04:16 17 November 2018
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    Berlin nach der Reichspogromnacht (Archiv)

    Der Westen blieb blind: Die letzten Augenzeugen der „Kristallnacht“ – EXKLUSIV

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    Politik
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    Anton Skripunow, Igor Gaschkow
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    Es ist genau 80 Jahre her, seit Deutschland von Judenpogromen erfasst wurde. Die so genannte „Kristallnacht“, mit der im Grunde der Holocaust begann, ereignete sich auch auf dem Territorium des heutigen Russlands. Korrespondenten von RIA Novosti haben mit den letzten Augenzeugen der Pogrome in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, gesprochen.

    Die Journalisten versuchten zu analysieren, warum diese Tragödie in Europa und Amerika ignoriert wurde.

    „Waisen wurden auf die Straße getrieben“

    Der 90-jährige Michael Wick erinnert sich an die damaligen Ereignisse sehr gut. Allerdings erzählte er nur ungern darüber. Aufgebrachte Menschen rannten durch enge Straßen, zerschlugen Schaufenster von Geschäften und drangen in die Wohnhäuser der Juden ein. Es lagen überall Glasscherben herum – gerade deshalb nannten die Nazis diese Nacht die „Kristallnacht“.                                                                             

    Michael Wick, einer der drei letzten Augenzeugen der Tragödie in Königsberg: „Eines Morgens waren meine Eltern sehr aufgeregt und voller Sorgen. Sie verboten mir, an diesem Tag zur Schule zu gehen, und erzählten, dass die Synagoge – damit auch unsere Schule – zerstört und ausgebrannt sei. Die Kinder aus dem dicht daneben stehenden Waisenhaus hätte man nachts in ihren Schlafanzügen auf die Straße gejagt. Herr Wollheim – Hilfskantor und Leiter des Waisenhauses – wurde schlimm geschlagen, und man wollte ihn in den auf der anderen Straßenseite fließenden Pregel werfen.“

    Als der Junge davon erfuhr, wollte er wissen, wie es seinen Schulkameraden ging. Doch die Eltern haben ihm verboten, auf die Straße zu gehen. Als er das endlich durfte, lief er sofort zur Synagoge, die als eine der größten und schönsten in ganz Europa galt.

    „Ich war ganz benommen und wollte unbedingt Kontakt mit meinen Schulfreunden aufnehmen. Als ich Lehrerin Wolff traf, erzählte sie mir, dass man alle Thorarollen auf der Straße verhöhnt und zerrissen habe“, sagte Wick weiter.

    Die Synagoge habe mehr als 24 Stunden gebrannt. Einige Zeit später seien ihre Trümmer weggeräumt und an dieser Stelle Baracken gebaut worden, in denen Juden aus Polen untergebracht worden seien, die zur Zwangsarbeit nach Königsberg gebracht worden seien, erinnerte sich Nehama Drober, die 1927 in Königsberg geboren wurde.

    „Ich besuchte die Schule neben der Synagoge. Nach den Pogromen  wurde sie, wie auch das nebenan liegende Waisenheim, von der Gestapo eingenommen“, erzählte die 91-Jährige.

    Gemeinsam mit ihren Schwestern half Nehama den Gefangenen: „Wir lebten ganz in der Nähe, auf der anderen Seite der Mauer, hinter der die Baracken standen. Wir sahen alles mit unseren Augen und warfen ihnen heimlich etwas zu essen zu.“

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    Marsch der „Trachtengruppen“

    „Einen Tag nach den Pogromen wurde mein Vater verhaftet, wie auch alle jüdischen Männer. Sie wurden im Keller des Gestapo-Hauses gehalten. Meine Mutter ging dorthin, um ihre Freilassung zu verlangen. Mein Vater wurde drei Wochen später freigelassen, die anderen etwas später“, so Nehama Drober.

    In Königsberg waren Menschen auch vor der „Kristallnacht“ verhaftet worden. Wie Michael Wick sagte, war das eine Art Probe für die Progrome. Die Nazis hätten nur einen Vorwand für die völlige Verfolgung der jüdischen Bevölkerung gebraucht.

    Und diesen haben sie auch gefunden: Am 7. November 1938 hat der deutsche Jude Herschel Grynspan fünf Mal auf den Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Frankreich, Ernst von Rath, geschossen. Dieser erhielt  leichte Verletzungen, aber auf Hitlers Anweisung wurde dem Diplomaten Blut einer falschen Gruppe übertragen, weshalb er gestorben ist. Sein Tod wurde zum Anlass für eine landesweite „Bestrafungsaktion“ gegen Juden. „Die Behörden behaupteten, sie hätten damit nichts zu tun gehabt, und dies wäre ein Ausbruch des Volkszorns gewesen“, sagte Michael Wick.

    Propagandaminister Joseph Goebbels hatte vor der „Kristallnacht“ beteuert, die NSDAP würde sich nicht erniedrigen und antijüdische Aktionen organisieren. Aber falls die Volksmassen ihren Zorn gegen die Feinde des Reiches richten würden, würden sich die Reichspolizei und die Armee nicht einmischen, warnte er.

    Doch Goebbels hatte gelogen. Später fanden Historiker heraus, dass die Pogrome von SS- und SA-Leuten in Zivilkleidung verübt worden waren. Der Angriff wurde im Voraus geplant. Aus Synagogen, die angegriffen werden sollten, hatten die Behörden alle wichtigen Dokumente vorher weggebracht: Für die Regelung der „Judenfrage“ brauchten die Nazis  vollständige Listen der Juden.

    Während SA- und SS-Schergen Synagogen und Judenhäuser zerstörten und wehrlose Menschen töteten, achtete die Reichspolizei nur auf das Eine: „Nur keine Brände zulassen!“ Und erst nachdem eine der größten Synagogen in Berlin in Flammen aufgegangen war, begannen die Behörden mit der Unterbindung der Unruhen: Sie hatten nämlich Angst, dass auch nebenan stehende Häuser vom Feuer erfasst werden könnten.

    Goebbels beteuerte immer wieder, dass die Behörden mit den Pogromen nichts zu tun gehabt hätten, doch man musste sehr naiv sein, um daran zu glauben, wie der russische Historiker und Publizist Armen Gasparjan sagt. „NSDAP-Mitglieder hatten von Anfang an keine Zweifel, dass sich Hitler mit der ‚Judenfrage‘ früher oder später befassen würde. Nur der Teil der deutschen Gesellschaft hatte gewisse Zweifel, der hoffte, dass der Führer über Deklarationen nicht hinausgehen würde. Doch diese Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung“, so der Historiker.

    Der Westen blieb „blind“

    Viele westliche Länder ließen sich sehr lange von der Propaganda der Nazis täuschen. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, zeigte sich der Kovorsitzende der Stiftung „Holocaust“ Ilja Altman, Professor der Russischen humanitären Universität, überzeugt. „Die deutsche Propaganda tat alles, um den Antisemitismus der Nazis zu vertuschen. Touristen aus aller Welt sahen, dass Juden dort beten durften, dass sie nicht verfolgt wurden. Diese propagandistische Aktion war sehr erfolgreich. Deshalb war niemand auf die ‚Kristallnacht‘ gefasst, auch die Opfer selbst nicht“, betonte er.

    Die Welt reagierte auf die Judenpogrome eher zurückhaltend: Die meisten westlichen Länder äußerten nur diplomatischen Protest. In den USA und in Großbritannien glaubten viele der Version der Nazis, die Pogrome am 9. und 10. November wären nichts als „Volkszorn“, den die Behörden nicht eindämmen konnten.

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    Nur in der Sowjetunion wurde dieses antisemitische Verbrechen wirklich verurteilt. Einige Monate vor dieser Tragödie hatte Moskau versucht, die Überlassung eines Teils der Tschechoslowakei an Deutschland durch das Münchner Abkommen (zwischen Deutschland, Großbritannien und Frankreich) zu verhindern.

    Über die Pogrome wurde in sowjetischen Zeitungen berichtet. In Moskau und Leningrad fanden Protestaktionen statt, die von der Kommunistischen Partei organisiert wurden. Durch die Unterstützung der Juden etablierte sich die Sowjetunion als „Hochburg des Antifaschismus“. Dieses Image hatte das Land schon seit dem Bürgerkrieg in Spanien.

    „Die Sowjetunion nahm damals Flüchtlinge aus Deutschland auf. Führende jüdische Intellektuelle betrachteten die UdSSR als eines der Länder, wohin sie aus Deutschland flüchten könnten, wo sie nicht mehr bleiben konnten. So emigrierte der frühere Schachweltmeister Emanuel Lasker in die Sowjetunion“, erzählte das Mitglied des Koordinierungsrates des Weltkongresses der russischen Juden Boruch Gorin. „Die positive Einstellung der Sowjetunion fand ein entsprechendes Echo in jüdischen  bzw. von Juden kontrollierten Medien im Ausland.“

    Warnschreie

    Erst zwei Tage später, am 11. November 1938, verfügte Hitler, die Pogrome zu stoppen. Bis dahin wurden aber 1400 Synagogen und 7000 Geschäfte, die Juden gehörten, ausgebrannt und mehrere Dutzende Friedhöfe geschändet. Im Laufe der zwei Tage kamen mehr als 90 Menschen ums Leben, und die  Liste der Opfer wurde immer länger, denn manche Menschen starben später an ihren Verletzungen oder haben Selbstmord begangen. Zudem wurden die Juden verpflichtet, Deutschland für den Schaden nach dem Mord an von Rath „abzufinden“, und zwar in Höhe einer Milliarde Reichsmark.

    Aber das war nicht das wichtigste Ergebnis der „Kristallnacht“:

    „Nach den Pogromen zerstreuten sich alle Illusionen. Was man bis dahin eher als Ausnahme betrachtet hatte, wurde plötzlich zur Norm. Vor 1938 hatte es Juden gegeben, die Hitlers Antisemitismus falsch deuteten. Sie dachten beispielsweise, er wäre nur gegen osteuropäische Juden gerichtet, so dass sie ein Auge zudrücken könnten. Nach der ‚Kristallnacht‘ gab es solche Fantasien nicht mehr“, so Boruch Gorin.

    Die Juden in Deutschland begriffen endlich die ganze Gefahr, in der sie ab jetzt schwebten, und bemühten sich um die Flucht. Binnen nur weniger Monate haben insgesamt 115 00 Juden das Dritte Reich verlassen. Aber im Ausland waren sie unerwünscht: In Westeuropa und in den USA wurde die Aufnahme von Juden sehr beschränkt oder sogar untersagt.

    Außerdem hatten die Immigranten kein Geld. Laut den von den Nazis verabschiedeten Gesetzen durfte man bei der Ausreise aus Deutschland nur eine sehr geringe Summe mitnehmen.  Deshalb mussten die Juden im Ausland in Elend leben.

    Aber Michael Wicks Familie blieb in Deutschland. „Jeder bemühte sich um Auswanderung, aber eben in vielen Fällen erfolglos. Ich glaube, erst die zerstörten Gotteshäuser der Juden hatten viele im In- und Ausland hellhörig werden lassen. Vor allen diejenigen, die bis dahin geglaubt hatten, dass in einem Kulturstaat wie Deutschland das Schlimmste schon nicht passieren würde. Brennende Synagogen als Warnschreie!“

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    Tags:
    Tragödie, Juden, Verfolgung, Nazi-Deutschland, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Russland, Deutschland