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22:58 17 August 2019
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    Syriens Soldat in Jarmuk (Archiv)

    Syrien und Irak: Wie der Westen seine Brutalität verschleiert

    © AFP 2019 / LOUAI BESHARA
    Politik
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    Tilo Gräser
    121123

    Deutliche Kritik am Vorgehen der US-geführten Allianz gegen den „Islamischen Staat“ (IS), an der die Bundeswehr beteiligt ist, übt der Friedensexperte Joachim Guilliard. Er wirft dem Westen und seinen Verbündeten „verschleierte Brutalität“ im Irak und in Syrien vor. Nachzulesen ist das in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Ossietzky“.

    Die Feldzüge der US-geführten Koalition in Syrien und im Irak sind „wesentlich verheerender sind als die der syrischen und russischen Streitkräfte“, stellt der Experte Joachim Guilliard fest.  Er zeigt, wie westliche Politik und Medien ein weiteres Beispiel für ihre Doppelmoral und Verlogenheit abliefern, wenn sie der syrischen Armee und ihren Unterstützern, darunter dem russischen Militär, vorwerfen, gegen den „Islamischen Staat“ (IS; auch Daesch) und andere Islamisten ohne Rücksicht auf Zivilisten vorzugehen.

    Das werde als „rücksichtsloser Krieg gegen die gesamte Bevölkerung des betroffenen Gebietes angeprangert“, schreibt Guilliard im aktuellen Heft der Zweiwochenschrift „Ossietzky“ vom 22. Dezember. Er widerspricht deutlich der antirussischen und antisyrischen Kampagne ebenso wie der westlichen Selbstdarstellung, mit angeblich präziseren Waffen einen Krieg gegen den „IS“ zu führen, der die Zivilsten schone. Eine Studie der britischen Initiative Airwars über die Luftkriege in Syrien und im Irak zeige, „dass die höhere Präzision der Waffen der Nato-Staaten beim Einsatz in dicht besiedelten urbanen Schlachtfeldern keineswegs geringere zivile Schäden und weniger Opfer verursacht“.

    Guilliard beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen von Krieg und Frieden und begleitet dabei auch die Ereignisse in der arabischen Welt sowie das westliche Vorgehen dort kritisch. Nachzulesen ist das auch in mehreren Büchern.

    Brutalität mit Präzision

    Die britische Gruppe sei mit ihrer Analyse zum Ergebnis gekommen, dass die Angriffe der US-geführten Allianz in den beiden Ländern zu noch größeren Schäden führen.

    „Durch das größere Vertrauen in ihre Treffsicherheit seien die Militärs, so der Verdacht, häufiger bereit, Explosionswaffen mit großer Sprengkraft in bevölkerungsreichen Stadtvierteln ein zusetzen.“

    Guilliard weist daraufhin, dass die britische Gruppe sich bemühe, objektiv zu sein, oftmals aber den westlichen Blick auf Syrien und das Vorgehen der dortigen Regierung und ihrer Verbündeten übernehme. Dennoch komme sie zu Ergebnissen, die den westlichen Darstellungen widersprechen. So habe sie festgestellt, dass auf Grundlage ihrer Untersuchungen die russischen Luftangriffe in Ost-Aleppo und Ost-Ghouta nicht mehr Opfer forderten als die der US-Allianz.

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    Der Autor macht darauf aufmerksam, dass Waffen mit bester Zielgenauigkeit und hoher Sprengkraft beim Einsatz in bewohnten Gebieten zu hohen Opfern führen. Das gelte gerade angesichts fehlender Informationen darüber, wo genau sich wie viele Zivilisten aufhielten. Das habe die westliche Allianz, die sich nur auf Luftaufklärung stütze, nie wissen können, wie sich dadurch auch nicht militärische Ziele von zivilen genau unterscheiden ließen.

    Ausgeweitete Bombardements

    Schon unter US-Präsident Barack Obama seien die Einsatzregeln für die US-Luftwaffe erweitert worden, so dass lokale Kommandeure vor Ort Bomben auf Ziele anfordern konnten. Unter Donald Trump sei im Mai 2017 die rücksichtlose Kriegsführung ausgeweitet worden, „indem sie das ‚Einkreisen und Auslöschen‘ des Daesch als neue Taktik anordnete. Die Rückkehr der in seinen Reihen kämpfenden Ausländer in die USA oder nach Europa sollte durch das Töten möglichst vieler Daesch-Mitglieder vor Ort verhindert werden.“

    Die angeblich geringen Opfer durch die Angriffe der US-geführten Allianz zur Befreiung von Rakka würden selbst einer oberflächlichen Betrachtung nicht standhalten. Guilliard verweist dabei auf eine Untersuchung von „Amnesty International“, die an Einzelfällen zeigt, dass viele Familien in Rakka einen Großteil ihrer Angehörigen durch die westlichen Bomben verloren.

    „Auch beim Sturm auf Mossul liegen Dichtung und Wahrheit weit auseinander“, schreibt der Experte. Während die US-Allianz inzwischen knapp über 300 zivile Opfer durch eigene Angriffe eingestehe, muss aufgrund einer Analyse der Lage vor Ort vom Sechzigfachen ausgegangen werden. Die Luftwaffen der USA, Großbritanniens und Frankreichs, unterstützt von Bundeswehr-Tornados, dürften für den Tod von mehr als 20.000 Zivilisten in Mossul verantwortlich sein.

    Unterschiedliches Vorgehen

    Guilliard erinnert daran, dass neben der „völligen Rücksichtslosigkeit“ das Vorgehen der westlichen Allianz durch fehlende Fluchtmöglichkeiten für Zivilisten vor den Angriffen gekennzeichnet ist.

    „Während sich die syrische und russische Führung stets um Fluchtkorridore bemühten, hatte die US-geführte Allianz Flugblätter abgeworfen, in denen die Bevölkerung zum Bleiben aufgefordert wurde.“

    Der IS in Mossul wie die dschihadistischen Milizen in Ost-Aleppo hätten die Zivilisten mit Waffen an der Flucht gehindert und sie als Schutzschilde missbraucht. Dennoch sei es in Aleppo gelungen, vielen Menschen die Flucht zu ermöglichen, so dass bei den Kamphandlungen zur Befreiung des Ost-teils der Stadt weniger von ihnen getötet und verletzt worden seien.

    Auch das Ausmaß der Zerstörungen der Orte zeige, „dass die Feldzüge der US-geführten Koalition wesentlich verheerender sind als die der syrischen und russischen Streitkräfte“. Mossul und Rakka seien weitgehend verwüstet und ganz Stadtteile in Trümmerfelder verwandelt worden.

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    Verheerende Folgen westlicher Angriffe

    Die Zerstörungen in Ost-Aleppo durch die Kämpfe hätte nicht dasselbe Ausmaß. Ein erheblicher Teil der Schäden dort sei bereits beim Einzug islamistischer Milizen 2012 angerichtet worden, so Guilliard. Vor allem die späteren Straßenkämpfe hätten mehr zerstört als die Luftangriffe, wie der schwedische Konfliktforscher Jan Oberg vor Ort herausgefunden habe.

    „Die syrische und russische Führung bemühte sich bei der Rückeroberung von Städte stets, durch Verhandlungen Entscheidungsschlachten in urbanen Zentren bis zum letzten gegnerischen Kämpfer zu vermeiden, indem sie allen Straffreiheit anboten, die bereit waren, ihre Waffen abzugeben, und freien Abzug für die, die nicht aufgeben wollten. Von Seiten der US-Allianz gab es hingegen keine entsprechenden Anstrengungen – mit zu erwartenden Folgen.“

    Guilliard stellt fest, der Krieg der US-Allianz mit deutscher Beteiligung in Syrien und im Irak „ist nicht nur brutal und rücksichtslos, er ist vielerorts auch mutwillig“. Der IS habe sich wie die anderen Islamistengruppierungen nur dank der Unterstützung aus den Golf-Monarchien, der Türkei und aus anderen Nato-Staaten halten können. So wäre es eigentlich ein Leichtes gewesen, ihm den Nachschub abzuschneiden und ihn so „auszutrocknen“.

    Doch vor keiner der westlich geführten Offensiven gegen die Islamisten sei eine Alternative zur „Befreiung durch Zerstörung“ auch nur diskutiert worden, kritisiert der Experte in seinem Beitrag in „Ossietzky“.

    „Die fürchterlichen Verbrechen an den Städten und ihren Bewohnern wurden aus völlig eigennützigen Interessen begangen: Schutz des Westens selbst vor fanatischen Kämpfern, die Ausweitung der eigenen militärischen Präsenz und die Besetzung syrischen Territoriums.“

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    Tags:
    Zerstörung, Befreiung, Krieg, IS, Barack Obama, Westen, Syrien, Irak, USA, Russland