10:46 16 November 2018
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    Folgen der Reichskristallnacht in Berlin 1938

    „Als Nazi-Offiziere aus ihren Betten sprangen“: Historiker zur „Reichskristallnacht“

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    Alexander Boos
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    Am 9. November 1938 verübten die Nationalsozialisten ein Verbrechen, das bis heute als eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte gilt: Die „Reichskristallnacht“. „Die Novemberpogrome markierten den Beginn des Holocausts“, erklärte der renommierte Historiker Wolfang Benz im Sputnik-Interview. „Jüdisches Leben kam damals zum Erliegen.“

    „Die Reichskristallnacht ist der Beginn des Holocausts“, sagte Historiker Wolfgang Benz im Sputnik-Interview. „Am 9. November 1938 geht die Ausgrenzung mit juristischen und sozialen Mitteln über in Gewalt. Die Reichskristallnacht ist der Auftakt dazu, dass in den folgenden zwei, drei Monaten Juden aus den Positionen in der deutschen Wirtschaft verschwinden. Dass sie von allen Arbeitsplätzen verdrängt werden. Dass offizielles jüdisches Leben zum Erlöschen kommt. Alles weitere sind dann nur noch Stationen der Deportation und Ermordung.“

    Im Rahmen der „Reichskristallnacht“ wurden Anfang November 1938 deutschlandweit etwa 400 jüdische Menschen von organisierten NSDAP-Mitgliedern, Mitgliedern der SA, aber auch von Leuten aus der Bevölkerung ermordet – oder in den Suizid getrieben. Über 1.400 Synagogen, jüdische Gotteshäuser und sonstige Versammlungsräume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Ab dem 10. November inhaftierten die damals herrschenden Nazis ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern (KZ). Die Pogrome markierten den Übergang von der allgemeinen Diskriminierung der Juden in Deutschland seit 1933 hin zur systematischen Verfolgung. Diese gipfelte ab etwa 1941 im Holocaust.

    „Rassenideologie: Völliger Humbug“

    Die Reichspogromnacht oder die „Novemberpogrome“ – so nennen Historiker heutzutage das damalige Verbrechen – waren vom nationalsozialistischen Regime (NS-Regime) in Deutschland organisierte und gelenkte Aufstände gegen Juden im gesamten Deutschen Reich. Dabei starben mehrere hundert Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Tausende Wohnungen, Geschäfte, Synagogen und Friedhöfe wurden dabei geplündert, verwüstet oder zerstört. Historiker weisen immer wieder daraufhin, dass die NS-Führung damals „rassenideologische und wirtschaftliche Gründe“ angab, um die staatlich gesteuerten Ausschreitungen zu legitimieren.

    „Die Rassenideologie war natürlich vollkommener Humbug“, stellte Historiker Benz fest. „Wir wissen heute, dass es gar keine Rassen in der Menschheit gibt. Das war reine Ideologie und Propaganda, die darauf gesattelt hat, dass Juden seit 2.000 Jahren ausgegrenzt waren. Das hat nichts mit einem angeblichen riesigen Reichtum der Juden zu tun. Sondern das ist der reine Hass gegen eine Minderheit.“

    Undurchsichtiges Attentat als Anlass

    „Es begann damit, dass im Oktober 1938 Juden, vor allem jüdische Staatsbürger mit einem polnischen Pass, von der Republik Polen ausgebürgert worden. Die Regierung in Warschau beschloss, dass polnische Staatsbürger, die seit mindestens fünf Jahren nicht mehr in ihrem Heimatland waren, ihre Staatsangehörigkeit verlieren. Der nationalsozialistischen Regierung kam das gelegen, sie deportierte 17.000 deutsche Juden polnischer Nationalität an die polnische Grenze.“ Damit habe die NS-Regierung Warschau dazu drängen wollen, diese Menschen noch vor Inkraftsetzung der polnischen Bestimmung ins Land aufzunehmen.

    Dann berichtete der Geschichtsforscher von dem Attentat, den die Nazis als Vorwand für die Reichskristallnacht nutzten. Am 3. November 1938 erfuhr der in Paris lebende siebzehnjährige polnische Jude Herschel Grynszpan, dass seine ganze Familie vertrieben worden war. Er erschoss daraufhin am 7. November in der Deutschen Botschaft den NSDAP-Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath. Die Tatumstände liegen bis heute im Unklaren. Dennoch nahm das NS-Regime den Vorfall damals zum Anlass, um die Reichspogrome durchzuführen.

    Aufruf zum Mord durch Goebbels

    NS-Propagandaminister Joseph Goebbels sprach in diesem Zusammenhang vom „Weltjudentum“, das den Mord angeblich in Auftrag gegeben hatte. „Er hält eine Rede in München, die so verstanden wird, dass jetzt Juden Gewalt angetan werden muss“, so Benz. „Die Nazi-Funktionäre springen aus den Betten, und in dieser Nacht beginnt der Pogrom, der auch den folgenden Tag über noch anhält. Jüdische Wohnungen werden gestürmt. Es wird in jüdischen Geschäften geplündert. Und vor allem: Die Synagogen gehen in Flammen auf.“

    „Mahnendes Beispiel bis heute“

    „Am 9. November 2018 würdigt Staatsministerin Monika Grütters (CDU) bei der Verleihung des ‚Preises der Deutschen Gesellschaft für Verdienste um die deutsche und europäische Verständigung‘ drei Überlebende des Holocaust für ihr Engagement und ihren unermüdlichen Einsatz bei der Aufklärung über die menschenverachtende Diktatur des Nationalsozialismus und deren Folgen“, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung, die der Redaktion vorliegt. „Mit dem Preis werden in diesem Jahr die Überlebenden und Zeitzeugen des Holocaust Esther Bejarano, Margot Friedländer und Walter Frankenstein ausgezeichnet.“

    Das historische Ereignis von damals sei bis heute ein mahnendes Beispiel für den deutschen Staat, betonte Benz. „Als Historiker sehe ich den derzeitigen politischen Zustand mit den beiden schwächelnden Volksparteien und der immer stärker werdenden AfD als ziemlich kritisch an.“ Er nahm letztlich den „einzelnen Bürger“ in die Pflicht. Jeder müsse sich heutzutage klar für Humanität, Menschenrechte und Demokratie sowie gegen Rassismus und Antisemitismus positionieren.

    Der renommierte deutsche Historiker (Jahrgang 1941) ist Experte für Zeitgeschichte und international anerkannter Wissenschaftler in den Forschungsbereichen Nationalsozialismus, Antisemitismus und Antiislamismus. Er lehrte von 1990 bis 2011 an der Technischen Universität (TU) Berlin.

    Erst vor wenigen Tagen erläuterte der „international anerkannte Experte der Vorurteils- und Antisemitismusforschung sowie des Nationalsozialismus“ in einem Vortrag im Geschichtsmuseum in Erfurt, einem „Erinnerungsort für das KZ Auschwitz“, das historische Geschehen. Die Veranstaltung wurde von der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen und der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen organisiert.

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Benz zum Nachhören:

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    Tags:
    Verfolgung, Synagoge, Juden, Nationalsozialismus (Nazismus), Holocaust, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), NSDAP, SS, Adolf Hitler, Drittes Reich, Deutschland