08:08 10 Dezember 2018
SNA Radio
    Flüchtlingslager al-Rukban im Dreiländereck Syrien, Irak, Jordanien (Archivbild)

    Im Schatten einer US-Basis: Über-Leben im syrischen Wüstenlager Rukban

    © AFP 2018 / Khalil Mazraawi
    Politik
    Zum Kurzlink
    Karin Leukefeld
    0 260

    Im syrischen Rukban versuchen Flüchtlinge des Krieges zu überleben. Die Autorin berichtet, wer sie sind und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Sie macht ebenso darauf aufmerksam, welche Folgen die Präsenz von US-Truppen in dem Land hat und welche Rolle diese spielen. Karin Leukefeld hält sich gegenwärtig in Syrien auf.

    In Dreiländereck zwischen Syrien, Irak und Jordanien leben rund 50.000 Menschen in dem Wüstenort Rukban. Die einfachen Lehmhäuser bieten schon lange nicht mehr genügend Raum und Schutz für alle, also wurden rund um den Ort in der Wüste Zelte aufgestellt. Seit drei Jahren leben die Menschen in diesem Lager in einer „schrecklichen Situation“, wie Amin Awad kürzlich vor Journalisten in Washington sagte. Er ist der Regionalleiter für den Mittleren Osten und Nordafrika des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR).

    Die Menschen sind Inlandsvertriebene, die von verschiedenen Fronten an diesen menschenfeindlichen Ort geflohen sind. Manche sind Zivilisten, die keinen anderen Ausweg sahen. Andere sind Kämpfer des „Islamischen Staates“ * mit ihren Angehörigen, die aus dem Euphrat-Tal, aus dem Qalamun-Gebirge oder aus den östlichen Vororten von Damaskus nach Rukban evakuiert worden waren.

    Und dann gibt es dort noch diejenigen, die mit der Not dieser Menschen ihre Geschäfte machen: „Es gibt Terroristen, die die Bevölkerung gegen ihren Willen dort festhalten, es gibt Schmuggler, Menschenhändler“, so Awad. Sie hielten die Vertriebenen als „menschliche Schutzschilde“ fest und versagten ihnen grundlegende Versorgung. Und es gibt „Händler, die im Schatten der Grenze sitzen und mit Menschen handeln“, so Awad.  Es sei keine ausschließlich „humanitäre Notlage“ im Rukban Lager: „Es ist anders als an anderen Orten. Es ist sehr, sehr komplex.“

    In der Hand von Schmugglern

    Eigentlich hatten die Vertriebenen – Zivilisten und Kämpfer — versucht, von Rukban über die nahe gelegene Grenze nach Jordanien zu gelangen. Doch nach einem Autobombenanschlag  im Juni 2016 wurde die Grenze von Jordanien „aus Sicherheitsgründen“ hermetisch abgeriegelt. Gegenüber dem US-Fernsehsender CNN bezeichnete Mohammed al-Momani, der damalige jordanische Regierungssprecher, das „Niemandsland“ jenseits der Grenze in Syrien als „IS-Enklave“.

    Mit der UNO und anderen Hilfsorganisationen wurde verhandelt, um die Menschen zu versorgen. Jordanien stellte sich auf den Standpunkt, dass es sich bei dem Lager Rukban nicht um ein ausschließlich jordanisches Problem handele. Die extremistischen Kämpfer aus Syrien sollten nach dem Willen von Jordanien in ihre Herkunftsländer wie Nordafrika oder in die Golfstaaten zurückkehren. Die aber weigern sich bis heute, die Männer und deren Familien aufzunehmen. Zudem sei Jordanien nicht in der Lage die vielen Menschen dort mit Lebensmitteln und Wasser zu versorgen: „Jordanien ist eines der drei Länder weltweit mit den geringsten Wasserressourcen“, erinnerte  Al Momani.

    Der letzte UN-Hilfskonvoi aus der jordanischen Hauptstadt Ammen erreichte das Lager  im Januar 2018. Seitdem gab es seitens der jordanischen Behörden kein Durchkommen mehr für Hilfskonvois. Umso mehr verdienen Schmuggler und Händler mit dem Transfer von Lebensmitteln und anderen Gütern aus Jordanien nach Rukban.

    Direkte US-Einmischung

    Das Wüstenlager liegt zudem im Schatten einer illegalen US-Militärbasis, die Anfang 2016 bei Al Tanf, einem weiteren syrischen Grenzort im syrisch-jordanisch-irakischen Dreiländereck, errichtet wurde. Auch britische und teilweise auch norwegische Spezialkräfte sind bzw. waren in Al Tanf stationiert. Die US-Armee hat die Basis mit einer 55 km großen Sperrzone umgeben, die auch Rukban umfasst.

    Arabische Medien sprechen von dem „55 Kilometer Gebiet“, in dem sich heute noch fünf Kampfgruppen befinden sollen: „Löwen der Ost-Armee“, „Kräfte des Märtyrers Ahmad al Abdo“, „Armee der Freien Stämme“, „Revolutionäre Kommandoarmee“ und die „Brigade der Märtyrer von Al Qaryatayn“. Das sie sich innerhalb der 55 Kilometer-Sperrzone befinden, stehen sie in engem Kontakt zu den US-Kräften, wenn nicht unter deren Kommando.

    Auf der Basis Al Tanf war zunächst eine „Neue Syrische Armee“ stationiert, die zuvor in Jordanien ausgebildet worden war. Ihre offizielle Aufgabe war, den „Islamischen Staat“ (IS) zu bekämpfen. Tatsächlich richtete sich ihre Präsenz auch gegen die syrische Armee und deren Verbündete, die den „IS“ im Grenzgebiet zum Irak bekämpfen wollten.  Daran wurden sie aber auch mit Waffengewalt von der Al Tanf Basis aus gehindert. Inzwischen wurde die „Neue Syrische Armee“ umbenannt und agiert heute unter dem Namen „Jaisch Maghaweir al-Thawra“ („Revolutionäre Kommandoarmee“).

    Probleme für die UN-Hilfe

    Als Anfang November ein UN-Hilfskonvoi von Damaskus in das Lager Rukban fuhr, wurde er in der 55 Kilometer-Sperrzone von Kämpfern der „Revolutionären Kommandoarmee“ (MaT) begleitet. Der stellvertretende Kommandeur der US-geführten „Operation Inherent Resolve“, der britische Generalmajor Christopher Ghika erklärte, die Truppe sei „Partner“ der US-geführten „Anti-IS-Allianz“.

    Die Koordination des Hilfskonvois war sehr kompliziert, hieß es in einer Erklärung der UNO in Damaskus. Man habe Monate lang mit den verschiedenen Akteuren verhandelt, um die Sicherheit der rund 80 Lastwagen zu gewährleisten. Von Damaskus bis zu der US-kontrollierten 55 Kilometer-Sperrzone wurde der Konvoi von der syrischen Armee und russischer Militärpolizei begleitet. Dann übernahmen – medienwirksam von den USA in die Öffentlichkeit befördert – die US-geführten Regierungsgegner der „Revolutionären Kommandoarmee“ die Kontrolle.

    Die Hilfe war vor allem für die Menschen im Lager Rukban wichtig: Mehr als 80 Lastwagen brachten 450 Tonnen mit Lebensmitteln, warmer Winterkleidung, warmen Decken, Medikamenten und Hygieneartikeln. Während des mehrtägigen Aufenthalts vom 3. bis 8. November 2018) des UN-Teams wurden 5100 Kinder vom medizinischen Personal des syrischen Gesundheitsministeriums geimpft.

    Die UNO hofft auf eine weitere Hilfslieferung noch vor Ende des Jahres. Doch Hilfslieferungen für die 50.000 Menschen im Wüstenlager Rukban seien auf Dauer keine Lösung, meint UNHCR-Regionaldirektor Awad: „Die Situation muss beendet werden, die Menschen müssen nach Hause zurückkehren.“ Für jede Gruppe, jede einzelne Person müsse eine Lösung gefunden werden, so Awad weiter.

    * Eine in Russland verbotene Terrorgruppierung

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Flüchtlinge, Flüchtlingslager, Islamisten, Krieg, Terrormiliz Daesh, Freie Syrische Armee (FSA), Pentagon, Baschar al-Assad, al-Rukban, At-Tanf, al-Tanf, Nahost, Syrien, USA