12:52 14 Dezember 2018
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    Auf dem Bild - Syriens Präsident Bashar al-Assad (Archiv)

    Warum die Mehrheit der Syrer hinter Assad steht und den Westen das nicht interessiert

    © AFP 2018 / LOUAI BESHARA
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Syriens Präsident Bashar al-Assad ist ein Diktator, der Krieg gegen sein eigenes Volk führt. So geht die realitätsfremde Legende, die Politik und Medien im Westen pflegen. Vereinzelt gibt es Stimmen, die dieser fortgesetzten Erzählung widersprechen. Eine davon hat die Schweizer Zeitschrift „Die Weltwoche“ veröffentlicht.

    „Was haben wir den Europäern getan, dass ihr unseren Präsidenten stürzen wollt? Was haben wir den Amerikanern getan? Warum haben sie Truppen bewaffnet, die unser Land angreifen?“ Das fragte den Schweizer Journalisten Helmut Scheben ein älterer Syrer in Damaskus. Scheben berichtet davon in seiner Reportage in der aktuellen Ausgabe der Schweizer Wochenzeitschrift „Die Weltwoche“ vom 22. November. Das Blatt hat eine eindeutige rechtskonservative Orientierung. Es bringt aber oft zu internationalen Konflikten Fakten, die von anderen westlichen Medien verschwiegen werden.

    So auch im Fall Syrien: Der Autor Scheben war mit anderen Schweizern im kriegsleidenden Land unterwegs und beschreibt seine Eindrücke. Dazu gehört, dass die Syrer mehrheitlich hinter Präsident Bashar al-Assad stehen und deutlich die westliche Einmischung kritisieren. Scheben schildert ein Land zwischen Krieg und Frieden, zwischen Ruinen und pulsierendem Leben.

    Das prägt seinem Bericht nach zum Beispiel den Suk al-Hamidiya, den Basar von Damaskus: „Gedränge und Menschengewühl, ein Durcheinander von Gerüchen und Farben, das einen schier erdrückt. Viele junge Mädchen kommen nicht anders daher als in Hamburg, Zürich oder Mailand: Jeans, High Heels, sie chatten, posten, taggen.“ Scheben beschreibt die Vielfalt der Angebote in den Läden ebenso wie, dass in der syrischen Hauptstadt weniger Frauen mit Nikab, also mit Gesichtsverschleierung, zu sehen seien als in Hama. Dort sei der fundamentalistische religiöse Einfluss schon immer stärker gewesen.

    Der Fehler Assads

    Der alte Syrer habe ihn auf dem Basar gefragt, warum der Westen sich in sein Land einmische. Andere hätten sich ebenso geäußert und Assad als „guten Präsident“ gelobt. Er habe Syrien geöffnet und modernisiert, aber auch Fehler gemacht. Zu denen zähle: „Er hätte wissen müssen, dass niemand im Westen ihm helfen wird gegen die USA und Katar und die Saudis. Er hätte die Russen früher zu Hilfe rufen sollen.“

    Scheben hat nach seinen Worten in den zwei Wochen in Syrien immer wieder solche Einschätzungen gehört. Diese seien an verschiedenen Orten von den verschiedensten Menschen gekommen – „von Lehrerinnen in schiitischen Schulen, von katholischen Ordensschwestern, von syrischen Parlamentariern, Politikern, Geschäftsleuten und Soldaten, aber auch von Leuten, denen wir auf der Straße und in den Restaurants begegnen.

    Ebenso gibt der Autor die Kriegsspuren wieder, so die zerstörten Viertel von Homs, Aleppo oder Damaskus. Doch nebenan, so in der unzerstörten Innenstadt von Homs, gehe das Leben weiter, als gebe es den Krieg und die Trümmer nicht. Scheben berichtet ebenso aus Kfarbou, südwestlich von Hama. Er habe dort mit dem Pfarrer der christlichen Gemeinde gesprochen. Der Ort sei von bewaffneten „Rebellen“ verschont geblieben, weil die syrische Armee den nahegelegenen Militärflugplatz verteidigt habe. Doch der Krieg wirke auch hier nach, so durch verfünffachte Wasserpreise. Das Leben sei „ruinös teuer geworden durch den Krieg und die Sanktionen“.

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    Ein sozialer Tumor

    Der Pfarrer habe erzählt, früher sei in Syrien egal gewesen, welcher Religion die Menschen angehangen hätten: „Man war einfach Syrer. Es war egal, was einer glaubte, bei dem man seine Tomaten oder sein Benzin kauft.“ Scheben erinnert daran, dass die Religion nach der syrischen Verfassung Privatsache ist, und ergänzt: „Syrien war eine einigermaßen funktionierende multireligiöse Gesellschaft, und Baschar al-Assad war der beliebteste Staatschef in der arabischen Welt, von westlichen Medien als Reformer hofiert.“

    Er habe oft den Satz gehört: „Syrien ist die Wiege des Christentums.“ Der Krieg habe das jahrtausendealte Mit- und Nebeneinander von Christen, Muslimen und Juden zerstört, schreibt der Autor. „Er hat Misstrauen zwischen Leuten gesät, die früher im Alltag miteinander auskamen.“ Scheben nennt das Verlangen nach Rache für die Toten und den entstandenen Hass einen „sozialen Tumor“. Es werde offiziell zwar viel von Versöhnung gesprochen. „Doch das gegenseitige Vertrauen und der soziale Zusammenhalt sind in manchen Regionen so stark beschädigt wie die Häuser, die unter den Granaten einstürzten.“

    Scheben verweist auch auf alte Konflikte und die Rolle der Muslimbrüder. Deren Aufstand in Hama 1982 wurde unter Assads Vater niedergeschlagen. Viele von ihnen seien ins Exil gegangen und hätten seit 2011 den bewaffneten Aufstand unterstützt. Das haben auch westliche Geheimdienste getan, wie er schreibt. So hätten westliche Geheimdienste wie die CIA in Camps in Jordanien „Rebellen“ ausgebildet, bewaffnet und über die Grenze geschickt. Das Gleiche sei über die Türkei erfolgt.

    Die westliche Ignoranz

    Wie die westliche Politik Stimmen aus Syrien ignorierte, berichtet die Architektin Maria Saadeh dem Autor. Sie saß als Unabhängige und jüngste Frau im syrischen Parlament. Mit einer Gruppe anderer Parlamentarier habe sie 2012 und 2013 durch Europa und Kanada reisen wollen, um über die Lage im Land aufzuklären. Doch ihnen sei oft die Einreise verweigert worden: „Man hörte offenbar nur auf eine sogenannte syrische Opposition, die eine vom Ausland diktierte Agenda verfolgte.“

    Auf Parlamentarier aus Syrien habe anscheinend niemand hören wollen, wird Saadeh zitiert. Das offizielle Syrien totzuschweigen sei im Westen die Regel gewesen. Sie habe festgestellt, Propaganda und groteske Falschinformationen über Syrien seien in westlichen Medien „der Brennstoff gewesen, mit dem dieser Krieg geführt worden sei“. Das gelte auch für die Anschläge mit Chemiewaffen, die „Rebellen“ inszeniert hätten, um eine westliche Intervention zu erreichen. „Wir haben kein Giftgas eingesetzt“, so Saadeh. „Präsident Assad hat nie den Befehl dazu gegeben, und er würde es nie tun.“

    Scheben sprach ebenso mit Elia Samman, Berater von Ali Haidar von der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei.  Die gehört zu einer Regierungskoalition mit der führenden Baath-Partei. Haidar ist Minister für nationale Versöhnung. Für Samman handelt es sich nicht um einen Bürgerkrieg, von dem immer wieder im Westen erzählt wird. „Es war von Anfang an ein Stellvertreterkrieg“, wird er von Scheben zitiert. „Syrer wurden dafür bezahlt, gegen andere Syrer zu kämpfen.“

    Der Wunsch der Syrer

    Geld habe „eine unglaubliche Rolle“ gespielt, so der Politiker. Das Emirat Katar habe Haidar und seiner Partei „eine hohe monatliche Geldsumme“ angeboten, wenn sie die Seiten wechseln würden – erfolglos. Für Samman wollen die USA und ihre Verbündeten Assad aus einem Grund stürzen: „Er war nicht gehorsam gegenüber den USA.“ Er habe keinen Friedensvertrag mit Israel unterschrieben und sich nicht von Iran und Russland abgewandt.

    Scheben hat auch mit Marie-Louise Haddad Hofer gesprochen, die aus der Schweiz stammt und seit über 50 Jahren in Damaskus lebt. Sie sagte ihm, dass die große Mehrheit der Menschen in Syrien keine islamische Republik und die Muslimbrüder nicht an der Macht sehen wollten. „Wir haben die Europäer und Amerikaner gewarnt. Sie wussten genau, was passieren würde, wenn sie Assad wegkatapultieren würden.“ Die Frau erinnerte laut dem Autor an das Schicksal Libyens und des Iraks.

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    Der Westen habe einen Aufstand gegen Assad unterstützt. „Aber die syrische Bevölkerung macht da nicht mit. Einen Machtwechsel durch Krieg erzwingen zu wollen, war Wahnsinn.“ Scheben zitiert die 91-Jährige weiter: „Was kann schon das kleine Syrien gegen das große Amerika? Aber man hätte wenigstens mit uns reden können, statt einen Krieg zu beginnen und unser Land kaputtzumachen.“

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    Tags:
    Unterstützung, Krieg, Bashar al-Assad, Westen, Katar, Saudi-Arabien, Syrien, USA