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02:49 12 November 2019
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    Bildschirm eines Laptops mit der Internetseite des deutschen Bundestags

    Die verzweifelte Suche nach „russischen Spuren“ in einem deutschen Hackerangriff

    © AFP 2019 / Odd Andersen
    Politik
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    Wenn keine Spuren nach Russland führen, muss man diese Spuren erfinden. Unter diesem Motto agieren seit Jahren die Mainstream-Medien. Besonders wenn es um Hackerangriffe geht. Aber nicht nur dann.

    Am 4. Januar war bekannt geworden, dass Hacker massenweise Daten von Hunderten deutschen Politikern und anderen Prominenten ins Internet gestellt haben. Zuerst berichtete rbb über den Fall, dann schlossen sich andere Medien ein. Politisch brisant waren die Unterlagen nicht. Auch waren keine „sensiblen Daten“ von Ministerien oder etwa der Bundeskanzlerin veröffentlicht worden.

    Am Sonntagabend nahm die Polizei einen Verdächtigen fest: Einen 20-jährigen Schüler aus Mittelhessen, der noch bei seinen Eltern wohnt. Der junge Mann gestand den Hacker-Angriff und leistete Aufklärungshilfe, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung der Ermittler.

    Wie sollen Journalisten in einer solchen Situation handeln? Der Algorithmus ist einfach: Zuerst berichtet man, dass es offenbar einen massiven Hackerangriff auf Politiker gegeben hat. Dann verfolgt man die Ermittlung. Und dann, wenn die Ermittlung zu Ende ist, teilt man die offiziellen Aussagen des Bundeskriminalamtes mit und fasst zusammen, wer dahintersteckt. Voilà!

    „Bild“-Redaktion: Der Russe war es!

    Diese Art und Weise der journalistischen Arbeit ist jedoch nicht bei allen Zeitungen üblich. Über den Datenleak war noch kaum etwas bekannt, aber „Bild“ hatte bereits einen Verdacht. Ein Paar schöne Zitate:

    · Normalerweise ist das eine Methode der Hacker des russischen, auf Cyberkrieg spezialisierten Militärgeheimdienstes GRU.

    · Als Urheber oder Unterstützer kämen Staaten wie Russland und China infrage, hieß es zunächst. Besonders Russland stehe im Verdacht, seit Jahren massiv Hackerangriffe auf Deutschland zu befehlen. Auch ein Zusammenwirken Russlands mit rechtsextremen deutschen Gruppen sei nicht auszuschließen.

    · Bei russischen Geheimdiensten heißt ein solches Material „Kompromat“ — also Erpressungs-Material. 

    Der Autor eines Artikels, der Politik-Redakteur Julian Röpcke, versuchte in seinem Twitter-Account objektiv zu sein: „Ich benutze das Wort „Russland“ nicht, da es bislang keine Beweise seiner Beteiligung gibt.“

    Hut ab!

    ​Doch wäre der „Bild“-Journalist kein „Bild“-Journalist, wenn er keinen Anlass finden könnte, Russland-Verbindungen zu verdächtigen:

    ​Im Morning-Briefing von Gabor Steingart am 8. Januar äußerte sich auch „Bild“-Chef Julian Reichelt zu dem Hackerangriff. „Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben“, so Reichelt gegenüber Steingart. „Das muss eine größere Struktur gewesen sein.“ Das Wahrscheinlichste sei, dass es „zumindest staatliche Unterstützung – von welcher Seite auch immer – für diesen Hack gab.“ Welche Seite das war, präzisiert er nicht. Zu offenbar?

    Man ist seit langem daran gewöhnt, dass es bei „Bild“ für Russland die Schuldvermutung gilt. Aber echt bedauerlich ist die Tatsache, dass eine „Truppe hochspezialisierter Investigativreporter“, wie Steingart die Arbeit der „Bild“-Mitarbeiter beschrieb, sich so leicht von einem 20-jährigen Schüler (der höchstwahrscheinlich nämlich bei Pizza und Cola den Hackerangriff ausübte) betrügen ließ.

    Netz lacht „Bild“ aus

    Die ganze Geschichte scheint so unglaublich zu sein, dass sich die Nutzer nicht einmal empören. Stattdessen verspotten sie „Bild“ mit ihren Russen-Theorien.

    Auch ARD und ZDF von „russophober Hysterie“ betroffen

    „Bild“-Chef Julian Reichelt macht aber kein Geheimnis daraus, dass seine Zeitung ein Boulevardblatt ist. Billige Panikmache, einseitige Berichterstattung, Zuspitzen und Vereinfachen gehören dazu. Dafür bekam er bereits einen (Negativ-) Medienpreis – die Goldene Kartoffel – für die „unterirdische Berichterstattung“. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF sollten sich ein wenig anders benehmen. Sie machen das aber nicht.

    Die ARD veröffentlichte am selben Tag des Angriffs ein Interview mit Patrick Gensing von den ARD-faktenfindern, wo er behauptet, es sei durchaus möglich, dass sich diese Unbekannten, die das veröffentlicht haben, bei Hacks aus russischen Quellen bedient haben. Das ZDF vermeidet es, einen direkten Schuldigen zu nennen, erwähnt aber auch Russland: „In den vergangenen Jahren haben die deutschen Sicherheitsbehörden vor allem mit gefährlichen Cyber-Attacken aus Russland und China zu tun, bei denen häufig auch staatliche Stellen im Hintergrund vermutet werden.“ Beweise? Es gibt keine. Aber „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ging die Bundesregierung davon aus, dass hinter den vorjährigen Hackerangriffen auf den Bundestag Russland steckt.

    Seehofer, Bundeskriminalamt und gesunder Verstand: Keine Indizien

    Am 8. Januar gab Bundesinnenminister Horst Seehofer zusammen mit Sicherheitsbeauftragten eine Pressekonferenz zum Hackerangriff. Ein RT-Journalist fragte die Leiter von BSI, BKA und den Innenminister, ob es irgendwelche Indizien für staatliche Unterstützung gibt. Die Antwort war eindeutig: Nein, nein, nein!

    Stimmen der Vernunft gibt es auch in der deutschen Presse. Jedoch ist das Wort „Russland“ nicht zu vermeiden. „Der Täter kommt aus Mittelhessen, nicht aus Moskau. (…) Keine organisierten und möglicherweise staatlich unterstützten Hackergruppen aus Russland, wie sie hinter dem Hack des Bundestags 2015 vermutet werden, sind dafür verantwortlich, dass persönliche Daten von fast 1.000 Menschen veröffentlicht wurden“, schreibt „Die Zeit“.

    „Opfer des jüngsten Hackerangriffs sollen in den vergangenen Tagen Anrufe mit Nummern aus Russland bekommen haben. In Sicherheitskreisen wird aber bezweifelt, ob die Anrufer auch die Urheber des Hackerangriffs waren“, berichtet Focus.

    Viel Lärm um nichts – und nicht zum ersten Mal

    So sieht der Thesenjournalismus aus, den viele Medien so gerne ausüben. Zuerst wird die „These“ festgelegt, Russland sei ein Bösewicht. Dann sammelt man nur noch Informationen, die diese Meinung stützen. Und Claas Relotius ist nicht das einzige Beispiel.

    Am 30. Mai wurde in der Ukraine der russische TV-Journalist und Kreml-Kritiker Arkadi Babtschenko ermordet. Am nächsten Tag erschien der 42-Jährige auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes SBU und erzählte, dass das Attentat nichts weiter als Theater gewesen sei. Doch wurde er sofort auf den Altar der elitären Journalistik emporgehoben, und die Schuld Russland zugeschoben.

    „Prominenter regierungskritischer Journalist #ArkadiBabtschenko in Kiew erschossen — Spätestens jetzt sollen die EU-Staaten ernsthaft über einen Boykott der #WM2018 nachdenken“, hieß es in einem Tweet der Organisation noch vor Abschluss der noch nicht einmal begonnenen Ermittlungen, die sich zudem kurz darauf als vorgetäuscht entpuppten. Der Tweet wurde mittlerweile gelöscht.

    Der Meinung schloss sich auch der politische Redakteur der „Bild“, Julian Röpcke, an: „Putins Regime mordet und mordet und mordet“, twitterte er.

    ​Nach dem Comeback von Babtschenko änderte sich die Tonlage kaum: Doch der Kreml sei sowieso schuld, liest es sich zwischen den Zeilen. Und er bleibt immer schuldig, solange nicht das Gegenteil bewiesen wird.

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    Tags:
    Meinungsstimmung, Meinungsmanipulation, Manipulationen, Russophobie, Journalisten, Hackerangriff, Rechtsextremismus, GRU, Focus, Bild-Zeitung, ZDF, Bundestag, ARD, Julian Reichelt, Julian Röpcke, Angela Merkel, Deutschland, Russland, China