12:51 23 Januar 2019
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    US-Patroille in der nordsyrischen Provinz Manbidsch (Archivbild)US-Soldaten in Syrien (Archiv)

    Wer hat die Amerikaner zum Rückzug aus Syrien gezwungen?

    © Foto: U.S. Army / Staff Sgt. Timothy R. Koster © AP Photo / Tech. Sgt. Gregory Brook, U.S. Air Forc
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    Eine der größten Interventionen in der Geschichte der US-Streitkräfte ist sang- und klanglos zu Ende gegangen, schreibt die Online-Zeitung Vz.ru am Donnerstag. Der Präsident hat dort den Sieg seines Landes gegen den IS* verkündet und den Truppenabzug aus Syrien verfügt.

    Aber warum wurde diese Entscheidung gerade jetzt getroffen? Und welche Folgen könnte dieser Schritt für den russisch-türkischen S-400-Deal haben?

    Die US-Kräfte sind mehr als vier Jahre lang in Syrien geblieben. Zwar waren es höchstens 2000 Soldaten, aber die Tatsache selbst, dass sie dort waren, spielte eine wichtige Rolle für die Konfliktregelung.

    Trump hatte bereits als Präsidentschaftskandidat auf den Abzug der US-Truppen aus Syrien bestanden, sich jedoch jedes Mal überreden lassen, dieses Land doch nicht zu verlassen. Warum? Weil man in Washington wollte, dass seine Meinung bei der Bestimmung der Zukunft Syriens berücksichtigt wird. Und, dass die Russen nicht ganz allein darüber entscheiden.

    Deshalb blieben die Amerikaner im Nordosten Syriens, nämlich in den kurdischen Gebieten, und im Süden, wo ihr Stützpunkt At-Tanf liegt. Nach Vernichtung der Hauptkräfte des so genannten „Islamischen Staates“ (das erklärte Trump noch im März höchstpersönlich) war der formelle Grund für den weiteren Aufenthalt der US-Truppen  in Syrien verschwunden. Trump sagte schon damals: „Wir schlagen dem IS die Seele aus dem Leib. Wir werden Syrien sehr bald verlassen. Jetzt sollen sich andere darum kümmern. Wir werden 100 Prozent des Territoriums des so genannten Kalifats unter Kontrolle nehmen, und zwar sehr schnell… Wir kehren heim – dorthin, wo wir sein wollen.“

    Und nun, am Mittwoch, verkündete Trump den endgültigen Sieg der USA in Syrien: „Wir haben den IS in Syrien besiegt, was während meiner Amtszeit der einzige Grund war, warum wir dort blieben.“

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    Und verfügte eben den Truppenabzug.

    Die USA verlassen Syrien. Und selbst wenn sie vorerst in At-Tanf bleiben, bedeutet der Abzug der US-Kräfte aus den kurdischen Gebieten das Ende des „Syrien-Spiels“ seitens Washingtons. Es ist klar, dass es schon längst verloren ist – das wurde bereits 2015 offensichtlich, als der russische Einsatz in Syrien begann. Klar ist auch, dass Trump hiermit betont, dass er sein weiteres Wahlversprechen einhält.

    Aber warum gerade jetzt?

    Weil sich die USA um Syrien gar nicht mehr kümmern. Auf dem Spiel steht der ganze Nahe Osten. Washington will den Verlust seines Einflusses stoppen, und die Evakuierung aus Syrien ist das einfachste, was es jetzt tun kann.

    Das einfachste, weil es nun einmal keinen militärischen und geopolitischen Sinn hat, dass 2000 Amerikaner in Syrien, das wieder von Präsident Assad kontrolliert wird, bleiben. Dort haben ganz andere Akteure das Sagen. Russland und der Iran werden Damaskus auch weiterhin unterstützen. Und die Türkei, die sich Russland und dem Iran anschloss, wurde zur dritten Seite der Syrien-Regelung – und für die USA ist dort einfach kein Platz übrig geblieben. Theoretisch könnten sie gemeinsam mit der Türkei spielen, aber in den letzten Jahren erleben die gegenseitigen Beziehungen eine nahezu katastrophale Talfahrt.

    Dafür gibt es etliche Gründe. Einer der wichtigsten besteht darin, dass die Amerikaner in Syrien die Kurden unterstützen, die Ankara als permanente Gefahr für seine Sicherheit erachtet. Und je länger die Amerikaner in Syrien blieben, desto mehr schadeten sie ihren ohnehin schlechten Beziehungen mit der Türkei. Und mit dem Verlust der Türkei schwächelten ihre Positionen in der Region immer mehr.

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    Also hatte Washington einfach keine andere Wahl.

    Erdogan hat sich für die Verbesserung der Beziehungen mit Russland entschieden. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Kontroversen mit den USA sah das wie eine besondere Herausforderung aus. Washington stand offenbar mit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei in Verbindung; zudem weigert es sich, den Stifter des Putsches, Fethullah Gülen, der für Präsident Erdogan als Erzfeind gilt, in die Türkei auszuweisen; die USA unterstützen die Kurden, die für die Türken Feinde sind. Hinzu kommt, dass sich Ankara von Washington kaum unter Druck setzen lässt: Selbst die Drohung, ihm keine Waffen mehr zu verkaufen, wäre für die Türken kein Problem – sie könnten die Waffen dann bei den Russen kaufen, was eben der gegenseitige S-400-Deal deutlich beweist.

    Die Türkei ist viel zu wichtig für alle globalen Akteure, um sich mit ihr zu zerstreiten. Die Amerikaner konnten es sich einfach nicht leisten, die Türkei endgültig zu verlieren. Im Nahen Osten haben sie bis auf Israel sowieso keine absolut zuverlässigen Verbündeten, wo Russland seinen Einfluss immer mehr und mehr erweitert. Saudi-Arabien rückt immer näher zu Russland. Nach dem Mord am Reporter Khashoggi wurden die ohnehin doppeldeutigen Beziehungen zwischen Washington und Riad noch sensibler. Bei solchen Voraussetzungen hatte Präsident Trump einfach keine andere Wahl, als sich um die Verbesserung der Beziehungen mit Erdogan zu bemühen. Und das Thema Syrien ist in diesem Kontext das einfachste, wobei Trump jedenfalls von der Notwendigkeit des Abzugs aus diesem Land überzeugt ist. Und damit erfüllt er quasi eine der wichtigsten Forderungen Erdogans, wodurch das Thema Ausweisung Gülens in die Türkei (was Washington unter keinen Umständen tun wird) etwas entschärft werden könnte.

    Wie werden die Folgen des US-Rückzugs aus Syrien sein? Ein besonders harter Einsatz der Türkei gegen die Kurden ist wohl nicht zu erwarten – wenn die Amerikaner nicht mehr da sind, werden die Kurden sich im Umgang mit Ankara viel vorsichtiger verhalten müssen – und sich möglicherweise bei Gesprächen mit Damaskus mehr fügen. Außerdem werden sie wohl mehr Rücksicht auf Russlands Argumente nehmen.

    Und was Russland angeht, so sind die Folgen des US-Rückzugs für Moskau weniger mit Syrien als mit der Türkei verbunden. Wie wird sich jetzt Erdogan verhalten? Wird er vielleicht die „amerikanische Karte“ gegen Russland ausspielen, was er schon mal versuchte, als im November 2015 ein russischer Kampfjet im syrisch-türkischen Grenzraum abgeschossen wurde?

    Zwar haben ziemlich viele russische Experten kein großes Vertrauen zu Erdogan, aber es gibt wohl keine besonderen Gründe, ihm besondere Hinterlist vorzuwerfen. Bei seinen Kontroversen mit Washington ging es nicht nur um das Thema Kurden. Die Beziehungen mit Russland haben für Erdogan eine strategische Bedeutung. Natürlich könnte er sich irgendwelche demonstrativen Schritte gegenüber den USA leisten. Sogar der S-400-Deal mit Moskau könnte theoretisch doch noch abgesagt werden. Aber generell wird sein Kurs konstant bleiben. Die Türkei will – und könnte auch – zu den Großmächten des 21. Jahrhunderts gehören. Aber ohne eine umfassende und zuverlässige strategische Partnerschaft mit Russland wäre das kaum möglich.

    * Eine in Russland verbotene Terrorvereinigung.

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    Tags:
    Truppenabzug, S-400, IS, Türkei, Syrien, USA