17:34 14 Dezember 2018
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    Demonstration gegen sowjetische Invasion in Prag 1968 (Archivbild)

    „Das war der Hammer, so hart zuzuschlagen“ – Die DDR und der „Prager Frühling“ 1968

    © AP Photo / Peter Winterbach
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    Tilo Gräser
    50 Jahre "Prager Frühling" – Rückblicke und Meinungen (9)
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    DDR-Bürger haben umfangreicher als bisher bekannt gegen den Einmarsch von Truppen aus Ländern des Warschauer Vertrages am 21. August 1968 in die ČSSR protestiert. Das zeigt ein Buch über geheime Berichte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) an die Führung der SED. Es zeigt auch, wie hart die Staatsmacht mit den Protestierenden umging.

    Reinhard Grützke landete als 18jähriger im Gefängnis, weil er im August 1968 auf dem Bahnhof Oderberg-Bralitz mit Kreide einen Waggon eines Güterzuges mit Parolen wie „Es lebe Dubcek“ versah. Er wurde vom MfS verhört – dass sein Vater, den er nicht kannte, unter den Verhörenden gewesen sein könnte, erfuhr Grützke erst im Dezember 1989. Damals löste er gemeinsam mit anderen ein MfS-Objekt im brandenburgischen Oderbruch auf. Da habe ihm jemand erzählt, dass der Leiter der Kreisdienststelle Fürstenwalde des MfS so heißt wie er. Der junge Eisenbahntechniker, der an die Idee des Sozialismus geglaubt hatte, wurde zu zwei Jahren verurteilt, aber kurz vor Weihnachten 1968 auf Bewährung entlassen.

    • Ein MfS-Mann versucht 1968 herauszufinden, wie Grützke den Waggon beschrieb
      Ein MfS-Mann versucht 1968 herauszufinden, wie Grützke den Waggon beschrieb
      © Foto : BStU
    • Der Waggon mit Grützkes Parolen
      Der Waggon mit Grützkes Parolen
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    © Foto : BStU
    Ein MfS-Mann versucht 1968 herauszufinden, wie Grützke den Waggon beschrieb

    Die Untersuchungshaft, isoliert von anderen, sei am härtesten gewesen. Was der heute 68jährige am Dienstag in der ehemaligen MfS-Zentrale in Berlin berichtete, gehört zu den heute absurd klingenden Geschichten aus der DDR. Als der „Prager Frühling“ 1968 zerschlagen wurde, ging die DDR-Staats- und Parteimacht rücksichtslos gegen alle vor, die öffentlich Sympathien mit den Versuchen in der ČSSR bekundeten, den Sozialismus zu reformieren.

    Zahlreiche Verfahren

    „Die Widerstände, die vielfältigen, manchmal heimlich und anonym, manchmal offen, aber immer aufrecht vorgetragenen Proteste überzogen das gesamte Land.“ Das schreibt der Historiker Bernd Florath in Band 10 der Reihe „Die DDR im Blick der Stasi – Die geheimen Berichte an die SED-Führung“, der dem Jahr 1968 gewidmet ist und am Dienstag vorgestellt wurde. Florath arbeitet in der Forschungsstelle der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), Roland Jahn, die auch die Buchreihe herausgibt und die zugrundeliegenden MfS-Dokumente online veröffentlicht.

    Laut Florath beschränkten sich die Proteste nicht nur „auf eine kleine Gruppe von Kindern der Nomenklatura“, auf die sich bis heute die mediale Aufmerksamkeit bei dem Thema konzentriere. Auch Angehörige der Nationalen Volkarmee (NVA) hätten sich gegen den Einmarsch in das „Bruderland“ gewandt, ebenso vor allem Jugendliche wie Schüler und Lehrlinge. Viele hätten sich von der Idee aus der ČSSR eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ angezogen gefühlt. „Bis Ende Oktober 1968 wurden mehr als tausend Personen verurteilt, drei Viertel von ihnen war unter 30 Jahren, 84,2 Prozent waren Arbeiter, 8,5 Prozent Schüler und Studierende.“ Noch bis 1971 sei wegen der Proteste gegen Personen ermittelt worden.

    Das MfS habe damals an die SED-Spitze mehr als 2000 Aktionen des Protestes gegen den Einmarsch gemeldet, berichtete der Historiker bei der Buchvorstellung auf die Frage von Moderator Alfred Eichhorn. Dazu gehörten die handgeschriebenen Zettel, die die damals 20jährige Liedermacherin Bettina Wegner verteilte, als sie von dem Einmarsch hörte. „Es lebe das rote Prag!“ war unter anderem darauf zu lesen, oder: „Deutsche raus aus Prag!“ Es seien Parolen gewesen, für die andere bereits verhaftet wurden, berichtete die Sängerin.

    Realsozialistischer Irrsinn

    Sie wohnte damals mit ihrem neugeborenen Sohn bei ihren Eltern in Ost-Berlin. Am nächsten Tag habe eine Staatsanwältin in Begleitung dreier MfS-Männer vor der Tür gestanden und sie verhaftet, erinnerte sich die Sängerin. Sie habe noch zu ihrer Mutter gesagt: „Ich habe nichts Schlimmes gemacht.“ Dessen sei sie sich ganz sicher gewesen.

    „Für mich war es einfach der Irrsinn: Ich bin kommunistisch erzogen worden und bis zur Lehre habe ich das alles auch wirklich angenommen und geglaubt, sowohl den Eltern – die wunderbare Menschen waren und nie gelogen haben und selber an das geglaubt haben – als auch den Lehrern und der Schule und den Plakaten und den Büchern.“

    In der Lehre habe sie dann in einer Bibliothek den Unterschied zur Realität kennengelernt und die Beschäftigten auf die „doofe DDR“ schimpfen hören. „Da hab ich gedacht, da kann sie ja nicht so gut sein, wenn die das alle sagen.“ Trotzdem sei für sie die DDR immer noch ein sozialistischer Staat gewesen. „Ich dachte, ein sozialistischer Staat hat nicht das Recht, in einen anderen sozialistischen Staat einzufallen und diesen zu überfallen.“

    Tiefgehender Schock

    Der sozialistische Staat ließ sie dann wegen ein paar handgeschriebener Zettel seine Macht spüren, in dem sie ihrem Sohn weggenommen wurde, den sie noch stillte. Das Schlimmste sei gewesen, dass sie nicht wusste, was mit ihrem Sohn wird, auch wenn er bei ihren Eltern gut aufgehoben war, sagte die Liedermacherin. Sie habe allein in der Zelle sitzend befürchtet, „sie nehmen vielleicht das Baby weg“, gab sie ihre damaligen Ängste wieder.

    v.l.: A. Eichhorn, Dr. B. Florath, T. Krahl, B. Wegner, R. Grützke
    © Sputnik / Tilo Gräser
    v.l.: A. Eichhorn, Dr. B. Florath, T. Krahl, B. Wegner, R. Grützke

    Sieben Tage sei sie verhaftet gewesen – ohne zu wissen, wie lange das dauert. Wegner erzählte, sie habe gewusst, wie hoch die Strafe für die „staatsfeindliche Hetze“ in der DDR sein konnte, von einem bis zu vier Jahren. Die Einsamkeit in der Zelle sei ein Schock gewesen, so dass sie sich selbst darüber „ganz doll gefreut“ habe, wenn der Vernehmer kam – weil sie so Kontakt mit einem Menschen hatte.

    Das Erlebnis saß so tief, dass die Liedermacherin, die einst an den Sozialismus glaubte, diesen in Liedern und Auftritten kritisiert. Das brachte ihr das Berufsverbot als Sängerin ein, vor einer erneuten Verhaftung nutzte sie die Möglichkeit, 1983 nach West-Berlin auszureisen.

    Unglaublicher Zufall

    Der Musiker und Sänger Toni Krahl blieb nach seiner Freilassung 1968 in der DDR und wurde später mit der Band „City“ berühmt, mit der er noch heute auftritt – und wollte nie weg, wie er gegenüber Sputnik eingestand. Er beschrieb bei der Buchvorstellung, wie es kam, dass er als 18jähriger im September 1968 verhaftet wurde. Der Grund: Krahl wollte mit Freunden vor der sowjetischen Botschaft Unter den Linden gegen den Einmarsch in die ČSSR demonstrieren.

    Dazu kam es gar nicht, denn vor der Botschaft seien sie schon erwartet worden, berichtete Krahl. Er las die entsprechende Passage aus seiner Biographie „Toni Krahls Rocklegenden“ vor, das vor zwei Jahren erschien: „Was da genau vonstatten ging, bekam ich nicht mit, denn wir sind sofort abgehauen, sind einfach losgerannt. Pfeifer und ich liefen in Richtung Friedrichstrasse, Alex und die hinter uns her. Aber nicht die in Uniform, sondern die in den Anoraks.“

    Die Flucht sei eigentlich gelungen – auch weil zufällig sein Vater in einem Trabant vorbeigekommen sei und ihn und seinen Freund im Auto mitgenommen habe. Ob es tatsächlich ein Zufall war, weiß Krahl bis heute nicht, wie er sagte. Sein Vater lebt nicht mehr – und war ebenfalls Kommunist. Er saß unter den Nazis selber im Gefängnis, im Zuchthaus Brandenburg, mit Erich Honecker und Robert Havemann. 1968 war Franz Krahl Redakteur bei der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ (ND). Er konnte seinen Sohn, der sich als Sozialist verstand und seine Vernehmer vom MfS noch agitieren wollte, nicht vor der Verhaftung Wochen später schützen, auch nicht vor der Verurteilung.

    Späte Konsequenzen

    Immerhin sei wahrscheinlich wegen seines Vaters der eigene Prozess von dem seiner Freunde abgekoppelt worden, berichtete der Musiker. Er sei nach 100 Tagen trotz des hohen Urteils wieder auf Bewährung entlassen worden. Er selbst habe sich danach mit der Situation arrangiert – „ich habe ein sonniges Gemüt“, erklärte er dazu im Interview. Seine Konsequenz sei gewesen, sich auf die Musik zu konzentrieren und sich nicht mehr politisch zu betätigen oder öffentlich zu äußern.

    „Ich wusste, die Genossen verstehen keinen Spaß und machen aus einer Mücke einen Elefanten. Das was wir gemacht haben, davon ging die DDR nicht unter und der Sozialismus schon gar nicht. Da so hart zuzuschlagen, war schon der Hammer.“

    Für Krahls Vater, den altgedienten Kommunisten, hatte das später noch Konsequenzen. Er habe sich in der Redaktion mehrfach lange für die Tat seines Sohnes rechtfertigen müssen. Laut seines Sohnes wurde er für zwei Jahre zwangsbeurlaubt und durfte danach nur noch im ND-Archiv arbeiten. Der Sänger wurde berühmt, unter anderem mit dem Hit „Am Fenster“ und steht noch heute auf der Bühne. Er habe versucht, „aufrecht durchs Leben zu gehen“.

    Ängstliche Macht

    „Ich glaube, man konnte in der DDR auch leben, ohne bei der Stasi zu landen, bzw.  ohne sich wirklich ‚nass‘ zu machen“, sagte Krahl. Was er und die beiden Zeitzeugen schilderten, gehört zu den Erscheinungen des realen „Sozialismus in den Farben der DDR“, wie er sich in den 1980er Jahren selbst bezeichnete. Damit verschreckte er die Menschen, die er gewinnen wollte.

    Die realsozialistische Macht mit ihrem ausgebauten Sicherheitsapparat hatte Angst vor ihrem eigenen Volk, auf das sie sich eigentlich berief – und so konnten ihr ein paar Kreidesprüche an einem Waggon, handgeschriebene Zettel und an den „echten Sozialismus“ glaubende Jugendliche solche Angst einjagen, dass sie mit allen Mitteln zuschlug.

    Die SED-Führung habe befürchtet, dass sie entmachtet werde durch Vorgänge wie sie im „Bruderland“ ČSSR zu beobachten waren, so Historiker Florath. SED-Politbüromitglied Hermann Axen habe nach dem Untergang der DDR eingestanden, „dass sie eigentlich nur aus Angst gehandelt haben“. „Sozialismus ist eine gute Sache – bloß die Sozialisten taugen nichts“, zitierte Sänger Krahl den alten Sozialdemokraten August Bebel.

    „Die DDR im Blick der Stasi 1968 – Die geheimen Berichte an die SED-Führung“

    Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2018. 320 Seiten. ISBN: 978-3-525-37079-7; 30 Euro

    Toni Krahl: „Toni Krahls Rocklegenden“

    Verlag Neues Leben 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-355-01840-1; 19,99 Euro

    Das komplette Interview mit Toni Krahl von City zum Nachhören:

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    50 Jahre "Prager Frühling" – Rückblicke und Meinungen (9)
    Tags:
    Sozialismus, Prager Frühling, MfS, Stasi, SED, DDR