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    Revolutionäre Matrosen und Soldaten während der Straßenkämpfe in Berlin 1918

    Krieg und Giftgas mitten in der Hauptstadt: „Blutweihnacht“ 1918 in Berlin – Teil 2

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Bild 146-2007-0005 / Marmulla, L.
    Politik
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    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (31)
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    Der Heiligabend, der 24. Dezember, vor 100 Jahren hat vielen Menschen in der deutschen Hauptstadt nach dem Kriegsende kein friedliches Fest gebracht. Mit einem Angriff auf das Schloss und den Marstall im Zentrum haben ausgerechnet Fronttruppen den Krieg ins Zentrum Berlins getragen, samt Chemiewaffen. Eine Rekonstruktion, zweiter Teil.

    Im ersten Teil war wiedergegeben worden, wie sich der Konflikt zwischen der neuen Regierung, des Rates der Volksbeauftragten, und den revolutionären Matrosen der Volksmarinedivision am 23. Dezember 1918 zuspitzte. Die Ereignisse gehören zur Novemberrevolution 1918, die mit der am 9. November verkündeten Abdankung des deutschen Kaisers Wilhelm II. längst nicht abgeschlossen war.

    Die Darstellung des Geschehens der „Blutweihnacht“ 1918 stützt sich vor allem die Aussagen des bundesdeutschen Historikers Sebastian Haffner und des DDR-Historiker Kurt Wrobel. Haffner hat die Ereignisse in seinem Buch „Die verratene Revolution“ von 1969 beschrieben, das als „Die deutsche Revolution 1918/19“ weiter veröffentlicht wird. Wrobel hat dazu 1957 das Buch „Die Volksmarinedivision – Gewehre in Arbeiterhand“ veröffentlicht, das nur noch digital zugänglich ist.

    Laut den Historikern hatte sich der Berliner Stadtkommandant Otto Wels anhaltend geweigert, den Lohn der Matrosen auszuzahlen, und sie aufgefordert, das Schloss zu verlassen. Bewaffnete Matrosen seien deshalb in die Kommandantur gekommen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Wels habe danach von den bereits herangerufenen Fronttruppen gefordert, ihn zu befreien.

    Gezielte Zuspitzung

    Daraufhin seien am 23. Dezember 1918 die ersten Schüsse vor der Kommandantur gefallen, die einen Matrosen und einen Soldaten der Sicherheitswehr des Polizeipräsidenten töteten. Die Schüsse seien aus der Universität von Fronttruppen und einem vorbeifahrenden Panzerauto gekommen.

    Erst danach seien Matrosen und Soldaten der Sicherheitswehr in die Kommandantur gestürmt und hätten Wels und dessen Mitarbeiter festgenommen. Der Stadtkommandant und die anderen seien in den Marstall gebracht worden, um sie als Geiseln festzuhalten, bis die Schüsse aufgeklärt wurden, so Wrobel.

    Unterdessen hätten Matrosen mit den drei Volksbeauftragten von der MSPD in der Reichskanzlei verhandelt. Sie wollten laut dem Historiker, dass Wels abgesetzt wird und die Volksmarinedivision in voller Stärke erhalten bleibt. Ebert und Genossen hätten keine Zugaben gegeben, aber so getan, als wollten sie den Streit friedlich beilegen.

    Betrogenes Vertrauen

    Als Fronttruppen am Abend bei der Reichskanzlei ankamen, hätten die Matrosen deren Tore geschlossen. Es habe ein Blutbad gedroht, was durch eine Vereinbarung über den Rückzug beider Seiten verhindert worden sei. Ebert habe den Matrosen versprochen, die Fronttruppen vollständig in ihre Quartiere zurückzuschicken. Stattdessen befahl er aber laut Wrobel nachweislich den Militärs, Schloß und Marstall anzugreifen.

    „Die Matrosen hatten inzwischen, auf Eberts Worte bauend, nicht nur die Reichskanzlei, sondern zum größten Teil auch den Marstall und das Schloss verlassen, den ein großer Teil nächtigte bei den Familien beziehungsweise hatte bereits Weihnachtsurlaub genommen. Im Schloß blieben etwa 30 und im Marstall 70 bis 80 Matrosen zurück.“

    Die Begleiter von Wels seien wieder freigelassen worden, während der Stadtkommandant selbst, „die Rache vor allem der Sicherheitswehr, aber auch die der Matrosen fürchtend, es vorzog, sich bis zum Morgen unter den Schutz der Führer der Volksmarinedivision zu stellen“. Ebert habe den Angriff dagegen später als Aktion hingestellt, die Wels befreien sollte.

    Am Morgen des 24. Dezember hat nach Darstellung des Historikers ein Offizier der gegen die Matrosen in Stellung gegangenen Truppen die Wache im Schloss ultimativ aufgefordert, „das Schloß sofort zu verlassen, die Waffen niederzulegen und sich bis zum Abtransport in die Heimat unter militärische Bewachung zu stellen. Einen Hinweis auf eine Artilleriebeschießung enthielt er jedoch nicht. Der provokatorische Hinweis auf die Bewachung bezweckte offensichtlich, ein Einverständnis der Matrosen unmöglich zu machen. Das war die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation.“

    Einsatz von Giftgas

    Nachdem die Matrosen beschlossen hätten, Schloß und Marstall bis zum letzten Mann zu verteidigen, habe kurz darauf das Artilleriefeuer gegen sie begonnen. Die revolutionären Blaujacken konnten sich den Angaben zufolge nur mit Maschinengewehren verteidigen, die sie vor allem gegen die Sturmangriffe der Soldaten einsetzten. Die Angreifer stammten aus der Gardekavallerie-Schützen-Division, aus der einem Monat später die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kamen.

    Wrobel schrieb: „Die gegnerische Artillerie verwendete auch Gelbkreuz- und Blaukreuzgranaten, die jedoch größtenteils an den Außenmauern der Gebäude explodierten.“ Die mit einem gelben Kreuz versehenen Granaten enthielten das erstmals bei Ypern 1917 eingesetzte Senfgas. Die mit dem blauen Kreuz enthielten Kampfstoffe auf Arsenbasis, die Atemmasken durchdrangen und die Atemwege angriffen. Es handelte sich um den ersten gezielten Chemiewaffeneinsatz in bewohntem Gebiet, durchgeführt von immer noch regulären Truppen. Ein Widerspruch von den Volksbeauftragten um Ebert dagegen ist nicht bekannt.

    Novemberrevolution 1918: „Revolution von oben und ein angeblicher Dolchstoß
    © Foto : National Archives and Records Administration

    Den Matrosen gelang es dem Bericht nach, sich zu verteidigen. Je länger die Kämpfe dauerten, desto mehr schafften es laut Wrobel revolutionäre Matrosen, Soldaten und Arbeiter sowie Arbeiterfrauen die Absperrungen um das Kampfgebiet in Berlins Zentrum zu durchbrechen. Sie hätten die Angreifer von hinten überrascht und erreicht, dass die Soldaten ihre Waffen niederlegten. Zum Teil sei es auch zu Verbrüderungen mit den Angegriffenen gekommen, gab der Historiker Augenzeugenberichte wieder.

    Der Artilleriebeschuss sei aber fortgesetzt worden, auch gegen Matrosen, die einen Waffenstillstand aushandeln wollten. Die Truppen im Dienst der Regierung hätten den Angegriffenen erneut ein Ultimatum gestellt, das aber verpufft sei, da inzwischen immer mehr Soldaten und Arbeiter aus der Stadt geholfen hätten, die Angreifer zu neutralisieren und zu entwaffnen. Das habe selbst der spätere „Bluthund“ Gustav Noske in seinen Erinnerungen bestätigt und damit anderslautende Legenden der sozialdemokratischen Presse widerlegt.

    Sozialdemokratische Hinhaltetaktik

    Die vorher ihrer Sache sicheren Offiziere der eingesetzten Fronttruppen baten laut Wrobel angesichts ihrer Niederlage Ebert um Verstärkung. Zuvor hätten sie noch einen ausdrücklichen Befehl des Volksbeauftragten Barth, „das Gemetzel einzustellen, mit der höhnischen Bemerkung beantwortet, daß dies nur nach Herbeiführung eines entsprechenden Beschlusses aller sechs Kabinettsmitglieder möglich sei. Barth hatte sich sofort um die Herbeiführung eines solchen bemüht, war aber bei Ebert, Landsberg und Scheidemann auf denselben Widerstand gestoßen.“

    Novemberrevolution 1918: Kaiser weg und Republik gleich zweimal
    © Foto : National Archives and Records Administration

    Ebert habe später darum die von ihm angeforderten Militärs gebeten, weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Bis zum Mittag des 24. Dezember sei es den Arbeitern und Matrosen gelungen, die letzten Angreifer zu entwaffnen. Sie übernahmen den Berichten nach die Kontrolle über das Stadtzentrum und forderten zudem den Rücktritt der Regierung der Volksbeauftragten.

    Sechs „Blaujacken“ und eine Vielzahl der sie angreifenden Soldaten bezahlten laut den Berichten den Befehl der sozialdemokratischen Regierung der ersten deutschen Republik, die revolutionäre Volksmarinedivision zu beseitigen, mit dem Leben. Der Berliner Schlossplatz glich einem Trümmerfeld, die Fassaden von Schloss und Marstall waren mit Einschusslöchern übersät. Auch der Boulevard Unter den Linden zeigte Spuren der Kämpfe.

    Geschenk an die Gegenrevolution

    Laut Wrobel begingen die Matrosen der Volksmarinedivision einen gravierenden Fehler, indem sie sich zur gleichen Zeit auf angebotene und von USPD-Politikern vermittelte Verhandlungen mit den gegnerischen Offizieren einließen. Das Ergebnis war eine vom Historiker zitierte „Einigung“, nach der die VMD das Schloss verlassen sollte, die Matrosen der vom Stadtkommandanten befehligten Republikanischen Soldatenwehr unterstellt wurden und sich verpflichteten, nicht wieder gegen die Regierung aktiv zu werden.

    „Der großartige Sieg der Berliner Arbeiter und der Matrosen wurde wieder verschenkt. Nicht die Bestrafung der Initiatoren und Mitschuldigen am Blutvergießen, nicht ihre Entfernung aus öffentlichen Ämtern, auch nicht die Bewaffnung des Proletariats und die Entwaffnung der gegenrevolutionären Verbände wurden diktiert, nein, es wurde eine ‚Einigung‘ formuliert. Schon diese Bezeichnung ist eine Verhöhnung. Selbstverständlichkeiten wurden fixiert und zwei für das fernere Schicksal der Volksmarinedivision verhängnisvolle Abmachungen getroffen.“

    Für Wrobel wie für Haffner handelt es sich um ein Geschenk an die Gegenrevolution, obwohl diese am 24. Dezember 1918 den „Augenblick der größten Schwäche und Hilflosigkeit“ während der gesamten Novemberrevolution erlebte. „Gescheitert war nicht nur der Plan der gewaltsamen Vernichtung der Volksmarinedivision, sondern darüber hinaus der ursprüngliche Plan der Militaristen und rechten SPD-Führer, die Revolution mit Hilfe ‚zuverlässiger‘ Fronttruppen niederzuschlagen“, so Wrobel

    Die revolutionären Arbeiter, Soldaten und Matrosen gewann die von ihren Gegnern angezettelte erste Schlacht – doch am Ende verloren sie den provozierten Bürgerkrieg. Haffner stellte in seinem Buch fest, dass sich am 24. Dezember 1918 erneut „die eigentümliche Gutmütigkeit“ der Revolutionäre zeigte: „Kein Zweifel, dass man Wels roh behandelt und auch Ebert und seinen Kollegen absichtlich einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. Aber dabei hatte man es bewenden lassen; vor dem Äußersten scheute man zurück. Morden wollte man nicht, auch nicht in der Wut. – Die Gegenrevolution sollte keine solche Skrupel haben.“

    Fehlende Führung

    Haffner schrieb auch: „Wenn die Revolution eine Führung gehabt hätte – an diesem Weihnachtsabend hätte nichts mehr zwischen ihr und der Macht  in der Hauptstadt gestanden. Aber die Revolution hatte keine Führung; sie sah ihre Chance nicht – und außerdem: Jetzt war Heiligabend. Die Matrosen hatten endlich ihre Löhnung, sie hatten gekämpft und gesiegt; jetzt wollten sie feiern.“

    Zu den Folgen der Weihnachtskämpfe vor 100 Jahren gehörte die Auflösung der Volksmarinedivision als eigenständige Einheit. Den Kräften auf der anderen Seite war klar geworden, dass auf die heimkehrenden Truppen von der Weltkriegsfront, die sich zum Teil selbst auflösten, kein Verlass war. In der Folge wurden unter Leitung von Noske die ersten Freikorps aus freiwilligen Berufssoldaten aufgestellt. „Gestützt auf diese Freikorps holten Regierung und Generale zu dem Schlag gegen das Berliner Proletariat aus, der Anfang Januar erfolgte“, so Wrobel dazu.

    In der Arbeiterschaft wuchs nach den Ereignissen zum Jahresende 1918 die Unzufriedenheit mit den regierenden Sozialdemokraten weiter, wie unter anderem bei Haffner zu lesen ist. Laut ihm breitete sich eine neue Revolutionsstimmung aus, die im Januar des Jahres 1919 spontan ausbrechen sollte. Der Historiker Wolfgang Malanowski schreib 1969 in seinem Buch „November-Revolution 1918 – Die Rolle der SPD“: „Nach der ‚Blutweihnacht‘ (‚Rote Fahne‘) rückte die Linke noch weiter nach links; die Bürgerkriegsgefahr wuchs.“

    Der Filmemacher und Autor Klaus Gietinger hat in seinem neuen Buch „November 1918 – Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts“ anhand neuer Dokumentenforschung unter anderem die Schilderungen der Weihnachtskämpfe 1918 durch Wrobel 60 Jahre zuvor bestätigt. Im März 2019 soll sein Buch „Blaue Jungs mit roten Fahnen – Die Volksmarinedivision 1918/19“ erscheinen. In der Ankündigung heißt es: „Die Matrosen wurden hintergangen, verleumdet und verfolgt. Sie waren keine Bolschewisten, doch sie ließen sich spalten, so wie die SPD gespalten war. Schließlich wurden die Blaujacken mit den roten Bändchen gejagt und ermordet. Dabei standen führende Sozialdemokraten nicht nur Schmiere, sondern erließen die Mordbefehle.“

    Eine aktuelle Darstellung der „Blutweihnacht“ 1918 findet sich auch in dem vielbeachteten Buch „Am Anfang war die Gewalt – Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik“ des irischen Historikers Mark Jones aus dem Jahr 2017. Er stellte fest, dass die sozialdemokratische Führung nach der Niederlage vom 24. Dezember 1918 „ihre aggressivste Erklärung seit dem 9. November“ veröffentlichte. Darin habe sie ihr eigenes Verhalten verteidigt und vor dem Untergang der Ordnung in Deutschland gewarnt, ohne die es keinen Frieden mit der Entente gebe.

    „Damit nicht genug, schob sie die Schuld an allem, was danebengegangen war, ohne ausdrücklich Namen zu nennen, auf Liebknecht und Luxemburg“, erinnerte Jones an das demagogische Vorspiel zu den Morden vom 15. Januar 1919.

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (31)
    Tags:
    Sozialdemokraten, Chemiewaffeneinsatz, Geschichte, Novemberrevolution 1918, Erster Weltkrieg, KPD, Friedrich Ebert, Kaiser Wilhelm II, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Weimarer Republik, Berlin, Deutschland