02:30 26 April 2019
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    Pressekonferenz der Aufstehen-Sammlungsbewegung - v.l.n.r.: Hans Albers, Ludger Volmer, Bernd Stegemann, Simone Lange und Sahra Wagenknecht am 4. September 2018

    „Aufstehen“ in gelben Westen – Großer Zulauf für Sammlungsbewegung

    © AFP 2019 / Tobias SCHWARZ
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Ludger Volmer gehört zu den Mitinitiatoren der Sammlungsbewegung „Aufstehen“. Die hat nach drei Monaten eine erste Bilanz gezogen. Im Interview mit Sputnik berichtet der ehemalige Grünen-Vorsitzende, wie sich die Bewegung entwickelt und wie die Ereignisse in Frankreich auf diese wirken.

    Herr Volmer, wie sieht die Bilanz der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ drei Monate nach dem offiziellen Start aus?

    Ex-Grünen-Vorsitzender Ludger Volmer
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Ex-Grünen-Vorsitzender Ludger Volmer

    Wir sind sehr angenehm überrascht über den Zulauf, den wir bekommen haben. Mittlerweile gibt es über 165.000 Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Es haben sich zahlreiche lokale und regionale Verbände gebildet. Wir haben von Seiten der Initiatoren auf der Bundesebene im Moment ein bisschen die Schwierigkeit, die Leute überhaupt zu koordinieren und zu organisieren. Deshalb diskutieren wir über Regionalisierung, Demokratisierung, über mehr Transparenz und über die Frage, wie wir diese Masse von Menschen nun an inhaltlichen Diskussionen über programmatische Forderungen beteiligen können.

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    165.000 Menschen – das sind mehr als die meisten Parteien an Mitgliedern haben. Nun ist aber für jemand, der nicht nur digital unterwegs ist, „Aufstehen“ im normalen, im analogen Leben wenig zu erleben. Läuft das nur digital, nur online und nur über Facebook?

    Über Facebook wollen wir es überhaupt nicht mehr laufen lassen. Sondern wir wollen unsere eigenen Plattformen schaffen, weil wir Facebook ganz grundsätzlich misstrauen. Wir werden versuchen, die Menschen möglichst zahlreich auch auf die Straße zu bringen. Unser Lieblingsziel wäre, im nächsten Frühjahr vor dem Kanzleramt in Berlin eine große Demo zu haben zur sozialen Frage. Im Moment unterstützen wir viele lokale und regionale Demonstrationen, zum Beispiel zum Klimaschutz oder gegen die Nutzung der Braunkohle. Insoweit sind viele Aktivisten von „Aufstehen“ auch in anderen Bewegungen integriert und dort auch auf der Straße unterwegs.

    Gerade wird ja nach Frankreich geschaut. Wie schaut „Aufstehen“ auf die Ereignisse in Frankreich, wo ja plötzlich die Bewegung mit den gelben Westen auftauchte?

    Es müsste so etwas geben wie eine deutsch-französische Freundschaft von unten. Die Menschen in Frankreich haben ja einen guten Grund, gegen die Politik der Regierung zu demonstrieren, die zwar sehr progressiv begonnen hat, was ihre Ankündigungen angeht, aber letztlich doch die Lebenslage der Bevölkerung offensichtlich nicht wirklich im Auge hatte. Wir nehmen jetzt wahr, dass viele unserer lokalen Gliederungen von „Aufstehen“ auch gelbe Westen beschaffen und in diesen gelben Westen auf die Straße gehen. Also: Die Bewegung von Frankreich schwappt gerade über.

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    Die Bewegung will die soziale Frage als Schwerpunktthema in den Mittelpunkt stellen. Umfragen zu Themen und Sorgen, Problemen und Ängsten der deutschen Bevölkerung zeigen seit 2015, dass die sozialen Fragen von den Problemen der Zuwanderung  sowie Ängsten vor deren Folgen von den vorderen Plätzen verdrängt worden sind. Wie geht „Aufstehen“ damit um, wenn die Menschen anscheinend weniger soziale Sorgen haben und froh sind, dass die Arbeitslosigkeit gesunken ist?

    Ich habe als Soziologe gelernt: Die Menschen richten sich ja nicht nach den objektiven Realitäten, sondern nach ihrer Bewertung und Interpretation dieser Realitäten. Und wenn den Menschen, denen es nicht gut geht, die zu kurz kommen in dieser Gesellschaft, die vielleicht sogar von Elend betroffen sind, ständig ein Sündenbock in Form von Ausländern und Migranten vor die Nase gehalten wird und diese Leute gleichzeitig ein bisschen bildungsferner sind, dann kommt es zu diesen Fehlorientierungen. Wir wollen in dem öffentlichen Diskurs dafür sorgen, dass die Leute sich auch den Problemen zuwenden, von denen sie wirklich betroffen sind. Das ist Armut. Das ist mangelnde Perspektive. Das sind unzureichende und viel zu billige Arbeitsplätze. Wenn wir es schaffen, da die Perspektive und die Interpretation dieser Menschen zu verändern, dann gewinnen wir hoffentlich auch die Schlagkraft, um diese sozialen Fragen durch grundsätzliche Reformen im Wirtschaftsbereich anders zu lösen als dies heute getan wird.

    Wie reagieren die etablierten Parteien auf „Aufstehen“ drei Monate später? Aus den Parteien kommen ja einige der Initiatoren.

    Die etablierten Parteien, insbesondere die drei aus dem linken Spektrum, reagieren verstört und defensiv. Sie meinen, sie müssten sich vor uns verteidigen und abgrenzen. SPD und Linkspartei haben Angst, dass wir ihnen Konkurrenz machen könnten. Die Grünen rücken ohnehin in die politische Mitte und arbeiten an dem Projekt schwarz-grüne Koalition. Aus unserer Sicht ist diese Reaktion völlig unverständlich. Wir wollen ja durch unsere Arbeit ein öffentliches Milieu schaffen, aus dem die linken Parteien dann wieder Wählerinnen und Wähler rekrutieren können. Also wir suchen das Gespräch mit den Parteien und hoffen, dass wir da zu gewissen Lockerungen beitragen können.

    Das komplette Interview mit Ludger Volmer zum Nachhören:

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    Tags:
    Protest, Bewegung, Gelbwesten, Aufstehen, Ludger Volmer, Frankreich, Deutschland