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11:21 20 Juli 2019
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    Stau auf der A3 nahe Düsseldorf (Archivbild)

    Stau-Rekord in Deutschland: „Politiker haben Autobahnen totgespart“

    © AFP 2019 / DPA / David Young
    Politik
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    Marcel Joppa
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    Im vergangenen Jahr hat es auf deutschen Autobahnen so viel Stillstand gegeben wie noch nie: Der ADAC hat 2018 über 745.000 Staus registriert. Automobilexperte Prof. Ferdinand Dudenhöffer ist sich sicher: Die Politik hat komplett versagt. Er bringt nun ein Schweizer Modell ins Gespräch, dass den deutschen Autofahrern viel Ärger ersparen könnte.

    Nichts geht mehr: Für Autofahrer ist das deutsche Verkehrsnetz immer mehr zur Nervensache geworden. Laut einer aktuellen Untersuchung des ADAC hat es im vergangenen Jahr rund 745.000 Staus auf den Autobahnen des Landes gegeben, die Fahrzeuge standen auf einer Gesamtlänge von mehr als 1,5 Millionen Kilometern. Das ist ein absoluter Negativrekord.

    Stauland Deutschland

    Doch wer hat daran genau Schuld? Geht es hier um Missmanagement oder schlicht zu vielen Fahrzeugen in Deutschland? Fragt man Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte an der Universität Duisburg-Essen, ist die Antwort eindeutig. Er spricht von einem politischen Versagen:

    „Es ist so, dass in Deutschland jahrzehntelang bei den Straßen gespart worden ist. Das führt natürlich dazu, dass Deutschland immer stärker zum Stauland wird. Das heißt, unsere Politiker haben unsere Infrastruktur totgespart. Deshalb haben wir die längsten Staus, die es jemals gab.“

    Auch viele Brücken seien laut dem Experten so marode, dass sie bereits für LKW dauerhaft gesperrt seien.

    Politiker drücken sich vor Verantwortung?

    Für Autofahrer ein bekanntes Bild: Kilometerlange Baustellen, an denen aber niemand aktiv zu arbeiten scheint. Deshalb wird als Sündenbock von Politikern immer wieder gerne die Baubranche genannt, die mit den Aufträgen nicht hinterher käme. Das will Prof. Dudenhöffer aber nicht gelten lassen:

    „Es ist so, dass man jetzt zwar Straßen baut und jetzt plötzlich Geld ausgibt, aber man weiß auch, dass das von heute auf morgen nicht geht. Der Hauptgrund ist also schon die Politik, die jahrzehntelang gespart und nicht in die Straßeninfrastruktur investiert hat. Sie haben zugeschaut, wie die Straßen marode geworden sind, und jetzt stehen sie vor dem Dilemma.“

    Im Schnitt gab es im Vorjahr mehr als 2000 Staus pro Tag, ein Drittel davon allein in den Ballungsgebieten von Nordrhein-Westfalen. Bereits 2017 war stautechnisch ein Rekordjahr, doch im Vergleich zu 2018 gab es noch einmal einen Anstieg von fünf Prozent.

    ​Nach NRW folgen im Stau-Ranking Bayern und Baden-Württemberg auf den Plätzen zwei und drei. Einfach kurzfristig mehr Geld in die Infrastruktur zu investieren, greift laut Prof. Dudenhöffer dabei zu kurz. Er sieht die Lösung in einem Modell aus der Schweiz, wo das Straßennetz „um Lichtjahre“ besser sei:

    „Denn dort gibt es eine öffentliche Institution, die immer einen festen Anteil der Mineralölsteuer bekommt. In Deutschland geht diese Steuer komplett in die Staatskasse, Politiker geben dieses Geld aus, wie sie denken. In der Schweiz bleibt dieses Geld fest bei einer Behörde, die permanent für Straßenoptimierung und Infrastrukturoptimierung zuständig ist.“

    Deshalb sei das Straßennetz in der Schweiz so gut und in Deutschland zum Teil katastrophal. Unter den Fernautobahnen nahm übrigens die A3 von Köln über Frankfurt am Main nach Passau den Spitzenplatz der am stärksten betroffenen Strecken ein. Auf Platz zwei folgt die A1 von Lübeck über Hamburg nach Köln.

    Wird es noch schlimmer?

    Geht es nach dem Bundesverkehrsministerium, sollen immer mehr Autobahnstrecken an private Investoren übergeben werden: Firmen planen Autobahnabschnitte, sie bauen sie aus, betreiben sie und halten sie instand. Im Gegenzug werden die Unternehmen an den LKW-Mauteinnahmen beteiligt. Für Prof. Dudenhöffer ist das zwar eine Möglichkeit, das Schweizer Modell habe aber einen deutlichen Vorteil:

    „Man muss so vorgehen, dass man feste Einnahmen für die Infrastruktur vorsieht. Politiker planen immer nur kurzfristig, kurz vor der nächsten Wahl werden dann irgendwelche Programme durchgeführt, die Wählerstimmen bringen. Und die Infrastrukturerneuerung – auf der Straße und auch bei der Bahn – wird auf die lange Bank geschoben.“

    Dies ende laut Prof. Dudenhöffer dann in Situationen, die eines Industrielandes wie Deutschland wirklich nicht würdig seien. Das Bundesverkehrsministerium hatte im Übrigen Anfang des Jahres verkündet, die Maut für ausländische PKW auf deutschen Straßen im Oktober 2020 einführen zu wollen. Ob dies aber tatsächlich zu spürbaren Investitionen in die Infrastruktur führen wird, zweifeln zahlreiche Experten derzeit noch an.

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Dudenhöffer zum Nachhören:

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    Tags:
    Verkehrschaos, Autobahn, Bauarbeiten, Infrastruktur, Stau, Lkw, ADAC, Bundesregierung, NRW, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Deutschland