00:36 19 April 2019
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    Meuternde Matrosen während der Weihnachtskämpfe 1918 im Pfeilersaal des Berliner Schlosses

    Krieg und Giftgas mitten in der Hauptstadt: „Blutweihnacht“ 1918 in Berlin – Teil 1

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Bild 146-1976-067-30A
    Politik
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (30)
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    Der Heiligabend, der 24. Dezember, vor 100 Jahren hat vielen Menschen in der deutschen Hauptstadt nach dem Kriegsende kein friedliches Fest gebracht. Mit einem Angriff auf das Schloss und den Marstall im Zentrum haben ausgerechnet Fronttruppen den Krieg ins Zentrum Berlins getragen, samt Chemiewaffen. Eine Rekonstruktion, erster Teil.

    „Blutweihnacht“ 1918: Mit Panzerautos und Gasgranaten, Artillerie und Sturmangriffen versuchten Weihnachten 1918 etwa 1200 Soldaten die Matrosen der Volksmarinedivision (VMD) aus den beiden Gebäuden zu vertreiben. Der von ehemals kaiserlichen Offizieren auf Befehl des Rates der Volksbeauftragten um MSPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert geführte Angriff scheiterte. Nicht nur der Widerstand der Matrosen sorgte dafür, sondern Berliner Frauen ebenso wie bewaffnete Arbeiter und revolutionäre Soldaten. Doch am Ende waren jene, die eigentlich über diesen Anschlag der Gegenrevolution siegten, die endgültigen Verlierer.

    Novemberrevolution 1918: „Revolution von oben und ein angeblicher Dolchstoß
    © Foto : National Archives and Records Administration
    Auslöser des Krieges mitten in der Hauptstadt war der Versuch, die Volksmarinedivision loszuwerden. Die hauptsächlich aus Kiel und Cuxhaven stammenden rund 3000 Matrosen hatten sich als Schutztruppe der Revolution bewährt. Aus Sicht ihrer Auftraggeber, des Rates der Volksbeauftragten als neuer Regierung seit dem 10. November 1918, drohten sie aber, jene zu unterstützen, die angesichts der Kumpanei von Ebert und Genossen mit den alten Mächten die Revolution weiter treiben zu wollen.

    Der Kaiser war weg und Deutschland zur Republik geworden. Doch wie weit die Revolution vom November das Land verändert und ob es auch an die Grundfesten der alten Mächte geht, war noch nicht klar. „In jeder Revolution ist das Entscheidende die Haltung der bewaffneten Macht.“ Das schrieb der Historiker Sebastian Haffner zu den Ereignissen in seinem Buch „Die verratene Revolution“ von 1969, das als „Die deutsche Revolution 1918/19“ weiter veröffentlicht wird.

    Revolutionäre Matrosen

    Es sei Wochen nach dem 9. November 1918 lange nicht klar gewesen, „wo die bewaffnete Macht stand, ja, woraus die bestand“, so Haffner. Eine wilde, unkontrollierbare Demobilisierung sei dem Kriegsende gefolgt, bei zurückgekehrten Fronttruppen ebenso wie bei jenen Garnisonseinheiten, die in Berlin die Revolution stützten. „Wer zurückblieb, waren die Offiziere – und unter den Mannschaften diejenigen, die gern Soldaten waren; die Revolution aber hatten die gemacht, die es ungern waren.“

    Auf der anderen Seite standen unter anderem die Matrosen der am 11. November gegründeten Volksmarinedivision. Sie bestand hauptsächlich aus Matrosen, vor allem aus Kiel und Cuxhaven kommend, die am 9. November die Revolution in die deutsche Hauptstadt getragen hatten. Gemeinsam mit Arbeitern und Soldaten waren sie auf den Straßen, befreiten sie Kameraden aus den Gefängnissen und sorgten sie mit für das Ende des Kaiserreiches.

    Novemberrevolution 1918: Kaiser weg und Republik gleich zweimal
    © Foto : National Archives and Records Administration

    Die VMD sei nicht von den Volksbeauftragten gegründet worden, widersprach der DDR-Historiker Kurt Wrobel 1957 entsprechenden Legenden. In seinem Buch „Die Volksmarinedivision – Gewehre in Arbeiterhand“ betonte er, die „wirklichen Gründer der Volksmarinedivision hatten nicht vor, die Truppe der Regierung der sogenannten Volksbeauftragten zur Verfügung zu stellen“. Sie hätten stattdessen vor allem den neuen linken Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) unterstützen wollen.

    Laut Wrobel war es den Kreisen um Ebert und seinen Verbündeten unter den Offizieren gelungen, eigene Leute in die VMD einzuschleusen. Die neue Regierung beauftragte die Matrosen, wichtige Gebäude wie die Reichskanzlei, Sitz der Volksbeauftragten, und das Schloss zu bewachen. Ebert und die anderen haben aus Sicht des Historikers damit erneut ihre gegenrevolutionären Absichten geschickt getarnt. Zugleich sei es ihnen gelungen, ihren Einfluss auf die Matrosen-Truppe auszuweiten. Die stand loyal zur neuen Regierung, wie unter anderem die von Gerhard Engel veröffentlichten Aufzeichnungen eines ihrer Kommandanten, Fritz Radtke, zeigen.

    Erst nützlich, dann verschmäht

    „Vier Wochen lang war die Volksmarinedivision der Stolz der Berliner Kommandantur“, so Haffner in seinem Buch. Stadtkommandant der Hauptstadt war seit dem 10. November der MSPD-Politiker Otto Wels, unterstützt von seinem Adjutanten Anton Fischer. Ab Mitte Dezember habe Wels die Auflösung der schon auf knapp über tausend Mann reduzierten Division betrieben. Damit begann eine Spirale, die zu den Weihnachtskämpfen vor 100 Jahren führte.

    Haffner dazu: „Wer seinen Hund ertränken will, bezichtigt ihn der Tollwut, heißt ein französisches Sprichwort. Die Volksmarinedivision wurde plötzlich als ‚spartakistisch‘ verdächtigt, und die Plünderungen im Schloss, die gerade sie beendet hatte, wurden ihr jetzt angelastet. Sie sollte aus dem Schloss wegverlegt und auf sechshundert Mann verkleinert werden. … Als Druckmittel hielt Stadtkommandant Wels ihre Löhnung zurück. Und Weihnachten rückte näher.“

    Die damals begonnene Hetze gegen die revolutionären Matrosen hinterließ Spuren. Selbst der linke Historiker und ehemalige KPD-Abgeordnete Arthur Rosenberg ging ihr anscheinend auf den Leim, als er in seiner 1935 erstmals erschienenen „Geschichte der Weimarer Republik“ behauptete: „Die Matrosentruppe trat nach außen recht radikal auf, in Wirklichkeit war sie eine echte Söldnerformation, der ihre materiellen Interessen viel wichtiger waren als jede Politik.“

    Rosenberg, dessen Werk bis heute als wichtiger Beitrag zur Geschichte der ersten deutschen Republik gilt, empörte sich darin darüber, „dass die Truppe der tausend Matrosen mit der Regierung der deutschen Republik ungefähr wie eine gleichberechtigte Macht mit der anderen verhandelte“.

    Unbequeme Revolutionshüter

    Die Ereignisse in den Weihnachtstagen 1918 sind ebenso wie Aufstieg und Ende der VMD im Buch von Wrobel nachzulesen, der sich auf zeitgenössische Dokumente stützte. Dazu gehört der in diesem Jahr neuveröffentlichte Bericht des Untersuchungsausschusses der verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung über die Januar-Unruhen 1919 in Berlin, der sich auch mit deren Vorgeschichte beschäftigte, ebenso wie Akten der Reichskanzlei.

    Laut Wrobel war die Division der Matrosen Ende 1918 ein „bedeutender militärischer, politischer und auch moralischer Faktor“ im revolutionären Berlin. „Sie genoss großes Ansehen bei den Werktätigen. Matrosen holte man herbei, wenn irgendetwas nicht stimmte oder Hilfe benötigt wurde.“

    Dem Untersuchungsbericht nach sei die Division öfter vom Berliner Polizeipräsidenten angefordert worden, der unter anderem gegen kaisertreue und gegenrevolutionäre Kräfte  vorging. „Von Tag zu Tag wurde die Marinedivision den mehrheitssozialistischen Regierenden unbequemer“, bestätigte Rudolf Rotheit in seinem Buch „Das Berliner Schloss im Zeichen der Novemberrevolution“ von 1923.

    Bei Wrobel ist nachzulesen, wie durch Ebert und dessen Verbündete frühzeitig mit verschiedenen Mitteln versucht wurde, die revolutionären Matrosen unter Kontrolle zu bringen und auszuschalten. Er beschreibt, wie die seit Anfang Dezember um Berlin lagernden Fronttruppen auf den Einsatz gegen die Revolution vorbereitet wurden. Es sei schnell klar gewesen, dass damit die Matrosen aus Berlin vertrieben werden sollten.

    Gegenseitiges Misstrauen

    Am 13. Dezember seien sie das erste Mal ultimativ aufgefordert worden, das Schloss zu verlassen und sich bis auf 600 Mann zu demobilisieren bzw. zu ihren alten Truppenteilen zurückzukehren. Die Matrosen hätten das entsprechende Dokument aber nicht unterschrieben. Für die Divisionsleitung sei klar geworden, dass die Existenz ihrer Truppe bedroht wurde.

    Ein geheimer Beschluss des Volksmarinerates vom 12. Dezember zeigt laut Wrobel, dass die Truppe inzwischen den MSPD-Vertretern um Ebert misstraute. Dagegen habe es einstimmige Unterstützung für die drei Volksbeauftragen aus der USPD wie Hugo Haase gegeben.

    Das zeige, „dass die  Matrosen die mehrheitssozialistische Hälfte der Regierung als eine ihnen feindlich gegenüberstehende Macht erkannten und begannen sich von dieser Macht, der sie bisher dienten, abzuwenden“. Entsprechend hätten sich die Matrosen in der Folgezeit bei Problemen immer an die USPD-Volksbeauftragten gewandt.

    Gleichzeitig wurde den Schilderungen des Historikers nach die Division zum Anlaufpunkt für Soldatenräte aus den Garnisonskasernen, die sich über zunehmende Übergriffe der eigentlich entmachtenden Offiziere beschwerten. Die Soldaten hätten sogar gefordert, die Volksmarinedivision zu vergrößern. Doch entsprechende Resolutionen seien dann vom Reichsräte-Kongress vom 16. bis 21. Dezember unter aktiver Einwirkung der MSPD-Kräfte abgeschwächt worden.

    Hetze statt Entgegenkommen

    Dafür wurde die Hetze gegen die revolutionären Matrosen ausgeweitet, wie Wrobel schrieb. „Man versuchte, die Matrosen zu isolieren und in ihren Reihen Zwietracht zu entfachen.“ Der militärische Angriff auf sie sei nicht nur ideologisch, sondern auch materiell vorbereitet worden. Dabei sei die Division bereit gewesen, friedlich aus dem Schloß auszuziehen, weil ihre Führung anscheinend glaubte, dass damit das Problem gelöst sei.

    Am 18. Dezember 1918 sei zwischen Finanzministerium und Division vereinbart worden, dass die Matrosen in Räume im Marstall umziehen können und den Schlüssel vom Schloss im Finanzministerium abgegeben. Wrobel gibt den weiteren Verlauf ausführlich wieder, der der Behauptung widerspricht, die VMD habe sich verweigert.

    Stadtkommandant Wels von der MSPD aber habe die Vereinbarung ignoriert und den Matrosen dagegen unzumutbare Ersatz-Räume angeboten. Zudem hätten sie am 21. Dezember nicht wie alle anderen Truppen den ihnen zustehenden Lohn erhalten. Mehrfach sei versucht worden, in Verhandlungen das Problem zu lösen. Die Matrosen hätten noch am 23. Dezember einen Konflikt vermeiden wollen, so Wrobel, doch die gegen sie in Stellung gebrachten Fronttruppen seien an dem Tag in Alarmbereitschaft versetzt worden.

    Gleichzeitig habe die Regierung verlangt, das Schloss zu räumen und den Schlüssel bei Wels abzugeben, worauf es den ausstehenden Lohn geben sollte. Versuche der Division, eine klare Regelung dafür zu schaffen, seien mehrmals gescheitert. Am Ende hätten die Matrosen die Schlüssel vom Schloß beim USPD-Volksbeauftragten Emil Barth abgeben.

    Gezielte Provokationen

    Für Stadtkommandant Wels war das den Schilderungen nach Anlass, den Konflikt weiter zu treiben, da er die Schlüssel selbst entgegennehmen wollte. Er verweigerte danach ebenso die Aufforderung des Regierungsmitgliedes Barth, den Lohn an die Division auszuzahlen. Der USPD-Volksbeauftragte habe die Matrosen daraufhin zu Ebert geschickt, die diesen doch nicht antrafen.

    „Damit war die Geduld der Matrosen erschöpft“, stellte Wrobel fest. Laut ihm hat daraufhin Heinrich Dorrenbach, einer der Führungskräfte der VMD, die Reichskanzlei absperren lassen. Die Regierung stand nun unter Hausarrest. „Damit schien den drei Regierungsmitgliedern Ebert, Landsberg und Scheidemann [von der MSPD – Anmerk. d. Red.] der ersehnte und zielbewußt herbeigeführte Anlaß gegeben zu sein, den Fronttruppen das Zeichen zum Einschreiten zu geben.“

    Der Historiker Haffner schrieb dazu: „Die Matrosen hätten die Reichsregierung ausheben, die Volksbeauftragten verhaften und erschießen können – wenn sie gewollt hätten. Daran freilich dachten Dorrenbach und seine Männer nicht. Sie wollten ja nur ihre Löhnung.“ Sie seien aber gleichfalls wütend über den Umgang mit ihnen gewesen.

    Haffner wies wie Wrobel daraufhin, dass die Matrosen nichts von der geheimen Telefonleitung zwischen Eberts Arbeitszimmer und der Obersten Heeresleitung (OHL) in Kassel. Über diese habe der führende Sozialdemokrat bei Major Kurt von Schleicher Hilfe angefordert. Der Offizier, der 1933 Hitler zur Macht verhalf, bevor dieser ihn 1934 ermorden ließ, versprach Ebert den gewünschten „Schlag gegen die Radikalen“. Von Schleicher habe daraufhin die teilweise bereits in Berlin wartenden Fronttruppen des Generalkommandos Lequis alarmiert.

    Der Stadtkommandant habe sich weiterhin geweigert, den Lohn der Matrosen auszuzahlen, als Dorrenbach diesen von ihm in der Kommandantur einforderte. Bewaffnete Matrosen seien dorthin gefolgt, worauf Wels von den Fronttruppen gefordert habe, ihn zu befreien. Daraufhin seien am 23. Dezember 1918 die ersten Schüsse vor der Kommandantur gefallen, die einen Matrosen und einen Soldaten der Sicherheitswehr des Polizeipräsidenten töteten. Die Schüsse seien aus der Universität von Fronttruppen und einem vorbeifahrenden Panzerauto gekommen.

    In Teil 2, der am Montag veröffentlicht wird, geht es um die Ereignisse am 24. Dezember vor 100 Jahren in der deutschen Hauptstadt und darum, wie es zum ersten Chemiewaffeneinsatz mitten in einer Stadt kam.

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (30)
    Tags:
    Sozialdemokraten, Aufstand, Kommunisten, Sozialismus, Weihnachten, Matrosen, Geschichte, Kommunismus, Revolution, Novemberrevolution 1918, Friedrich Ebert, Kaiser Wilhelm II, Karl Liebknecht, Weimarer Republik, Deutschland