüber Sputnik erklärte er, sein Blickwinkel sei derjenige der Zeitgenossen von 1918. Er wolle dabei nicht von dem heutigen Wissen um die damaligen Geschehnisse und ihre Folgen ausgehen. Für Gerwarth ist wichtig, historische Ereignisse im Kontext ihrer Zeit zu verstehen „und nicht Geschichte von hinten zu lesen“, wie er betonte. Er ist Professor für Moderne Geschichte am University College in Dublin und hat das dortige Zentrum für Kriegsstudien gegründet. 2017 erschien sein Buch „Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs“.

    Gerwarth findet, dass Subjektivität als historische Kategorie ernster genommen werden sollte, wie er dazu erklärte, einschließlich der Befindlichkeiten und des Wissens der damals Lebenden. Aus seiner Sicht wurde beim Thema Novemberrevolution bisher immer wieder übersehen, dass es für die Zeitgenossen „nicht nur eine Schreckenszeit gewesen ist“. Das zeigt sich für ihn unter anderem an dem Wahlergebnis zur Nationalversammlung im Januar 1919, bei der die republikanisch orientierten Parteien die Stimmenmehrheit erhalten hätten.

    Die Novemberrevolution habe lange Zeit einen schlechten Ruf gehabt, meinte der Historiker. „Sie galt vielen als misslungen oder verraten, je nach politischem Standpunkt, bestenfalls als steckengebliebene Revolution. Ich versuche darzulegen, dass in dieser Zeit doch Einiges erreicht worden ist, und das Positive der Revolution hervorzuheben.“ Das sei angesichts der Streitigkeiten innerhalb der Sozialdemokratie „immer wieder vergessen“ worden.

    Zahlreiche Veränderungen

    Es habe sich nicht nur um einen politischen Umbruch gehandelt, stellt er im Buch fest, „sondern zugleich um eine kulturelle und soziale Revolution, die Geschlechterbeziehungen wie Bürgerrechte tangierte“. Damit sei durch das Frauenwahlrecht ebenso die politische Mobilisierung und Teilhabe der Frauen befördert worden, „die nach dem massenhaften Sterben an den Fronten des Weltkrieges die Mehrheit der deutschen Bevölkerung stellten“. Im Gespräch verwies Gerwarth außerdem darauf, dass die Weimarer Republik eine der liberalsten Verfassungen der damaligen Zeit gehabt habe. Damals seien unter anderem Grundrechte wie die Versammlungs- und die Pressefreiheit eingeführt worden.

    Er hob hervor, dass im Herbst 1918 das Machtverhältnis zwischen Regierung und Parlament „auf eine ganz andere Basis“ gestellt worden sei – die Parlamentsmehrheit bestimmte nun den Reichskanzler, nicht mehr wie zuvor der Kaiser. Diese und andere Errungenschaften der Revolutionen wolle er mit seinem Buch stärker betonen.

    Wie die Zeitgenossen die Ereignisse vor 100 Jahren wahrgenommen habe, sei natürlich auch von deren politischer Einstellung beeinflusst worden, so Gerwarth. So habe nur eine kleine Minderheit 1918/19 eine Räterepublik befürwortet. Im mehrheitssozialdemokratischen und bürgerlichen Lager habe es dagegen angesichts der Revolution von 1917 in Russland und der dort eskalierenden Gewalt „eine sehr kritische Position gegenüber Liebknecht“ gegeben. Andererseits hätten selbst Kritiker der Spartakisten die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht durch Freikorpssoldaten verurteilt.

    Krieg als Ursache

    Der Historiker hatte in einem Gastbeitrag am 21. September dieses Jahres in der „Neuen Zürcher Zeitung“ unter anderem festgestellt:

    „Auch wenn die große Mehrheit der deutschen Revolutionäre von 1918 keineswegs Anhänger Lenins waren, sollte die vermeintliche Wahrnehmung einer bolschewistischen Bedrohung Europas eine zentrale Rolle beim Aufstieg des Faschismus spielen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien. Das lag in erster Linie an den politischen Entwicklungen in Russland, wo der Erste Weltkrieg zu massiven sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen geführt hatte.“

    Gerwarth erinnerte darin ebenso daran, dass der Erste Weltkrieg erst die Revolutionen ermöglichte. Doch die Gegner der Revolution hätten in ihrer Propaganda den Bolschewismus als Ursache von Hunger, Krankheiten und Krieg in Deutschland dargestellt und dieses Bild aufwendig verbreitet. „In den Augen der Rechten wurde die Gefahr einer nach Deutschland überschwappenden ‚Weltrevolution‘ von niemandem mehr verkörpert als von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.“ Die Hetze gegen beide im Herbst 1918 bis zu ihrer Ermordung habe rassistische und antisemitische Elemente gehabt.

    Die extreme Rechte habe den Tod der „galizischen Hure“ Luxemburg gefeiert und so „die enge Verzahnung von Antibolschewismus und Antisemitismus“ aufgezeigt. „Die gängige Assoziation von ‚Revolution‘ mit ‚Judentum‘ war nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern Europas und den USA weit verbreitet.“

    Gesamteuropäische Perspektive

    Für ihn ist das kein Widerspruch zu dem Versuch im Buch, ein positives Bild der Revolution zu zeigen, wie Gerwarth im Interview erklärte. Ohne die Revolution in Russland hätte es in Deutschland keine antibolschewistischen Kräfte gegeben. Allerdings seien die Nationalsozialisten bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 nur eine marginale Kraft gewesen, betonte der Historiker. Aber ihre Ideen hätten sich bereits 1918 gezeigt.

    Der Historiker macht im Buch auf die gesamteuropäische Perspektive des Geschehens in Deutschland aufmerksam. Die zeige, dass die deutsche Revolution „eher ungewöhnlich gewaltarm“ gewesen sei im Vergleich zu den Entwicklungen in anderen Ländern.

    Gerwarth will gleichzeitig mit seinem Buch zeigen, dass die Revolution 1918 ganz Deutschland erfasste, nicht nur die Reichshauptstadt Berlin. Die dortigen Ereignisse um den 9. November stehen oft im Fokus, obwohl beispielsweise bereits zwei Tage zuvor in Bayern der König abdanken musste, wie auch manch deutscher Herzog oder Fürst. Zu den Besonderheiten der deutschen Revolution gehört für den Historiker, dass sie ihren Ausgangspunkt nicht in der Hauptstadt hatte – „Berlin war im Grunde genommen die letzte Bastion der Regierung, eine Insel im revolutionären Meer“.

    Vieles von dem, was heute selbstverständlich angesehen werde, habe in den Ereignissen von 1918 ihren Ursprung, erläuterte der Historiker. Er verwies dabei besonders auf demokratische Errungenschaften wie das allgemeine Wahlrecht und die liberale Verfassung. „Wir sollten uns heute wieder stärker rückbesinnen auf bestimmte Freiheitsrechte, die damals im Rahmen der Revolution erworben worden sind.“

    Robert Gerwarth: „Die größte aller Revolutionen – November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit“. Siedler Verlag 2018.  384 Seiten. ISBN: 978-3-8275-0036-6; 28 Euro

    Das komplette Interview mit Prof. Robert Gerwarth zum Nachhören:

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (15)
    Tags:
    Kaiser, Sozialdemokraten, Erster Weltkrieg, Friedrich Ebert, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Deutschland