08:57 22 Januar 2019
SNA Radio
    Rosa Luxemburg (im hellen Kleid) spricht 1907 Arbeiter in Stuttgart an

    „Von Rosa Luxemburg können wir Einiges lernen“ – Linkspartei-Stiftung erinnert

    © AP Photo /
    Politik
    Zum Kurzlink
    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (25)
    93618

    Vor 100 Jahren wurde die Kommunistin Rosa Luxemburg ermordet, neben Karl Liebknecht. Die parteinahe Stiftung der Partei Die Linke trägt seit 20 Jahren ihren Namen. Die Stiftungsvorsitzende Dagmar Enkelmann spricht im Interview über das Gedenk-Programm, aber auch darüber, was Luxemburg heute für die Gesellschaft und die eigene Partei bedeuten kann.

    Die Linkspartei-nahe Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) erinnert seit Monaten mit rund 250 Veranstaltungen bundesweit an die Novemberrevolution 1918 und die nachfolgenden Ereignisse vor 100 Jahren. Am Donnerstag stellte die Stiftungsvorsitzende Dagmar Enkelmann gemeinsam mit dem Historiker Jörn Schütrumpf und der Filmemacherin Inga Wolfram das Programm der nächsten Tage aus Anlass des 100. Jahrestages der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor. Sputnik hatte danach die Gelegenheit mit der RLS-Vorsitzenden, die jahrelang für die PDS und die Linkspartei im Bundestag saß, zu sprechen.

    Frau Enkelmann, was plant Ihre Stiftung zur Erinnerung an den 100. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar?

    Wir haben schon eine ganze Reihe von Veranstaltungen durchgeführt, zur Novemberrevolution, zur Gründung der Kommunistischen Partei und auch in Erinnerung an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Am 15. Januar werden wir uns auf dem Breitscheidplatz in Berlin treffen. Wir werden durch eine Lesung mit Gregor Gysi an Rosa Luxemburg erinnern. Wir werden kleine Filme zeigen und dann vom Breitscheidplatz zum Landwehrkanal gehen. Wir werden mit einer kleinen Prozession darauf aufmerksam machen: „Hier ist sie ermordet und dann in den Landwehrkanal geworfen worden.“ Es sollte etwas emotionaler werden. Ich glaube, das gehört mit dazu. Wenn man sich einer Person nähert, dann sollte das emotional sein. Im Anschluss wird es dann in der Volksbühne eine Veranstaltung geben, eine Art Gala-Essen – mit Musik, mit Künstlerinnen, die ebenfalls Rosa Luxemburg lesen, aus Briefen, aus Schriften. Wir werden diese Form nutzen, um einfach in einer etwas anderen Form daran zu erinnern, dass es Rosa Luxemburg gegeben hat.

    Anlass für eine neue Aufmerksamkeit für das Geschehen vor 100 Jahren ist eben auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Sie haben beim Pressegespräch gesagt, es geht nicht nur um eine Trauerveranstaltung. Wie sollen die Veranstaltungen mehr sein als eine Trauerveranstaltung?

    Ich fange damit an, dass Rosa Luxemburg zu DDR-Zeiten nicht die Rolle gespielt hat, die sie eigentlich hätte spielen müssen, wenn es darum geht, eine andere Gesellschaft aufzubauen, eine Partei zu entwickeln. Sie hat das sehr viel Anregungen gegeben, auch sehr viel Kritisches eingebracht. Ich hätte mir gewünscht, dass man sie zu DDR-Zeiten von dem Sockel runterholt und ihre Sichten diskutiert, nutzt für die eigene Erfahrung.

    Die RLS-Vorstandsvorsitzende und ehemalige Bundestagsabgeordnete Dr. Dagmar Enkelmann
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die RLS-Vorstandsvorsitzende und ehemalige Bundestagsabgeordnete Dr. Dagmar Enkelmann

    Deswegen ist für uns der 100. Todestag ein Anlass, uns mit ihr zu beschäftigen. Aber eben nur ein Anlass. Wir sind schon seit vielen Jahren dran, ihre Schriften zu veröffentlichen und sie auch in politische Bildungsarbeit mit einzubringen. Das ist etwas Wichtiges, dass wir nicht nur Zitate herausgreifen, sondern dass wir ganze Schriften lesen. Dass wir versuchen, zu erkunden: Wie passt das in die Zeit? Was hat das für Heute zu sagen? Welche grundsätzlichen Fragestellungen gibt es?

    Das ist das, was wir tatsächlich tun. Insofern ist das jetzt eher eine Zäsur, ein Zwischenschritt. Ich habe vorhin auch gesagt, wir sollten stärker diese Überlegungen von ihr in die strategische Debatte mit einbringen. Es lohnt sich tatsächlich, dort nachzuforschen und nachzugraben. Das wieder hervorzuholen und tatsächlich miteinander zu diskutieren.

    Sie wünschen sich, dass es nicht nur an solchen Jahrestagen solch eine Aufmerksamkeit gibt. Nun ist Ihre Stiftung nach Rosa Luxemburg benannt und kümmert sich natürlich besonders um deren Werk. Aber wenn ich mir diese Veranstaltungen und das historische Ereignis anschaue: Wo bleibt der Andere der beiden Ermordeten, Karl Liebknecht, der in der ganzen Geschichte eine wichtige Rolle spielte?

    Er geht nicht verloren. Natürlich erinnern wir auch an Karl Liebknecht. Aber wir sind nun mal die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Wir werden Liebknecht künftig sicherlich noch eine größere Rolle zuwenden. Vieles von dem, was Rosa Luxemburg geschrieben hat, auch nachdenkliche und strategische Fragen, findet sich auch in Briefen an die Frau von Karl Liebknecht und an ihm selbst wieder. Zum Gesamtbild gehört Karl Liebknecht unbedingt dazu. Natürlich.

    Nun ist die Rosa-Luxemburg-Stiftung die politische Stiftung der Linkspartei. Rosa Luxemburg war eine Kommunistin. Welches Verhältnis hat die Partei Die Linke – Sie waren ja selber aktive Politikerin der Partei und im Bundestag – zu der Kommunistin Luxemburg entwickelt?

    Vielleicht noch ein zu geringes Verhältnis, würde ich sagen. Rosa Luxemburg ist eine Mitbegründerin der Kommunistischen Partei, einer der Wurzeln der heutigen Linkspartei. Insofern hat sie als Person dort eine ziemlich große Rolle gespielt. Aber ich glaube, das, was sie an strategischem Denken und Anregungen mitgibt, für die Konzeption und Entwicklung der Partei und eines anderen Gesellschaftsmodells, all das, was sie dort an Ideen eingebracht hat, das spielt zu wenig eine Rolle in der Partei. Das betrifft insbesondere das moderne Gesellschaftsmodell.

    Die Rosa-Luxemburg-Statue von Rolf Biebl vor der RLS-Zentrale in Berlin, im Hintergrund zwei Werke von Ingeborg Hunzinger, die links Karl Liebknecht und rechts die Luxemburg-Freundin Mathilde Jacob zeigen
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die Rosa-Luxemburg-Statue von Rolf Biebl vor der RLS-Zentrale in Berlin, im Hintergrund zwei Werke von Ingeborg Hunzinger, die links Karl Liebknecht und rechts die Luxemburg-Freundin Mathilde Jacob zeigen

    Wir sind sehr schnell dabei zu sagen, was wir nicht wollen. Aber die Alternative zu entwickeln, da müssen wir als Die Linke und als Stiftung deutlich stärker arbeiten. Wir sind sehr schnell dabei zu sagen, Demokratie und Sozialismus gehören zusammen. Das ist eine Erfahrung aus der DDR. Aber was heißt das konkret? Was heißt das für das Sozialismus-Modell? Was heißt das tatsächlich für die Auseinandersetzung mit der Demokratie, die wir gegenwärtig erleben? Wie kritisch gehen wir damit um?

    Beim Verhältnis von Parlamentarismus und außerparlamentarischer Bewegung sagen wir sehr schnell: Das muss man miteinander verbinden. Aber was heißt das konkret? Wo wird das konkret erkennbar? Sind wir nicht viel zu schnell dabei, dass wir uns ins Parlament eingraben, die ganzen Papiere bearbeiten und dabei ein Stück weit außen vor lassen, was denn eigentlich außerhalb passiert? Damit gehen uns Themen verloren, wo Antworten aus linker Sicht gefragt werden.

    Deshalb glaube ich, dass wir bei Rosa Luxemburg nicht sagen: Jetzt ist der 100. Todestag vorbei und wir gehen zur Tagesordnung über. Nein, ich glaube, es lohnt sich, sich mit ihr intensiver zu beschäftigen, und das sollten Partei und Stiftung gemeinsam tun.

    Am bekanntesten ist die Losung von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Was bleibt für Sie als Stiftungsvorsitzende, als ehemalige Politikerin der Linkspartei von Rosa Luxemburg nach diesem Jahrestag darüber hinaus, angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen?

    Das von Ihnen genannte Zitat stammt aus der Schrift über die Russische Revolution, die erst nach ihrem Tod veröffentlicht worden ist. Das meint etwas, das tatsächlich Anspruch an politische Bildung ist. Also nicht zu sagen: Ich habe hier ein Ideologie-Konzept und das lerne, lehre oder vermittle ich. Sondern tatsächlich Freude an der Auseinandersetzung zu haben., wo Menschen anders denken, anders aussehen, sich anders organisieren, wo Menschen auch Zweifel haben an Entwicklungen. Und das nicht per sé abzuschotten und zu sagen: Das ist schlecht. Dieses Schwarz-Weiß-Bild, das wir da mitunter haben. Das war ja auch eine Kritik, die sie an den Bolschewiki und ihreem Motto „Wer nicht für die Bolschewiki ist, ist Menschewiki.“ hatte.

    Aktuell würde das heißen: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das ist nicht die Form der Auseinandersetzung, die sie wollte. Umgang mit Andersdenkenden heißt, zum einen Respekt zu haben. Aber zum anderen auch, die eigenen Argumente zu schärfen – aber in einem respektvollen, kulturvollen Miteinander. Und da können wir einiges lernen von Rosa Luxemburg.

    TV-Tipp: 

    Der TV-Sender Arte zeigt am Dienstag, 15. Januar 2019, den Film „Rosa Luxemburg – Der Preis der Freiheit“ von Inga Wolfram. Der Film wird am Samstag, 12. Januar 2019, im Berliner „Kunstquartier Bethanien“ im Rahemn einer Erinnerungsveranstaltung an Rosa Luxemburg voraufgeführt.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (25)
    Tags:
    Mord, Kritik, Kommunismus, KPD, PdL, Die LINKE-Partei, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Weimarer Republik, DDR, Deutschland