21:10 26 März 2019
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    Iranische Soldaten währed der Parade (Archiv)

    Droht Armageddon im Nahen Osten? – Experte warnt vor Angriff auf den Iran

    © AP Photo / Ebrahim Noroozi
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Auf die gefährlichen Folgen der Konfrontationspolitik der USA und Saudi-Arabiens gegenüber dem Iran macht der Nahost-Experte Michael Lüders in seinem neuen Buch aufmerksam. Er beschreibt, welche Folgen ein Angriff auf den Iran haben würde, wer daran interessiert ist, welche Rolle die EU spielt und warum anscheinend kaum Alternativen gesucht werden.

    Michael Lüders beschreibt in dem unlängst erschienenen Buch über das drohende „Armageddon im Orient“ laut Untertitel „Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“. Auf dem Titel posiert US-Präsident Donald Trump mit saudischen Prinzen beim traditionellen Schwerttanz im Muraba-Palast von Riad.

    „Dummheit und Verblendung sind mächtige Triebkräfte menschlicher Entwicklung“, so der Journalist und Nahost-Experte, „und sie beherrschen die antiiranische Agenda“. Er fügt hinzu:

    „Das Projekt Regimewechsel im Iran ist ohne Wenn und Aber völkerrechtswidrig. Davon unabhängig wäre jeder Angriff auf die Kulturnation Iran nichts weniger als ein Menschheitsverbrechen. Wer sich daran beteiligt, gleich unter welchem Vorwand, macht sich mitschuldig, mögen die vorgeschobenen Motive noch so edelmütig klingen.“

    Lüders hat jahrelang für die Wochenzeitung „Die Zeit“ aus der arabischen Welt berichtet und ist heute Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Er gilt als gefragter Nahost-Experte und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Nachdem er erklärte, der Einsatz von Giftgas in der syrischen Ortschaft Ghouta im August 2013 sei mit „sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ ein „Angriff unter falscher Flagge“ gewesen, wird er in Mainstream-Medien als „umstritten“ bezeichnet.

    Westlicher Herdentrieb

    In seinem neuen Buch nimmt er kein Blatt vor den Mund und keine Rücksicht auf westliche politische Befindlichkeiten, ohne irgendeine Seite zu bevorzugen. Und so stellt er unter anderem für den Fall, die USA gehen gegen den Iran vor, fest:

    „Entschiedenes Handeln von Seiten der Europäer in Sachen Iran ist nicht zu erwarten. Unbehagen ja, Bedenken ebenso – aber wenn es hart auf hart kommt, dürften sich die Reihen doch schließen. Oder sollte sich die Bundesregierung tatsächlich verweigern, wenn die USA einen Angriff auf den Iran zum Nato-Verteidigungsfall erklären? Der Herdentrieb auf Seiten der ‚Wertegemeinschaft‘ ist mehr als ausgeprägt. Das betrifft den Umgang mit dem Iran ebenso wie etwa den mit Russland.“

    Lüders vermisst in Berlin Politiker wie sie einst Willy Brandt, Egon Bahr oder Horst Teltschik darstellten – „Politiker also, die wussten, was Krieg bedeutet.“ Wer heute an das Vermächtnis der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges, „Nie wieder Krieg!“, erinnere, gelte schnell als „Putin-Versteher“ oder „Mullah-Freund“. Der Autor weiß, wovon er da schreibt.

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    Iranischer Widerstand

    Für ihn ist es grotesk, dass der Iran seit der Amtsübernahme von Trump erneut dämonisiert wird – „bei gleichzeitiger Kumpanei mit Saudi-Arabien“. Lüders erinnert daran, dass die iranische Revolution von 1979, die die Mullahs an die Macht brachte „die um eine Generation zeitversetzte Antwort auf den Sturz Mossadeghs 1953“ war. Nur Phantasten würden glauben, dass ein erneuter Umsturzversuch in Teheran ein pro-westliches oder pro-israelisches Regime etablieren würde. Er wolle die Folgen einer militärischen Konfrontation mit dem Iran und dessen Verbündeten China und Russland nicht weiter ausmalen, schreibt Lüders.

    Ehemaliger US-Außenminister John Kerry
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    Dafür weist er daraufhin, dass das angefeindete Land auf einen Waffengang vorbereitet sei. „Wer dort Regimewechsel propagiert, sollte wissen, dass die meisten Iraner glühende Patrioten sind. Gerät ihr Land in ernsthafte Gefahr, wird jede noch so berechtigte Kritik an den dortigen Verhältnissen erst einmal verstummen, verfestigt sich der Status quo. Das zu erkennen bedarf es wenig mehr als gesunden Menschenverstand.“ Lüders rechnet damit, dass die iranische Führung auf einen Angriff mit einem sogenannten asymmetrischen Krieg antworten würde, mit Hilfe von Sabotage und Guerillataktik. Zudem wäre Saudi-Arabien ein leichtes Ziel für begrenzte iranische Militärschläge, ebenso wie bei einem israelischen Angriff Raketen auf Tel Aviv niedergehen könnten.

    Jene, die den Konfrontationskurs gegen Teheran befürworten würden, übersehen laut dem Autor: „Das Land ist nicht der Irak, nicht Syrien, nicht der Libanon.“ Der Iran sei kein leichtes Ziel und habe zudem reichlich Kriegserfahrung. Und: „Ein Land, das wie der Iran quasi zum Abschuss freigegeben ist, hat im Grunde keine Handlungsmöglichkeiten. Was auch immer die dortige Führung zwecks Deeskalation anbieten oder einleiten würde, es bliebe folgenlos.“

    US-amerikanischer Niedergang

    Lüders Einschätzung wird derzeit durch den Versuch, die Atomvereinbarung mit dem Iran gegen die US-Position zu sichern, bestätigt. Der Autor warnt: „Das anti-schiitische Dreieck, oder Viereck, hat zum Sturm auf den letzten noch funktionierenden Staat zwischen Israel und Indien angesetzt.“ Die Folgen seien den Strategen egal, befürchtet er, „solange die Versorgung der Weltwirtschaft mit Erdöl und Erdgas gewährleistet bleibt“.

    Der Nahost-Experte sieht die Ursachen für die Konfrontation gegenüber Teheran vor allem in der zunehmend von oligarchischen Strukturen beherrschten US-Politik. Kleine Zirkel würden die Entscheidungen treffen, was sich auch in der Politik gegenüber der arabischen Welt und dem Iran zeige. Einzelinteressen würden nicht nur auf Kosten des Gemeinwohls durchgesetzt, sondern auch auf Kosten des Weltfriedens.

    Der führende Geistliche des Iran Ahmad Khatami Ajatollah (Archiv)
    © AP Photo / Ebrahim Noroozi
    Lüders macht bei US-Politikern und —Militärs eine „allzu schlichte Wirklichkeitswahrnehmung“ und „schwindende Rationalität“ aus. Für ihn hat das mit dem Niedergang der USA als alleiniger Weltmacht zu tun. In Washington werde versucht, sich diesem Niedergang mit allen Mitteln entgegenzustemmen, wofür Kräfte wie John Bolton oder Außenminister Mike Pompeo stünden. „Die Alternative zum Kurs der Konfrontation wäre Pragmatismus. Die Einsicht, dass bedingungslose Härte im Zweifel den eigenen Niedergang noch beschleunigt.“

    Der Experte sieht das aktuelle Geschehen aber nicht nur als Folge des Endes des US-amerikanischen Imperiums. Generell gehe die „globale Vorherrschaft des weißen Mannes, wie sie mit der Entdeckung Amerikas 1492 ihren Anfang nahm“, zu Ende. Eine neue globale Ordnung bilde sich heraus, mit neuen verschiedenen Machtzentren und transnationalen Wirtschaftsgiganten wie Amazon oder Google.

    Gegen einfache Antworten

    In seinem Buch zeichnet er das wechselvolle Verhältnis zum Iran und die Kräfte, die an der Konfrontation interessiert sind, ebenso nach, wie er auf die westliche Politik gegenüber Ländern wie Syrien und dem Jemen eingeht. Lüders plädiert am Ende dafür, vermeintliche Gewissheiten auch öffentlich in Frage zu stellen. Es müssten wieder weitergehende Fragen gestellt und den einfachen Antworten misstraut werden.

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    „Das erscheint vor allem dort geboten, wo moralische Bekenntnisse das sachliche Argument ersetzen oder ein Schwarz-Weiß-Denken zur Gesinnungsethik führt: Bist Du für uns oder gegen uns? Für die Freiheit oder ‚das Tier‘ Assad? Für die Mullahs oder das Existenzrecht Israels?“

    Respekt, Verständnis und Augenmaß sind für den Autor „Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Wer einmal anfängt, die dünnen Bretter des Mainstreams zu durchbohren, trifft schnell auf das Wesentliche. Und oft genug auch auf Mitstreiter.“

    Michael Lüders: „Armageddon im Orient – Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“

    Verlag C.H.Beck 2018. 265 Seiten. ISBN 978-3-406-72791-7; 14,95 Euro

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    Tags:
    Konfrontation, Angriff, Regimewechsel, Willy Brandt, Israel, USA, Naher Osten, Saudi-Arabien, Iran