13:06 21 März 2019
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    Die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Athen

    Schuldenschnitt und raus aus dem Euro – Ex-BDI-Präsident zu Griechenland

    © AFP 2018 / Aris Messinis
    Politik
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    Matthias Witte
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    Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrer Griechenland-Reise die Reformpolitik der Regierung gelobt. Die Kanzlerin rechnet mit der Rückkehr Griechenlands an die Finanzmärkte. Hans-Olaf Henkel, EU-Parlamentarier und Ex-Präsident des Industrieverbandes, ist skeptisch und macht einen anderen Vorschlag.

    Seit der Schuldenkrise im Jahr 2010 hat Griechenland dreimal jeweils milliardenschwere Hilfspakete der EU-Partner angenommen, um im Euro-Raum zu bleiben. Die Bundeskanzlerin lobte Ministerpräsident Alexis Tsipras, der 2015 noch einer ihrer größten Kritiker war, am Donnerstagabend in Athen. Nach seiner Amtsübernahme setzte Tsipras die von Brüssel und Berlin verlangten Reformen und Sparmaßnahmen weitgehend um. Allerdings mahnte Merkel nach Angaben der Deutschen Presseagentur im Anschluss an das Treffen, Griechenland sei noch nicht am Ende des Reformweges angelangt.

    Die Kanzlerin würdigte zugleich die Anstrengungen des griechischen Volkes, „das durch schwierige Zeiten gegangen ist“, um aus der Finanzkrise zu kommen. Tsipras betonte, Merkel erlebe ein völlig anderes Griechenland, das Wachstum erziele. „Wir sind nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung“, zitiert die DPA den Politiker.

    „Griechische Finanzkrise war kein Unfall aus heiterem Himmel“

    Dass die Griechen tatsächlich aus dem Schneider sind, bezweifelt Hans-Olaf Henkel, ehemaliger Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI). „Das haben die Griechen nach jedem Rettungspaket versprochen, und dann wurde das nächste fällig“, sagte Henkel gegenüber Sputnik. Merkels Besuch werde nicht dazu führen, dass Griechenland nicht auch ein viertes Rettungspaket brauche.

    „Die Staatsverschuldung Griechenlands ist unverändert gefährlich und hoch. Das Wachstum ist unverändert schwach. Die Arbeitslosenrate – vor allem bei den jungen Leuten – ist skandalös“, beschreibt Henkel aus seiner Sicht den Zustand der griechischen Gesellschaft.

    Dann kritisiert er die Kanzlerin und die Presse: „Ich höre, dass sämtliche Medien Frau Merkel hinterherlaufen und genau das sagen, was sie selbst sagt. Man spricht von den ‚verheerenden Folgen der Finanzkrise, die Griechenland getroffen hätten‘ so, als sei es ein Unfall aus heiterem Himmel gewesen. Nein, es war kein Unfall, es war der Euro, der Griechenland in diese Situation gebracht hat.“ Jeder vernünftige Ökonom wisse das. Der Euro sei viel zu stark für die griechische Wirtschaft. Daran habe sich bis heute nichts geändert.

    Eine Lösung, die Schule machen könnte

    Henkel hat einen Lösungsvorschlag, der nicht neu ist, wie er zugibt: „Griechenland sollte aus dem Euro-Raum aussteigen.“ Er hat noch eine Ergänzung:

    „Man könnte den Griechen vorschlagen, ihnen die Hälfte ihrer Schulden zu erlassen. Das wurde bisher nicht gemacht, weil behauptet wurde, dass die Griechen immer alles zurückzahlen. Aber da das Geld sowieso schon weg ist, würde das den deutschen Steuerzahler auch nichts kosten.“

    Was sarkastisch klingt, sei ernstgemeint, betont Henkel: „Wenn man den Griechen sagt: ‚Wenn ihr geht, erlassen wir euch einen Großteil der Schulden‘, dann hat Tsipras seinem Volk ein neues Angebot zu machen. Ein Angebot, dass er bisher nicht machen konnte.“

    Henkel sieht in diesem Szenario eines griechischen Euro-Ausstiegs ein Modell, das Schule machen könnte: „Nehmen wir einmal an, nach einer entsprechenden Abwertung wächst die griechische Volkswirtschaft wieder, die Arbeitslosigkeit sinkt. Das wäre ein Zeichen an andere, ähnlich gelagerte Länder, das Gleiche zu tun, und dazu würde dann auch Italien gehören.“

    Das komplette Interview mit Hans-Olaf Henkel zum Nachhören:

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    Tags:
    Staatsverschuldung, Bundeskanzlerin, Staatsbesuch, Schuldenkrise, EU-Ausstieg, Euro, Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), Eurozone, EU, Alexis Tsipras, Angela Merkel, Athen, Griechenland, Deutschland