19:32 20 November 2018
SNA Radio
    AfD-Wahlplakakte in Berlin (Archivbild)

    „Zeit“-Reise mit der AfD: Zurück ins Mittelalter

    © Sputnik / Grigorij Syssojew
    Politik
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos
    151696

    Nein, die AfD hat keine Zeitmaschine erfunden. Stattdessen versetzt ein aktueller Essay der „Zeit Online“ die Partei zurück ins Jahr 1500 n. Chr. In „freien Gedankenspielen“, wie es heißt. „Der oft zitierte Vergleich der heutigen politischen Situation mit der ‚Weimarer Zeit‘ hinkt“, behauptet der Autor. Die Zeit ab 1475 sei besser dazu geeignet.

    „Die bundesdeutsche Unruhe etwa schlägt sich aktuell in der Rede von den ‚Weimarer Verhältnissen‘ nieder, die die Erfolge von AfD (…) einordnen und prophezeien soll, wie sich diese weiter entwickeln könnte.“ So beginnt der Essay „AfD (um 1500)“, der vor wenigen Tagen in der Online-Ausgabe der „Zeit“ erschienen ist.

    „Hier aber liegt eine mögliche Schwäche des Weimar-Vergleichs“, erklärt der Autor des Beitrags. „Mir kommt dabei vor allem eine historische Phase in den Sinn: Die Jahre zwischen etwa 1475 und 1510. In dieser Zeit wird nämlich eine rhetorische Spur gelegt, die bis heute auftaucht, wenn etablierte Ordnungen infrage gestellt werden. Mit dem Beginn der Moderne entsteht zugleich das antimoderne Ressentiment.“

    Um 1500: „Die Stimmung ist angespannt“

    Der Autor schreibt weiter:

    Menschen am Strand (Symbolbild)
    © Foto : Public Domain/Oxley Library, State Library of Queensland

    „Im historischen Niemandsland um 1500 ist die politische Stimmung angespannt. Selbsternannte Propheten und Prediger (…) ziehen durch die Städte, prangern die adligen, kirchlichen und wirtschaftlichen Eliten an, werfen ihnen vor, sie würden das einfache Volk nicht mehr repräsentieren, seien in ihren jeweiligen Ständen von den Sorgen der Mehrheit abgeschirmt.“

    Der Bericht nennt den „sogenannten Pfeifer von Niklashausen“, als dieser 1476 erregt gegen die damaligen Eliten folgendes agitiert haben soll:

    „Der Kaiser ist ein Bösewicht und mit dem Papst ist es nichts. [Sie bringen] nur Zoll und Belehnung über das gemeine Volk.“

    Diese Worte soll der Pfeifer „vor 70.000 Wutbauern“ formuliert haben – laut damaligen Chronisten.

    Chemnitz: Damals und Heute

    Auch einen historischen Vergleich zu jüngsten Vorkommnissen in Chemnitz scheut der Beitrag nicht. Schließlich sei es auch damals so gewesen, dass die Chronisten und Schreibenden zu den vom Volk Kritisierten gehörten. Ähnlich wie heutzutage die Medien mit dem „Fake-News“-Vorwurf kämpfen müssen. Die damaligen Medienschaffenden wehrten sich dem Text zufolge auf ihre Weise. 

    „Um 1500 entdeckt man, was noch im Blick auf die Pegida-, oder Chemnitz-Märsche wichtig sein wird: (…) Es reichen ein paar Bauern, die mit Mistgabeln und Wutfratzen gegen zu hohe Steuern demonstrieren, und schon ist von ‚gefährlichen Zusammenrottungen‘ die Rede. Lokal begrenzte Aufstände – nicht in Dresden – sondern im Thüringischen beziehungsweise Süddeutschen, werden entsprechend von beiden Seiten als Erhebungen hypostasiert (dargestellt, Anm. d. Red.), die die gesamte Ordnung infrage stellen.“

    „Fake News“: Damals und Heute

    Der Mainzer Johannes Gutenberg erfand um 1450 den Buchdruck. Diese Technik sollte das Verbreiten von Nachrichten, Büchern und Schriften revolutionieren. Selbst diese bahnbrechende Erfindung glaubt der „Zeit“-Beitrag in den heutigen Zeitkontext einbetten zu können:

    „Mit der Erfindung der Druckerpresse verbreitet sich das geschriebene Wort sehr viel schneller, Nachrichten – natürlich auch fake news – erreichen nie dagewesene Reichweiten. Und es ist kein Wunder, dass auch erst jetzt so intensiv vom ‚Volk‘ gesprochen werden kann. (…) Ja, erst jetzt erkennt man Kategorien, die das Leben in Bremen genauso beobachtbar machen wie das Leben in Würzburg. Dadurch fühlt man sich trotz aller räumlichen Distanz als eine Gemeinschaft der Protestierenden und Wütenden. (…) Aufgewühlte Bauern sind nun keine lokalen Phänomene mehr, sondern vernetzen sich über die neuen Medien zu mächtigen Großkollektiven. (…) Die Aufstände, Unruhen, Proteste machen das neue Konzept der Nation, über das die Humanisten in Basel, Ingolstadt oder Nürnberg so viel schreiben, überhaupt erst zu einem Erlebniszusammenhang. Erst durch solche Aufstände weiß ‚man‘, dass man nicht nur ‚Volk‘ ist, sondern dass man als ‚Volk‘ handeln und fühlen kann.“

    Wir sind das Volk: „Der König ist nur einer“

    Der Beitrag zitiert einen unbekannten Verfasser, der mit einem Traktat aus dem Jahr 1475 durchaus als historischer Vorläufer der „Occupy-Wall-Street-Bewegung“ verstanden werden kann. Zumindest werden Erinnerungen an deren Slogan „Wir sind die 99 Prozent“ wach. Oder auch an den berühmten Spruch „Wir sind das Volk“, den die DDR-Friedensbewegung um 1989 herum skandierte.

    „Der König ist nur einer, wir sind doch alle“, zitiert der Beitrag den anonymen Autor eines Traktats von 1475.

    Schließlich lehre dieser Vergleich – und so endet der Text – „dass man nicht sicher sein sollte, wie sich die politische Gegenwart entwickeln wird.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Fantasy, Mittelalter, Zeitreise, Partei Alternative für Deutschland (AfD), DDR, Deutschland