12:02 13 Dezember 2018
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    Moskau, Russland (Symbolbild)

    Vizechef Deutsch-Russischen Forums: „Vernünftige Politik ohne Russland ist unmöglich“

    © Sputnik / Ramil Sitdikow
    Politik
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    Alexandra Konkina
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    Die Parteien in Deutschland sollten ein klares Russland-Konzept erarbeiten, so Professor Dr. Wilfried Bergmann, Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums.

    Im Exklusivinterview mit Sputnik erklärt er, wie man abseits der Propaganda ein gutes Bild des Landes schaffen kann.

    Professor Dr. Wilfried Bergmann (in d. M.)
    © Foto : Deutsch-Russisches Forum
    Professor Dr. Wilfried Bergmann (in d. M.)

    Herr Bergmann, vor zwei Jahren haben Sie gegenüber Sputnik gesagt: „Ich glaube, dass der deutsch-russische Dialog im Moment in einem sehr guten Fahrwasser ist, von daher ist die Stimmung auch erwartungsvoll.“ Wie hat sich die Situation seither verändert?

    Die Situation hat sich etwas verbessert, weil sich die politischen Umfeldbedingungen verbessert haben. Ich glaube, wir sind jetzt sowohl im ökonomischen Bereich als auch im Bereich Bildung  und Wissenschaft in einer sehr guten Form der Zusammenarbeit. Es könnte  besser sein, aber es ist besser als vor zwei Jahren.

    Man beobachtet derzeit eine maßgebliche Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland. Welche Partei wäre am besten für die deutsch-russischen Beziehungen? Die Linke und die AfD setzen sich für Russland ein, einzelne Politiker wie Manuela Schwesig (SPD) stehen auch für bessere Beziehungen zu Russland. Aber gibt es bei irgendeiner Partei ein klares Russland-Konzept?

    Bundeskanzlerin Angela Merkel (Archiv)
    © REUTERS / Valentyn Ogirenko
    Ich glaube, ein solches Konzept ist ein Defizit bei allen Parteien. Die SPD hat vor zwei Wochen eine Russland-Konzeption verabschiedet, aber sie sehr allgemein gehalten. Die entscheidenden Fragen bleiben offen: Was passiert mit den Sanktionen, wie entwickeln sich die politischen Beziehungen weiter? Aber wir werden Veränderung des politischen Personals haben. Frau Merkel wird als Parteivorsitzende zunächst in jedem Fall ausscheiden. Wie lange die Regierung in dieser Form bleibt, ist im Moment offen.

    Wir sind in einer politischen Übergangsphase. Die beiden Parteien, die Sie genannt haben, die AfD und Linke, sind im Verhältnis relativ kleine Oppositionsparteien. Entscheidend ist letztlich, wer die Regierungsverantwortung trägt und wie es im Jahr 2019 mit den Europawahlen weiter gehen wird. Von daher ist eine gewisse Unsicherheit, das ist völlig klar. Andererseits wissen alle, dass man eine vernünftige Politik ohne Russland nicht machen kann. Also gibt es im Grunde das Interesse von allen Seiten, voranzukommen. Ich glaube, es ist egal, wer die Führung der CDU übernehmen wird, die positiven Tendenzen gegenüber Russland werden sich verstärken.

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    Sie haben die Sanktionen erwähnt, und bis jetzt bleiben sie ein Top-Thema. Aber sind Sanktionen überhaupt zur Bewältigung einer Krise geeignet?

    Nein, aus meiner Sicht sind sie zur Bewältigung einer Krise ungeeignet, das war immer meine Meinung. Ich war nie ein Anhänger von Sanktionen. Im konkreten Fall mit Russland haben sie eher die russische Wirtschaft stabilisiert, als sie geschadet haben. Ich meine, wenn nach drei Jahren  bei einem politischen Instrument  keine Ergebnisse eingetreten sind, muss man sich überlegen, ob das Instrument das Richtige ist.

    Ein anderes Top-Thema ist „Nord Stream 2“.  Die USA kritisieren es jetzt und drängen Importe aus dem eigenen Land auf. In diesem Fall sind die Motive doch nachvollziehbar. Aber einige deutsche Medien und gewisse Politiker äußern Kritik, obwohl das Projekt wirtschaftlich für Deutschland vorteilhaft ist. Wie können Sie das erklären?

    Es ist natürlich eine Frage der europäischen Energiepolitik. Für Deutschland und für Russland ist das auf jeden Fall positiv. Es ist auch klar, dass die Amerikaner und Trump ihre eigenen Interessen vertreten, sie wollen ihr schlechtes Schiefergas möglichst teuer verkaufen. Das ist aus der amerikanischen Sicht verständlich. Nur muss kein Kunde dort kaufen, wo es teuer ist. Die Frage ist, welche politischen Pressionen ausgeübt werden, vor allem auf Polen oder auf das Baltikum. Das ist meines Erachtens eine kritische Frage, und das könnte zu einer schwierigen Situation führen. Schlussendlich haben alle Interesse daran, es nicht an die Spitze zu treiben. Das heißt, es wird „Nord Stream 2“ gebaut werden und wir werden ein bisschen amerikanisches Gas kaufen. Dann werden alle zufrieden sein.

    Beim Treffen mit dem russischen Präsidenten, Wladimir Putin, in Meseberg hat Bundeskanzlerin Merkel gesagt: „Wir müssen die Tür immer offen halten und miteinander reden.“ Sind Putin und Merkel durch diese Tür gegangen?

    Durch die Tür reden ist immer schlecht, man redet besser in einem Zimmer. Was ich damit sagen wollte – man darf die Tür auf keinen Fall zumachen, aber das ist eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht hätte man in den Jahren 2014-2015 auf der europäischen Seite überlegen müssen, in wie weit man die Tür zumacht. Denn sie war ganz offen, so offen ist sie im Moment nicht. Aber wichtig ist, dass man wieder hineingeht und sich an den Tisch setzt und miteinander redet. Der Dialog ist eine wesentliche politische Komponente.

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    Ja, der Dialog ist sehr wichtig, aber nicht alle sind dieser Meinung. Sie sind Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, das in der Studie des „Institute of Modern Russia“ (sein Präsident ist Pawel Chodorkowski, Sohn von Michail Chodorkowski) zu den „Propagandisten“ gezählt wird. Die BILD-Zeitung geht weiter und nennt die Veranstaltung des Forums einen „Propaganda-Gipfel“. Wie soll man mit solchen Vorwürfen umgehen?

    Ich glaube, dass diese Vorwürfe dem Deutsch-Russischen Forum nicht viel ausmachen. Die Rolle von Chodorkowski und seinem Sohn ist bekannt. Die Situation mit der BILD-Zeitung ist bedauerlich, aber die übrigen deutschen Medien haben sich dem nicht angeschlossen. Für mich ist die BILD-Zeitung keine nennenswerte Tageslektüre. Das ist einfach ein Propaganda-Instrument, das sehe ich durchaus. Es schadet aber nicht dem Deutsch-Russischen Forum, es schadet dem Ansehen Russlands in Deutschland. Das ist das Problem, und man muss sich überlegen, ob da der richtige Chefredakteur auf dem richtigen Posten ist.

    Wie kann das Image Russlands in Deutschland verbessert werden?

    Aus meiner Sicht kann man das relativ einfach machen, indem man junge Leute aus Russland  nach Deutschland schickt und umgekehrt. Wir haben viele Austauschprogramme, zum Beispiel Young-Leader-Seminare. Wenn man mit den Teilnehmern nach dem Programm spricht, dann sagen sie: „Wir haben ein ganz anderes Deutschland-Bild“. Das geht mit den jungen Deutschen, die nach Russland kommen, genauso. Sie merken, dass sie teilweise von der Presse nicht oder falsch informiert sind, dass das Bild einfach nicht stimmt. Das ist meines Erachtens viel besser als Propaganda, egal, was irgendeine Zeitung schreibt.

    Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow sprach von einem „gemeinsamen Haus Europa“. Ist dieser Begriff nach wie vor treffend? Und gehört Russland zu diesem „Haus“?

    Dieses Bild ist absolut richtig, weil wir einfach auf einem gemeinsamen Kontinent leben. Wir sind Nachbarn und daher einer guten Nachbarschaft verpflichtet. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Aber es ist für das Zusammenleben in Europa eine essentielle Frage, dass die Beziehungen zwischen Russland und Europa positiv sind. Russland hat in der letzten Zeit versucht, Alternativen auf dem chinesischen Markt zu finden. Die Erfahrung war nicht nur positiv, also ist es für beide Seiten sinnvoll, partnerschaftliche Beziehungen zu haben. Das setzt natürlich voraus, dass es für beide Seiten positive Ergebnisse gibt. Wenn nur einer profitieren will, wird es nicht funktionieren. Das ist wie im privaten Leben: Eine Partnerschaft wird funktionieren, wenn beide davon profitieren und zusammen die Situation verbessern wollen.

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    Tags:
    Vorwürfe, Sanktionen, Beziehungen, Propaganda, Nord Stream 2, Bild-Zeitung, Die LINKE-Partei, CDU, SPD, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Michail Gorbatschow, Wladimir Putin, Manuela Schwesig, Russland, Deutschland