11:07 11 Dezember 2018
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    Ein russischer Militärfriedhof nahe der Frontlinie im September 1916

    Der vergessene Krieg in der Erinnerungskultur Deutschlands und Russlands

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    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Der Erste Weltkrieg ist in Deutschland durch den Schrecken des Zweiten Weltkrieges überlagert. In Russland wurde er von der Oktoberrevolution und dem darauffolgenden Bürgerkrieg in den Hintergrund gedrängt. Das stellten russische und deutsche Historiker beim traditionellen Kamingespräch in der Residenz des deutschen Botschafters in Moskau fest.

    Bei der Eröffnung der Diskussionsrunde anlässlich des 100. Jahrestages des Endes des Ersten Weltkrieges gab Botschafter Rüdiger von Fritsch zu bedenken:

    „Der 11. November 1918 wird in Belgien, Frankreich und Großbritannien in großer Tradition begangen, anders als in Deutschland. Zwar sind uns die Erinnerungsstätten an Soldaten des Krieges in unseren Städten geblieben, aber es gibt keine populäre Kultur, die noch gedenkt.,In Flanders Fields‘ ist heute in Großbritannien noch ein bekanntes Lied.,Der Tod in Flandern‘ wird in Deutschland, glaube ich, längst von niemand mehr gesungen.“

    Rüdiger von Fritsch, Botschafter Deutschlands in Moskau
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    Rüdiger von Fritsch, Botschafter Deutschlands in Moskau

    Die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg, fuhr Fritsch fort, sei heute nur von zwei Fragen bestimmt: „Wie konnte es dazu kommen und welche Konsequenzen hat er gehabt? Das Geschehen selber nicht so. Es ist jedoch in Deutschland präsent gewesen, denn der Krieg hat Deutschland erreicht, was oft vergessen wird, im äußersten Osten, in Ostpreußen, wo es zur großen Schlacht bei Tannenberg zwischen der russischen und deutschen Armee kam. Im südlichen Teil der Masuren findet man in den Wäldern immer noch Gedenkstätten: 'Hier liegen 17 russische Krieger‘ neben den deutschen Gedenkstätten.“

    Welche Erinnerung gibt es in Russland?

    Der Leiter des Instituts für russische Geschichte der Akademie der Wissenschaften, Juri Petrow, stellte fest: „Den Sinn des Ersten Weltkrieges sahen die sowjetischen Historiker darin, dass er die sozialistische Oktoberrevolution beschleunigt hat. Er selbst wurde aber durch die nachfolgenden Ereignisse aus der Erinnerung des Volks verdrängt. In der postsowjetischen Zeit wurde der vergessene Krieg von Interesse, auch im Zusammenhang mit dem hundertjährigen Jubiläum der Revolution. Russland und Deutschland hatten zwar gegeneinander gekämpft, waren aber schlussendlich die Verlierer jenes Krieges. Auch hat er in beiden Ländern eine Revolution ausgelöst.“

    Der Historiker teilte mit, dass in Russland eine riesige Kartei mit Verlusten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges erhalten geblieben ist. Darin sind Gefallene, Verwundete, Vermisste und Kriegsgefangene erfasst. Diese Kartei enthält gut zehn Millionen Karten. Gegenwärtig führt die Behörde Rosarchiv eine Digitalisierung dieser Karten durch, und die Kartei wird bald im Netz zugänglich sein. „Das ist sehr wichtig für unser Selbstverständnis“, so Petrow. „Jede Karte widerspiegelt den Lebensweg aller Armeeangehörigen. Dies ermöglicht uns, die Kriegsgeschichte aus der Perspektive jeder Familie zu betrachten.“

    Keiner hat es gewollt, aber auch keiner hat es verhindert

    Kristiane Janeke von Tradicia History Service in Berlin lenkte die Aufmerksamkeit auf die „Musealisierung“ des Krieges, die sofort Propagandazwecken diente. „Man hat Waffen und Gegenstände aus dem Krieg in Zeughäusern gesammelt und Militärmuseen ausgestellt. Militärhistorische Ausstellungen waren sehr gut besucht, was ein Merkmal von Propaganda ist. Das hatte nicht viel mit den historischen Fakten zu tun, sondern mit der Rechtfertigung des Krieges. Man ließ ihn als Verteidigungskrieg darstellen und sich über diese Ausstellung sozusagen legitimieren, warum so viele Menschen in diesem Krieg kämpfen mussten.“

    Janeke urteilte weiter:

    „Man konnte sich in den Zwanziger Jahren in Deutschland gar nicht einigen, wie man sich an diesen Krieg nun erinnern soll. Es war umstritten, ob man der Soldaten in Trauer gedenken oder sie als Helden ehren soll. Diese umstrittene Frage war auch mit dem als Schandfrieden verstandenen Versailler Vertrag verbunden. Das führte dazu, dass man nicht wie in anderen europäischen Ländern eine nationale Gedenkstätte und ein zentrales Museum errichten konnte.“

    Interessant fand sie auch, dass „trotz dieser umstrittenen Erinnerung in Deutschland so gut wie in jeder Gemeinde sich ein kleiner Gedenkstein sofort nach dem Krieg fand, auf dem namentlich die Soldaten dieses Dorfes oder Ortes genannt worden sind. Eine individuelle Erinnerung hat es sehr wohl gegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man diese Gedenksteine oft um die Namen der gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges ergänzt.“

    Kristiane Janeke und Nikita Sokolow
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    Kristiane Janeke und Nikita Sokolow

    Zwar sei das eine schöne persönliche Geste dieses Ortes, so Janeke, aber aus erinnerungskultureller Sicht sei es gar nicht unumstritten. „Denn das war gar nicht vorgesehen und nicht in eine kritische Analyse der Kriegsursachen jeweils des Ersten und des Zweiten Weltkrieges eingebettet. Auch die Unterschiede sind nicht reflektiert worden, einfach diese Fragen der Kontinuität vom Ersten Weltkrieg über den Aufstieg des Nationalsozialismus zum Zweiten Weltkrieg, die für uns heute in der Geschichtswissenschaft unstrittig hinterfragt werden.“

    Dr. Janeke merkte außerdem an, dass „sich viele Menschen heute wieder für den Ersten Weltkrieg interessieren, mit der Sorge um die internationale Politik und mit dem Stichwort,Die Schlafwandler‘ sowie der Diskussion um Christopher Clark. Viele Menschen fragen einfach: Schlittern wir wieder in so eine Katastrophe hinein? Keiner hat es gewollt, aber auch keiner hat es verhindert. Es gibt ja Parallelen zwischen dem Ersten Weltkrieg und unserer heutigen Zeit.“

    Die Historikerin sagte jedoch: „Geschichte wiederholt sich nie, aber nichtsdestotrotz können wir aus ihr lernen, sollen wir sie anschauen, und das Wichtigste ist natürlich, dass wir darüber sprechen. Und das tun wir in einem europäischen und multinationalen Kontext.“

    In Russland habe sich dagegen keine Gemeinschaft der Teilnehmer des Ersten Weltkrieges herausgebildet, führte Nikita Sokolow, Vize-Direktor des Jelzin-Zentrums in Jekaterinburg aus: „Es war aus dem einfachen Grunde unmöglich, dass sie sich noch vor Kriegsende in zwei gegnerische Lager gespalten hatten, die einander bekämpften. Selbst die Offiziere der russischen Armee verteilten sich fast gleichmäßig auf die Rote und die Weiße Armee.“

    Unter diesen Bedingungen konnte, so die Einschätzung des Vize-Direktors, keine Gemeinschaft der Frontkämpfer entstehen, welche neben den Historikern die öffentliche Erinnerung an die kritisch wichtigen Ereignisse mitgeprägt hätte. „In Russland besteht eine Riesenkluft zwischen der Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die russische Geschichte und der Art, wie die Geschichte dieses Krieges in das konventionelle Narrativ der russischen Geschichte eingebunden ist.“

    Wem gehört Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Russland?

    Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg gehöre keinem, räumte der Experte ein.

    „Deshalb wird sie von jedermann aufgegriffen, der sie sich zunutze machen möchte. Einige Politiker meinen schon, Russland hätte den Ersten Weltkrieg nicht verloren, sondern die Bolschewiki wären ihm in den Rücken gefallen und hätten es gezwungen, aus dem Krieg auszusteigen. Es kommen fantastische Ideen auf, Russland hätte die Möglichkeit gehabt, überhaupt nicht in den Krieg einzutreten.“

    Sokolow wies darauf hin, dass das, was in Europa die verlorene Generation genannt wird, in Russland ausgeblieben sei. „Folglich hat diese in Russland nicht ihr Wort mitgeredet. Dabei ist doch gerade anhand der Reflexion dieser verlorenen Generation und der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, eines totalen und des ersten unmenschlichen Krieges, klargeworden, dass es sich dabei um keine lineare Entwicklung handelt, und dass die Menschheit viel schwierigere Probleme zu bewältigen haben wird, als sie den Historikern und Philosophen des 19. Jahrhunderts vorgeschwebt hatten.“

    Die während der russischen Offensive in Polen 1915 gefallenen deutschen Soldaten
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    Die während der russischen Offensive in Polen 1915 gefallenen deutschen Soldaten

    Das moderne Europa habe der Reflexion dieser verlorenen Generation, die über diese Probleme nach dem Ersten Weltkrieg nachgedacht habe, aber viel zu verdanken, ist sich der Historiker sicher. „In Russland gab es aber nichts in der Art, nichts, was auch nur den Romanen von Remarque ähnlich wäre. So steht der russischen Gesellschaft noch viel Arbeit bevor, um diese Lücke in der historischen Erinnerung zu schließen.“

    Postkarten als Zeitzeugen

    Das Verlagshaus Krepostnow hat das einmalige vierbändige Druckwerk „Der Erste Weltkrieg auf Postkarten“ herausgebracht. Arsen Melitonjan, Vorsitzender des Russischen Postkartenverbandes, präsentierte die Publikation mit den Worten:

    „Sie lassen sich als Visitenkarten der Zeit, aber auch als Zeugen jener Epoche bezeichnen. Während des Ersten Weltkrieges waren sie nicht nur zur gängigen Kommunikationsform, sondern auch zum kräftigen Propagandamittel geworden.“

    Aus den Fotos und Texten auf den Postkarten konnte man sich damals und kann man sich heute, so Melitonjan, über einzelne Ereignisse des globalen Konflikts informieren und seine Entstehung, Entwicklung und seinen Ausgang Tag für Tag mitverfolgen. „Die Postkarten enthalten Bilder von Kämpfen, Siegen und Niederlagen, vom Alltag der Soldaten und ihrer Beute, aber auch von den Tragödien der Bevölkerung. Dadurch sind sie zu historischen Dokumenten geworden.“

    • Bilder und Postkarten aus den Zeiten des Ersten Weltkrieges
      Bilder und Postkarten aus den Zeiten des Ersten Weltkrieges
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    Bilder und Postkarten aus den Zeiten des Ersten Weltkrieges

    Aber ein Thema wurde von allen Kriegsparteien auf die gleiche Art beleuchtet, betonte der Forscher, nämlich das Thema der Barmherzigkeit. „Es wurden Tausende von Postkarten herausgegeben mit Motiven rund um die Pflege und Versorgung der Verwundeten, mit Szenen ihrer Behandlung in Lazaretten und einer ehrenvollen Bestattung der Gefallenen. Das besondere Merkmal einer ganzen Reihe von Motiven war die barmherzige Behandlung der Feinde, die auf dem Schlachtfeld verwundet oder gefangengenommen worden waren.“

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    Tags:
    Erinnerungen, Geschichte, Erster Weltkrieg, Oktoberrevolution, Deutschland, Russland