03:15 10 Dezember 2019
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    Absturz des US-Flugzeuges Thunderbolt II A 10 in Remscheid (Archiv)

    Todbringender Absturz von US-Kampfjet in Remscheid 1988 bis heute nicht aufgeklärt

    © AP Photo / Hein Ducklau
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    Uran-Munition gilt als panzerbrechend und inzwischen auch als todbringend und gesundheitsschädigend für Menschen, die mit den Resten in Berührung kommen. Das hat sich unter anderem nach dem Golfkrieg der USA und den Kriegen gegen Jugoslawien und den Irak gezeigt. Doch auch in der Bundesrepublik hat sie anscheinend bereits getötet.

    Vor 30 Jahren, am 8. Dezember 1988, stürzte am frühen Nachmittag ein Kampfflugzeug A-10 „Thunderbolt“ der US Air Force in dem Stadtteil Hasten der Stadt Remscheid (Nordrhein-Westfalen) ab. Neben dem Piloten starben sechs Anwohner und mehr als fünfzig andere wurden durch die vom Absturz ausgelöste Feuerwalze zum Teil schwer verletzt. Doch auch danach starben weiter Menschen, die eigentlich unverletzt blieben, aber entweder unfreiwillige Zeugen wurden oder mit den Aufräumungsarbeiten zu tun hatten. Sie bekamen Krebs – weil die Absturzmaschine wahrscheinlich mit Uran-Munition bestückt war.

    Darauf macht der Dokumentarfilmer Frieder Wagner in einem Beitrag in der Ausgabe der Tageszeitung „junge Welt“ vom Montag aufmerksam. Er rekonstruiert den Absturz und was danach geschah. Bis heute sei das Geschehen vor 30 Jahren nicht aufgeklärt und würden die zuständigen Behörden den Betroffenen entsprechende Informationen verweigern. Dabei gibt es laut Wagner genügend klare Hinweise, die auf die Folgen von Uran-Munition in der Unglücksmaschine deuten.

    Nachtmanöver der US-Armee (Archivbild)
    © Foto : U.S. Air Force/ Tech. Sgt. Gregory Brook
    Das Erdkampfflugzeug A-10 „Thunderbolt-II“ des US-Konzerns Fairchild wurde vor mehr als 40 Jahren entwickelt und ist weiter im aktiven Einsatz.  Es ist laut Wagner ausschließlich dafür vorgesehen, 30-Millimeter-Urangeschosse zu verschießen. „Diese Munition aus abgereichertem Uran 238, einem Abfallprodukt der Atomindustrie, gilt als sehr effektiv, weil abgereichertes Uran fast doppelt so schwer ist wie Blei und deshalb in einen Panzer eindringen kann wie ein heißes Messer in ein Stück Butter.“ Uran 238 gilt aber als hochgiftig und radioaktiv. Treffen solche Geschosse auf ein Ziel, „verbrennt das enthaltene Uran zu winzigsten Uranoxidpartikelchen, die Luft und Wasser verseuchen“.

    Dauerhaft todbringende Munition

    Es gelte als wissenschaftlich  anerkannt, dass die Überreste von Munition aus abgereichertem Uran (Deleted Uranium – DU) Krebs in fast allen Organen und Leukämien auslösen können. Zudem führe abgereichertes Uran zu neurologischen Schäden und Veränderungen des genetischen Codes bei Schwangeren. „Das heißt, die Kinder Betroffener weisen oft schwere Fehlbildungen des Gehirns und des Rückenmarks, des Herzens, der Harnorgane, des Gesichts und der Gliedmaßen auf, ebenso deren Kinder und Kindeskinder. Ganze Generationen können so geschädigt werden.“

    In der „jungen Welt“ bringt er eine ganze Reihe von Hinweisen, dass dadurch auch die Unglücksstelle in Remscheid verseucht und Menschen vergiftet wurden. So sei Veronika Wolf an dem Tag vor 30 Jahren bei der Flucht aus einem Haus in der Nähe des Absturzortes von einem Mann aufgehalten worden. Er habe sie mit leicht amerikanischem Akzent aufgefordert: „Nehmen Sie Ihre Kinder und gehen Sie sofort wieder ins Haus. Schließen Sie Türen und Fenster und verlassen es eine Woche lang nicht. Es ist ein amerikanischer Kampfbomber mit Munition und chemischen Kampfstoffen an Bord abgestürzt!“

    Christa Schwandrau aus Remscheid sei nach dem Absturz einem US-Soldaten begegnet, der ihr auf Deutsch gesagt habe, der Aufenthalt rund um die Stockder Straße sei jetzt riskant, wörtlich: „Hier dürfen nie wieder Kinder spielen, das ist zu gefährlich.“ Das Gespräch sei dann von einem Offizier unterbrochen worden, der den Soldaten wegschickte.

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    Späte Folgen für Überlebende

    Wolf engagiere sich heute als Sprecherin der „Bürgerinitiative Flugzeugabsturz Remscheid“ und kämpfe mit anderen darum, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wagner weiter: „Im Laufe der Jahre sind in Remscheid viele Menschen krank geworden, einige an Krebs gestorben. Veronika Wolf und ihre Kinder haben überlebt. Möglicherweise aus einem einfachen Grund: Nach den warnenden Worten des Mannes, der am Unfalltag an ihrem Gartentor stand, zogen sie sehr bald fort.“

    Monate nach dem Unglück seien Menschen, die zunächst unverletzt überlebt hatten, an aggressiven Krebs- und Leukämieerkrankungen gestorben. „Schwangere Frauen erlitten Fehlgeburten oder brachten missgebildete Kinder zur Welt. Krebsfälle aller Art häuften sich. Direkt nach dem Absturz klagten viele, an den Aufräumarbeiten beteiligte Feuerwehrleute über Hautreizungen, und die Anwohnerinnen und Anwohner rund um die Stockder Straße bekamen rote Flecken an Armen und Beinen, wenn sie sich in ihren Gärten aufhielten oder dort arbeiteten, auch Veronika Wolf und ihre Kinder. Ein erfahrener Wuppertaler Hautarzt zeigte sich verwundert. In 40 Berufsjahren habe er noch nie derartige Hautausschläge gesehen.“

    Der Autor erwähnt auch, dass Behörden damals gewusst zu haben scheinen, was geschehen sei. Eine offizielle Bestätigung habe es aber für die Öffentlichkeit nie gegeben. „Unglücke wie das von Remscheid werden in der Regel aufgeklärt, früher oder später. Man findet die Ursachen heraus, benennt die Schuldigen, es folgen juristische oder andere Konsequenzen. Nicht so in Remscheid. Hier wurde gemauert, verschwiegen, verdreht und gelogen. Vor allem von der US-Armee, die das Gebiet rund um die Stockder Straße sofort weiträumig absperrte, kamen und kommen bis heute kaum Informationen. Bis heute.“

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    Klare Hinweise auf Uran-Munition

    Wagner weist daraufhin, dass 2014 bei einer Konferenz in Berlin zum Thema „Uranmunition und die Folgen“ der Oberstarzt Viktor Meineke vom Institut für Radiobiologie der Bundeswehr erklärte: „Beim Absturz in Remscheid muss uranhaltige Munition dabei gewesen sein, weil die US Air Force immer und auch heute noch voll aufmunitioniert mit Uranmunition fliegt, und außerdem haben die A-10-Thunderbolt-Kampfjets damals noch alle Trimmgewichte aus abgereichertem Uran verwendet.“

    Auf Filmaufnahmen von damals sei zu sehen, wie US-Soldaten Schilder aufstellen, die vor Radioaktivität warnen. Dennoch sei offiziell erklärt worden, dass keine Auffälligkeiten festgestellt worden seien, erinnerte der Autor. Das hätten die Anwohner der Unglücksstelle schnell bezweifelt. Aber es sei seinerzeit von den Behörden kaum etwas unternommen worden, um mögliche Schäden zu begrenzen und Gefahren für die Einwohner einzudämmen.

    Auch zahlreiche der bei den damaligen Hilfs- und Aufräumungsarbeiten eingesetzten Menschen seien später an Krebs erkrankt, so Bodo Drewniok vom Roten Kreuz in Remscheid. 15 Jahre nach der Flugzeugkatastrophe sei bei ihm ein Hirntumor festgestellt worden, der behandelt wurde. „Der ihn behandelnde Arzt teilte ihm mit, er dürfe ihm leider nicht bestätigen, dass seine Krankheit mit dem Remscheider Flugzeugabsturz in Zusammenhang stünde. Das würde ansonsten einen Präzedenzfall schaffen.“

    Der Geophysiker Peter Horn hat laut Wagner 27 Jahre nach dem Absturz im Oktober 2015 die Umgebung der Absturzstelle mit drei Geigerzählern kontrolliert. Dabei habe er eine deutlich erhöhte Radioaktivität festgestellt.

    Remscheid war kein Einzelfall

    Der Dokumentarfilmer macht darauf aufmerksam, dass die Katastrophe von 1988 kein Einzelfall war und ist. Er verweist auf den Absturz eines F-16-Kampfjets im August 2015 in Engelmannsreuth in Bayern ebenso wie auf den Absturz eines weiteren A-10-Kampfjets der Air Force am 1. April 2011 in unmittelbarer Nähe von Laufeld in der Eifel. Bei letzterem seien die Einwohner nur knapp einer Katastrophe entgangen. „Angeblich hatte der Bomber nur Übungsmunition an Bord. Verschiedene Medien berichteten allerdings, dass das auf der US Air Base Spangdahlem stationierte Kampfflugzeug eines von insgesamt sechs dieses Typs sei, die am Krieg gegen Libyen beteiligt waren, wo die US-Luftwaffe Uranmunition einsetzte.“

    Die Betroffenen und die Bürger in Remscheid warten bis heute auf eine umfängliche Aufklärung, schreibt Wagner. „Sie wollen wissen, was am 8. Dezember vor 30 Jahren passiert ist. Gerade vor dem Hintergrund der mittlerweile bekannten Folgen der Uranmunition wäre es an der Zeit, den Fall Remscheid noch einmal aufzurollen.“

    Der Autor ist laut „junge Welt“ Filmproduzent und Dokumentarfilmer. Vom ihm stammen u. a. die Filme „Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra“ (2003) sowie „Deadly Dust – Todesstaub“ (2007). Auf den Einsatz von Uran-Munition durch die USA im Irak hatte zuerst der deutsche Arzt Siegwart-Horst Günther aufmerksam gemacht und sich seitdem dafür eingesetzt, diese Waffen zu verbieten. Die USA haben die DU-Munition auch in den letzten Jahren in Syrien verschossen, wie nach ersten Dementis zugegeben wurde.

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