03:53 24 April 2019
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    Russlands Bemühungen zum Ausweichen der Konfrontation gescheitert - Experte

    © Sputnik / Sergej Mamontow
    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Auf einen der unangenehmen Kontraste im scheidenden Jahr, der ihm aufgefallenen ist und auch im kommenden Jahr unverändert bleiben wird, verwies der politische Analytiker und Chefredakteur der Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“ Fjodor Lukjanow bei einer Expertenrunde zum Jahresschluss in der Wochenzeitung „Argumenty i fakty“.

    Dieser Kontrast besteht laut Lukjanow zwischen dem sich verwickelnden, immer chaotischer und gegenüber Russland immer aggressiver werdenden internationalen Milieu und dessen Druck auf Russland, bewusst oder auch aus natürlichen Ursachen, und Russlands Vorstellungen, wie sich die Situation stabilisieren ließe. „Diese aus den vorhergehenden Zeitperioden geerbten Vorstellungen stimmen nicht, da die jetzige Situation eine ganz andere Struktur hat. Wir sind Zeugen eines Versuchs von Russland, dieses Milieu zu stabilisieren, Mittel zu finden, sich davon abzuschotten oder aber, was noch schwieriger ist, es im eigenen Interesse auszunutzen“.

    Es werde nicht gelingen, so der Experte, sich daraus zurückzuziehen, inzwischen fehle die Idee, wie man darauf konstruktiv reagieren könnte. „Es ist zum endgültigen Paradigmenwechsel in der Weltarchitektur gekommen, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konstituiert und dann in einer etwas entstellten Form weitere 15 Jahre lang existiert hat. Die damalige Weltordnung entsprach den Gegebenheiten von damals, inzwischen entspricht sie gar nichts.“

    Dies betreffe insbesondere die Institutionen, die, wie allgemein geglaubt wurde, bei der Konfrontation des 20. Jahrhunderts den Sieg davongetragen haben, präzisiert Lukjanow. „Die westlichen Institutionen einschließlich der scheinbar erfolgreichen wie die Nato und die EU, die nach 1992 fest im Sattel gesessen haben, rutschen immer tiefer in eine massive Krise. Zugleich ist die Kräfteverteilung auf der Weltbühne in einem grundlegenden Wandel begriffen. Die berüchtigte multipolare Welt, nach der es so manchen verlangt hat, ist endlich da. Es hat sich aber schnell herausgestellt, dass diese Erscheinung an sich kein Problem löst, sondern bloß ein neues, noch undurchsichtigeres Milieu erzeugt.“

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    Der Politologe nimmt an, dass der Kampf um die Weltherrschaft erst jetzt beginnt „und die USA, wie man es auch nimmt, nach wie vor der Hauptmotor aller globalen Prozesse sind. Sie suchen auch selbst nach dem Format, in dem die amerikanische Vorherrschaft in der Welt ihren Interessen entsprechen könnte, da die Amerikaner zu der Schlussfolgerung gekommen sind, dass die frühere Weltordnung, die nach dem Kalten Krieg und bis zuletzt funktioniert hat, nicht mehr in ihrem Interesse liegt“.

    Vor diesem Hintergrund habe Russland, so Lukjanow, aus objektiven Gründen seine Sicht dessen erschöpft, was es eigentlich anzustreben habe. „Die Hauptaufgabe, von der das russische außenpolitische Denken angetrieben wurde, bestand in der Notwendigkeit zu beweisen, dass die Katastrophe von 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht fatal gewesen war, sondern Russland in der Lage war, als einer der Schlüsselakteure in die Weltarena zurückzukehren. Dies hat man gewissermaßen auch erreicht.“

    Das Geschehen in der Ukraine, vor allem aber in Syrien habe gezeigt, dass die Versuche des Westens, Russland zu ignorieren oder es zu isolieren, weder klappen noch klappen werden, ist sich der Politologe sicher. „Im Hinblick darauf muss man sich fragen: Wo soll es nun hingehen? Dieses Niveau zu halten, während die gesamte Weltlage in alle Richtungen ausufert, ist kaum möglich und würde mit einer noch stärkeren Spannung einhergehen. Das Jahr 2019 verspricht nichts grundsätzlich Neues, verspricht aber eine Verstärkung dieser Tendenzen.“

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    Laut der Prognose des Analytikers stehen uns ein paar „wunderbare“ Monate bevor, „wenn das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten, in dem die Demokraten den Ton angeben, neue Sanktionen gegen Russland beschließen wird“; dazu komme noch die Untersuchung des Sonderermittlers Mueller. „Dies wird eine fantastisch spannende Show werden. Trump wird von allen Seiten angegriffen, so dass ihm vor lauter ‚Zurückbellen‛ auf allerlei gerichtliche Klagen und Anfeindungen gar keine Zeit für die Arbeit übrig bleibt. All das bedeutet nicht, dass es zu einer Art Wandel kommen wird. Auch die strategischen Richtlinien, die von den USA eingeschlagen worden sind, werden sich kaum verändern, selbst falls Trump von seinem Amt zurücktritt und ein anderer an seine Stelle kommt. Die USA werden ihre Vorrangstellung sichern wollen, nur vielleicht in einem anderen Stil oder mit anderen Mitteln.“

    Was Russland anbetrifft, geht Lukjanows Bilanz für 2018 dahin, dass die Hoffnung, die Beziehungen zum Westen, also zu den USA und der EU, so oder anders zu stabilisieren, haltlos sei. „Nicht etwa, weil die Leute dort besonders hämisch oder unsere Diplomaten dort unfähig wären, sondern einfach, weil der Westen (und vor allem Europa), vertieft in seine inneren Angelegenheiten, kein Auge dafür hat. Russland ist indessen leider nur als ein negativer Konsolidierungsfaktor innerhalb der EU bzw. innerhalb gewisser US-Gruppierungen brauchbar.“

    Der Experte schlussfolgert: „Alle unsere Bemühungen, Besuche bei einer Hochzeit, bei Feierlichkeiten in Paris oder woanders, helfen nichts. Und während die europäischen Events wenigstens harmlos sind, belasten die Gipfeltreffen mit Trump, wie wir gesehen haben, die ohnehin brenzlige Situation zusätzlich. Mehr Optimismus und bessere Perspektiven lässt die östliche Richtung erwarten. Auch da gibt es eine Menge Probleme, es fehlt aber zumindest die fatale Depression, welche die russische Westpolitik befallen hat“.

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    Tags:
    Druck, Krise, Konfrontation, EU, NATO, Westen, USA, Russland