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    Proteste gegen Brexti in Großbritannien

    Brexit: London verdirbt das russische Märchen vom British Empire

    © REUTERS / Eddie Keogh
    Politik
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    Was ist nur mit Großbritannien los? Jahrhundertelang bestimmte das Land die Geschicke auf dem Planeten. Jetzt ist es zum Gespött der Welt geworden. Dabei haben doch so viele an das Königreich geglaubt.

    Dass es mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU nicht wirklich rund läuft, haben alle täglich vor den Augen. Allen ist klar, dass das Vereinigte Königreich den Brexit nicht nur mit milliardenschweren Strafen bezahlen wird. England wird auch eine ganze Fülle an erniedrigenden Verfahren durchlaufen müssen, nur um den Zugang zum EU-Markt nicht zu verlieren. Alle wissen zudem, dass Brüssel an der britischen Führung ein Exempel statuieren will – auf dass die schrecklichen Bilder des London-Bashings sich jedem, der nur daran denkt, dem Beispiel der Briten zu folgen, ins Gedächtnis einbrennen.

    Doch das hätte man sich bestimmt nicht vorstellen können: Dass der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker die Bitte der britischen Premierministerin Theresa May, den Brexit nachzuverhandeln, nicht einfach nur ausschlägt, sondern unverhohlen verlacht.

    Die Brexit-Debatten seien mitunter „nebulös und unpräzise“, er würde sich Erklärungen wünschen, sagte der Kommissionschef. „Unsere Freunde aus dem Vereinigten Königreich sollen sagen, was sie wollen, statt zu fragen, was unser Wille ist. Wir würden es uns wünschen, dass unsere Freunde aus dem Vereinigten Königreich innerhalb einiger Wochen ihre Erwartungen darlegen.“

    Junckers Äußerung ist genau der Fall, wenn diplomatische Höflichkeit die Lästereien nur befeuert. Was May benötigt hätte, um sich mit dem Brexit-Deal durch das britische Parlament zu schlagen, wären wenn schon keine Zugeständnisse aus Brüssel, so doch zumindest Galgenfristen in den wichtigsten und für die Briten schmerzhaftesten Fragen gewesen. Stattdessen lässt Brüssel die Premierministerin auflaufen und schaut zu, wie sie sich aus der peinlichen Lage windet.

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    Vor, sagen wir, 50 Jahren hätte sich bestimmt niemand denken können, dass ein ehemaliger Regierungschef des winzigen Luxemburg einst eine Bitte aus London mit Füßen treten wird. Heute ist das die Wirklichkeit. Wir sind Zeugen dessen, wie durch das britisch-europäische Drama ein imposanter Mythos zerschlagen wird: eine russische Legende.

    Erzählt wird die Legende in zwei Varianten, von zwei völlig unterschiedlichen Lagern: den russischen Britenfans und den russischen Britenskeptikern. Die beiden Erzählungen sind jedoch absolut identisch.

    Sie gehen so: Das Vereinigte Königreich ist nicht nur ein historisch erfolgreiches und wichtiges Land. Es ist auch die Führungsnation schlechthin, exklusiv und einmalig. Andere Königreiche kommen und gehen (mitunter ohne es gemerkt zu haben, nur eine Marionette im großen Spiel der britischen Krone gewesen zu sein). Großbritannien aber bleibt. Und es gibt nicht nur den Ton in Mode, Kultur und Politik an – es ist auch in allen anderen wichtigen Bereichen führend: London ist die Finanzhauptstadt der Welt; die britischen Eliteschulen sind die besten der besten, wo Aristokraten ins okkulte Herrschaftswissen eingeweiht werden; der britische Geheimdienst weiß alles; die Weltpolitik wird in der Downing Street gemacht etc…

    Der einzige Unterschied zwischen diesen ansonsten identischen Legenden besteht nur darin, welche Schlüsse man daraus zieht. Die Britenfans aus Russland halten es wegen der Legende für das höchste Menschenglück, sich samt Frau, Kind und Kapital nach London abzusetzen und sich – wenn nicht in dieser, so doch in nächster oder übernächster Generation – in die britische Führungselite einzufügen. Die Skeptiker erzählen zwar dieselbe Legende, glauben aber fest daran, die britischen Eliten würden ohnehin keine Fremden in ihren Reihen dulden. Deshalb bleibe nur eins: der Frust.

    Die Moral von der Geschichte: Was wir gegenwärtig am Brexit beobachten können, ist der Ausgang ausgeklügelter britischer Intrigen. Und nebenbei bemerkt: Es ist auch das Ergebnis der vielgelobten britischen Elitebildung.

    Vor wenigen Jahren sah es noch so aus, dass es keinen größeren Verlierer in der britischen Politik der Nachkriegszeit geben könnte als David Cameron, der das Brexit-Referendum ausgerufen hatte, um Großbritanniens Stellung in der EU zu festigen. Wie diese kühne Intrige ausgegangen ist, sehen wir ja…

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    Doch jetzt holt Theresa May den gescheiterten Cameron großen Schrittes auf: Sie ist nur deshalb immer noch Premierministerin und Parteivorsitzende, weil es schlicht keinen Gegenkandidaten für ihren Todessitz gibt.

    Mit dem Abschluss des Brexits wird ihre politische Karriere aber ganz bestimmt vorbei sein. Auch aus diesem Grund jagen die Konservativen, die selbst von ihren Ministerposten fliehen, die Premierministerin vorläufig nicht aus dem Amt…

    Wer jetzt meinen wollte, das alles sei russische Propaganda, der sei an die westlichen Medien verwiesen: Sie schreiben und berichten über die britische Führung kaum anders. Es hat sich eben so ergeben, dass ein Land, welches in der Tat jahrhundertelang die Geschicke auf dem Globus beeinflusste, zum Gespött der Welt geworden ist.   

    Das heißt natürlich nicht, Großbritannien habe jeglichen Einfluss verloren. Nein, nein. Das Königreich ist weiterhin fähig, seine eigene Politik zu machen, und ist nach wie vor ein Gewicht in den internationalen Beziehungen. Nur die mystische Strahlkraft, die kann man dem Königreich nicht zuschreiben.

    Die geografische Lage, die Geschichte, das Humankapital – kurzum all die Vorteile, die es Großbritannien ermöglichten, in einer bestimmten historischen Epoche zum größten Imperium des Planeten aufzusteigen, waren nicht von ewiger Dauer. Dafür gibt es jetzt einen offenkundigen Beweis.

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    Tags:
    Austritt, Brexit, Theresa May, Jean-Claude Juncker, Großbritannien, Russland